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PRÄ|POSITION
TEXTUREN Monika Rinck / SAID

Jetzt brauchen wir eine, die Lippen lesen kann

Die schönste Seite der Krise ist der Wendepunkt, von dem an nichts mehr ist und nichts mehr sein kann, wie es war. Und während uns die Sicherungen abhanden kommen, ist es Frühling geworden, nur haben wir ihn nicht gesehen. Darum schreiben wir an seiner Chronik auf Deutsch, Persisch und Englisch.

Der Frühling ist eine Fremd­sprache, darum überhören wir sein Ver­sprechen. Darum täuschen wir uns im Frühling. Sitzen hinter geöffneten Fenstern und schauen hinaus. Unser Blick schwach, wie eine gebrochene Blüte. Was bezeugen dann die Früh­lings­ge­schichten? In ihrem Innern dröhnt die Welt; außen aber ist alles stumm. Also fantasieren wir über Fahrten ins Nirgendwo. Träumen vom Wasser, in dem wir noch nicht schwimmen können. Denn diese Tage sind kühl. Aber es liegt ein Hoffen im Sehnen. Es gibt Einbildung. Und gerade, weil sie möglich ist, muss davon berichtet werden.

»jetzt brauchen wir jemanden, der von lippen lesen kann«, schreibt SAID. Brauchen eine Lippen­leserin, die die Zeichen deuten kann. Jemand, der die Tulpen unter­scheiden kann. Eine, die den Strauß binden kann, sagt Monika Rinck. Brauchen eine, die die Texte überträgt und ihre Gedichte mit seiner Geschichte parallel gehen lässt, geeint im fremden Gefühl.

Und geeint »im schönheits­raum des persischen«, wie mir SAID, der den Iran einst ver­lassen hat, schreibt. Im Persischen, wo das Jahr im Frühling beginnt. Am Tag des Nowruz (نوروز), am neuen Tag. Immer dann, wenn die Dauer eines Tages mit der Dauer einer Nacht parallel geht. Der Tag der Rituale. Darunter das Lesen aus einem Band von Hafis. Das Einander-Vorlesen und das blind ausgewählte Gedicht, so das Versprechen, wird zum Begleiter für das Jahr des Gegen­übers. Wir kennen diesen neuen Tag unter einem anderen Namen: Frühlingsanfang.

von Konstantin Schönfelder
(übersetzt von Raha Golestani)

Die Gärtner blühen


Die Gärtner kommen mit den neuen Trieben angeflogen.

Vogeldocht! Lord der Vögel! Die Gärtner landen, sie wurzeln.

Die Gärtner treiben aus. Pollenumtost. Kaum noch zu sehen.

Das ging schnell. Ein temporeiches Geschehen. Woran liegts?

Es liegt am wunderlichen Wegrasen der Stunden in diesen Tagen.

Ich nehme die Zeitung entgegen mit den Todesanzeigen. Ich habe

die Tastatur angefasst, genau jetzt. Ich möchte so gerne ins Wasser.

Ich würde das Wasser auch in den Garten tragen und die Gärtner

würde ich gießen, nach Maßgaben des schamanischen Wässerns.

Aber ach, im Bann des Verdachts wird einstweilen garnichts gemacht.

Die Gärtner stehen in den Gärten und blühen auf, blühen, blühen ver.

Was ham die VÖSCHEL mit mir gemacht?


Was für ein enorm geräumiger Frühling! Was für Stimmen!

Die Vöschel sind so laut, sie haben das Volumen verdreifacht.

Die Vöschel verstärkn sich gegenseitig durch ihre Präsenz.

Die Vöschel übertönen die Drohnen, die Helicopter, den Staat.

Vöschel wolln Hochzeit machn und sich danach scheidn lassn.



Was hast du gemacht? Du wirkst so’n bisschen angefasst.

Ich hab die Vöschel vom Himmel geholt. Mit meina eignen Hand.

Ich hab die Eichhörnchen vergattert. Überlandfahrt, hab ich

den Tieren gesagt. Wohin? Es geht natürlich NIRGENDWOHIN!

Knitterknitter kniewhirsch! Horche am Boden der Hosen! Oho!


Verzeihung, das hab ich mir soeben in einem schwachen, so

entsetzlich schwachen Moment einfach ausgedacht. Ich bitte Sie,

selbstverständlich hab ich überhaupt nichts mit den Tieren,

den Eichhörnchen nicht, nicht den Vöscheln, gemacht. Ich hab

Ihnen gelauscht, am offnen Fenster sie haben etwas mit mir gemacht.

TulpenManche Gedichte gehen einen langen Weg. Die Übertragung der Tulpen ins Persische ist noch nicht angekommen.


