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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #10 Simon Strauß

#10 Simon Strauß: Sieben Nächte

Es ist Nacht. Ein junger Mann namens S sitzt am Schreib­tisch, leere Blätter Papier vor sich ausgebreitet und bereit zur Nie­der­schrift. Das klingt nach einem Anfang. Doch einen solchen sucht man in Simon Strauß’ knapp 140 Seiten um­fassen­dem Buch vergebens.

von Simon Böhm

Simon Strauß, Sieben Nächte (Blumenbar 2017)

Es ist Nacht. Ein junger Mann namens S sitzt am Schreib­tisch, leere Blätter Pa­pier vor sich ausge­breitet und bereit zur Nieder­schrift. Das klingt nach einem Anfang. Doch einen solchen sucht man in Simon Strauß' knapp 140 Seiten umfassen­dem Buch verge­bens. Es gibt keinen – nicht einmal am Ende. Und eigentlich gibt es auch kein Ende. Die Erzäh­lung setzt ein und aus mit Passagen, die sprechen­de Titel tragen: »Vor dem Anfang« und »Vor dem Ende«, heißt es da. Wir befinden uns in einem Zwischen­raum, im Schutz­raum der Nacht. Dem Angebot eines mysteriösen Fremden folgend, soll S in sieben Nächten sieben Todsünden begehen, um seine Angst zu bändigen, sein Leben zu verbringen ohne es gelebt, ohne gekämpft, wider­sprochen und ohne Fehler gemacht zu haben.

Sieben Nächte löste im deutsch­sprachigen Feuilleton nach eupho­rischer Erst­aufnahme Wellen der Entrüstung aus. Man warf ihm vor, einen gefühls­triefenden Gemeinschafts­kult zu beschwören und auf diesem Pfad faschis­tisches Gedanken­gut zu artiku­lieren. Darauf kann nur kommen, wer das gedruckte Wort zuunguns­ten des ungedruck­ten über­schätzt. Wer glaubt, dass der Sinngehalt eines Textes allein durch die Auflistung seiner Buch­staben und Satz­zeichen ausreichend erschlossen sei. Von der ins Visier der Kritik genommenen »Schicksalsgemeinschaft« wird ja durchaus in Sehnsucht gesprochen – alle Erfüllungs­versuche aber schlagen fehl. In der großen Eindrück­lichkeit dieser Fehlschläge verweist Sieben Nächte so wieder auf den Einzelnen, der nur in seiner Vereinze­lung lernen kann, ohne stützende fremde Schultern und damit auf eigenen Beinen zu stehen, aus eigener Kraft den Anfang zu schaffen. So sind Anfang und Ende die Sache des Lesers – nicht die des Erzählers, der leicht mit dem Autor verwechselt wird, und auch nicht die einer Schicksals­gemeinschaft.

Wer dem Immer­gleichen, dem Gewohn­ten und Gewöhn­lichen, entfliehen will, dem sei dieses Werk ans Herz gelegt. Der so sehnsuchts­voll erwartete Ausbruch aus der Gefangenschaft leblosen Gleichklangs bleibt ein strittiges Wagnis. Wenn das eigene Leben in Frage gestellt wird, kann ein bloßes Nach­fühlen ähnlich gemünzter Reflexionen anderer Leute nicht ausreichen. Auch Hunger lässt sich bekannt­lich nicht durch das Verfolgen von Fernseh­sendungen stillen, die den Genuss inszenieren.

Was von den sieben Nächten mit Strauß’ Protagonisten S bleibt, ist die Gewiss­heit, dass ein Aufbruch zu neuen Ufern nicht im Lesen fremder Texte, sondern allein im Schrei­ben des eigenen Lebens­textes gelingen kann. Im Setzen des eigenen ersten Satzes – vielleicht ja noch in dieser Nacht.