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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #17 Tuvia Tenenbom

#17 Tuvia Tenenbom: Catch the Jew

Die unerträgliche Hitze der wider­streitenden religiösen, politischen und sozialen Aus­ein­an­der­setzun­gen, die so tief­greifend den Nahen Osten spalten, werden von der humoristischen Hand Tenenboms gekühlt.

von Konstantin Schönfelder

Tuvia Tenenbom, Catch the Jew (Gefen Publishing 2015)

Der Titel ist pro­grammatisch – in diesem Buch werden Juden gefangen. Nicht körperlich, natürlich, aber Tuvia Tenenbom fängt ein, wie wider­sprüchlich und anma­ßend sich manche Juden verhalten, auf die er in seinem Buch trifft. Und das Erstaun­lichste daran ist, dass Tenen­bom aus den eigenen Reihen das Feuer eröffnet. Er entstammt einer rabbinischen Familie, die eine rabbi­nische Familie hatte, die eine rabbinische Familie hatte. Damit führte sein Weg, von Anfang an, in eine Richtung: Rabbiner zu werden. Aber wer liest, wie Tenenbom beobachtet, merkt schnell, dass sich ein vorbe­stimmter Lebens­weg für diesen Queru­lanten wie ein Leidens­weg anfühlt, den man verlassen sollte, wenn man kann. Und er konnte. Anders als Jesus Christus, auf dessen nach­gebildetem Leidensweg in der Jerusa­lemer Altstadt, der Via Dolorosa, sein Buch beginnt. Wie die Altstadt hat auch das Buch verschiedene Gates. Je nachdem, durch welches Tor man die Altstadt betritt, gelangt man in eine arabische oder christliche oder jü­dische Lebens­welt. Und so ähnlich verhält es sich in dem Buch, das man durch die Gates, die die Kapitel sind, so unter­schied­lich erlebt, dass man glau­ben könnte, die Erzäh­lungen ver­weisen nicht auf das gleiche Ereignis.

Dass sie es aber wohl tun, lernen wir, wenn wir durch Gate 24 treten.


»Israel and Palestine is not about good guys and bad guys, it is a clash between two perfectly valid claims on the same country.«

Das sagt der israe­lische Schrift­steller Amos Oz, dessen versöhn­liche Art Tenen­bom schon im Naturell proble­matisch findet. Tenenbom ist nicht nur prinzipiell kritisch gegenüber den Israelkritikern, zu denen er Amos Oz zweifellos zählt, sondern auch gegenüber den israel­freund­lichen Positionen. Gefährlich sind besonders die Positio­nen der gefühlten Mitte, weil sie nur lavieren, wo man sich entschei­den muss. Da fragt man sich: Was ist ange­messen? Wie man Tenen­bom auch begegnet, er ist unzu­frieden.

Drei Beispiele: Die latent pro-palästinen­sischen NGOs in Israel und Palästi­na werden alle­samt mit der Frage vorgeführt, was denn geschähe, wenn sie ihr erklärtes Ziel verwirk­lichten und eine Gleich­stellung von Arabern und Juden herstellten. Wie würden die Juden (dann als Minder­heit) in diesem Dschungel leben? Die Frage ist natürlich suggestiv. Sie würden gar nicht dort leben können, glaubt Tenen­bom. Den Vertretern liberaler Positionen, die er mit starker Realitäts­ferne abbildet – Positio­nen, die für ihn intellektuell sind, also nur am Schreib­tisch gewonnen wurden und nicht durch Fußmärsche und wache Augen – stellt er die Fragen häufig ohne Erkenntnis­interesse. Er will nur ihre Unvoll­ständigkeit aufzeigen. Du bist also kritisch gegenüber den Siedlungs­plänen der israelischen Regie­rung, fragt Tenenbom, und setzt dich für Palästinenser ein? Ja? Sprichst du Arabisch? Nein? Und wie viele deiner Freunde sind denn Palästinenser? Ähnlich schlecht kommt die ultra­ortho­doxen Juden weg. Tenen­boms Position zu ihrer »Uniform« lässt sich so zusammen­fassen:


»Moses didn't wear them«.


In diesem Ton seiner ehe­maligen Zeitko­lumne Fett wie ein Turnschuh läuft Tenen­bom ausdauernd die meisten Statio­nen dieses Landes ab. In 500 Seiten gelingt ihm ein polemisches, über­raschend vielschich­tiges Portrait von Israel. In einer Steinschlacht an einem israe­lischen Checkpoint lässt sich manches über dieses Land ver­stehen. Und dabei wird im Laufe des Buches deutlich, dass seine zynische Art nicht nur sehr lustig ist, sondern sogar ange­messen für das Thema, auf das sie sich richtet. Die unerträgliche Hitze der widerstrei­tenden religiösen, politischen und sozialen Auseinander­setzungen, die so tiefgrei­fend den Nahen Osten spalten, werden von der hu­mo­ris­tischen Hand Tenenboms gekühlt.


»In one country God doesn't like you to consume food, in the other country He doesn't like you to buy food.«

Mit diesen Wor­ten verlässt er das musli­mische Ramallah, wo Ramadan ist, und fährt ins jüdische Jerusalem, wo der Schabbat beginnt.


»And if you think this difference is not a question of life and death, you better take the first plane out of here.«