Damen-Tulpe, Herren-Tulpe, Berg-Tulpe, Modder-Tulpe


Feurige Tulpe, Vortreffliche Tulpe, Mogeltau-Tulpe,


Mops-Tulpe, Hügel-Tulpe, Tulpe der tiefen Schlucht.


und Schlüpfer-Tulpe. Mich nehmen diese Tulpen in die Hand,

und binden sie auf zu einem Strauß. Nimm Du den Strauß

all jener Thesentulpen und setze Dir die Brauthaut auf,

nimm jetzt meine unversehrte linke Hand und bringe mich

in das verlobte Land. Dort wartet eine mannshohe Vase

auf die dramatische Rettung der hochstieligsten Kelche

des gesamten niederländischen Tulpenverbands, die hätten

sonst diese Blumen gemulcht. Ganz Nederland ist verhagelt

im Mulch von die Tulpe. Fasse mich unter Tulpentrümmer an.

Jetzt muss die Tulpe niesen, wie ein Kätzchen, oder der Dämon

des Niesens hat ihr in die Nase gefasst, Psychosomatisches?

Tohuwabohu! Aber schau nur, die Taube erwacht. Taube gurrt.

Sie frisst Dir aus derjenigen Hand, mit der Du ihr den Strauß

Tulpen gebunden hast. Mit der anderen Hand schwöre ich Dir,

es wird alles gut, nach all den Jahren ungemulchter Tulpen

kommen neue Jahre ungemulchter Tulpen. Ich sehne mich so.


Monika Rinck
wird 1969 in Zwei­brücken geboren. Sie schreibt Lyrik, Prosa und Essays und ist als Übersetzerin tätig. Während ihrer Studien­zeit gründet sie ein Kino und arbeitet an einer fiktionalen Dokusoap, deren Abdreh 15 Jahre dauern wird. Drei Jahre länger noch ist sie beim Fern­sehen tätig, bevor sie sich ganz dem Schrei­ben zuwendet. Für Honigprotokolle bekommt sie den Peter-Huchel-Preis. Zuletzt erschien im kookbooks Verlag ihr Gedicht­band Alle Türen. Im Frühjahr 2020 hätte sie die Frankfurter Poetik­vorlesung halten sollen. Monika Rinck lebt in Berlin.


SAID
wird 1947 in Teheran geboren. Er wuchs bei seinem Vater auf, nachdem die Eltern sich nach seiner Geburt trennten. Mit 17 Jahren kommt er nach München, wo er Politik­wissen­schaft studiert. Nach der Revo­lution 1979 ist er kurzzeitig im Iran, sieht sich aber ohne Perspektive auf einen Neu­anfang in seiner Heimat. Zurück in Deutschland veröffentlicht er ein Buch, in dem er eine »dokumentarisch-litera­rische Brücke zwischen Iran und Deutschland« bauen möchte. Es folgen vor allem Gedicht­bände, darunter lyrische Prosa wie parlando mit le phung. Er ver­öffent­licht in deutscher Sprache, die er als seine »Behausung« versteht. SAID lebt in München.

das haus voller musik


»was ist los?«


»ich weiß es nicht, wach auf«, flüstert sie.


ich richte mich auf und fluche; mein traum war gerade so schön.

durch das offene fenster war ich hinausgeflogen in ein anderes land mit einem andern meer.


blau und geduldig wartete dort das wasser auf mich.


»die spatzen.«


»was ist mit den spatzen?«


ich will wieder einschlafen und meinen traum einfangen.


»sie sind plötzlich ganz ruhig.«


ich stehe auf und gehe zum fenster.


die morgendämmerung ist nur eine lüge, die sonne hat mühe gegen die dunkelheit.


unter dem baum auf der anderen straßenseite stehen männer und frauen.


ich schließe die lider, zähle bis zwanzig und warte, bis meine augen sich beruhigen.


kaum merken mich die fremden hinter den gardinen, ziehen sie sich aus –


ruhig, rhythmisch.


die kleider werfen sie auf einen haufen.


sie drückt sich an mich.


»jetzt brauchen wir jemanden, der von lippen lesen kann«, sage ich und nehme sie in die arme.


notdürftig ziehen wir uns an und verlassen das haus durch die nebentür.

die anderen schreiten in unser haus, machen lichter an, entzünden kerzen.


dann spielen sie musik.


vielleicht tanzen sie auch.


wir bleiben draußen und horchen.


die gäste spielen bis zum sonnenuntergang.


wir frieren, unser hund nicht.


»er hat gar nicht gebellt«, sage ich; sie nickt.


unser haus voller licht, voller musik, voller menschen.


sie haben kein wort gesprochen, sie haben nicht einmal gesungen.


beim einbruch der dunkelheit verlassen sie das haus, gehen zum baum, stehen neben dem kleiderhaufen und schweigen.


wenn wir ihr schweigen verstehen, würden sie dann bleiben?


ohne ein wort, ohne eine geste, warten sie.


die stunde geduldet sich.


der ort kümmert sich um nichts.


die dunkelheit gibt dem haus seine unschuld zurück; das gemäuer bebt schon vor erregung.


bald äußert sich auch der hund.


wir vergessen die fremden.


sie stehen dort unter dem baum und schweigen.


Produktion: Konstantin Schönfelder, Holm-Uwe Burgemann
Sprecherin: Raha Golestani

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