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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #18 Robert Seethaler

#18 Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Als Hilfsknecht verdient sich der schweig­same wie fleißige Egger ein Bleibe­recht, das für ihn mit brutalen Prügeln verbunden ist. Bevor sein Onkel an ihm neuer­liche Prügel, an seinem 18. Ge­burts­tag, vollstreckt, verlässt er den Onkel schließlich und beginnt sein Leben, wie ein aus der Welt Gefallener, selbst zu gestalten. Er arbeitet und baut, er liebt und verliert, er trauert und beginnt von vorn.

von Moritz Junge
Robert Seethaler, Ein ganzes Leben (Goldmann 2016)

Ein ganzes Leben. Ein schmaler Roman. Seethaler erzählt in diesem Buch die Lebensgeschichte von Andreas Egger. Einem Mann, dessen Existenz keine nennenswerten Spuren auf der Erde hinterlässt, und der dennoch in stoischer Ruhe eine Art von Erfüllung findet, indem er – so banal es auch scheint – lebt.

Sein gesamtes Leben verbringt Egger bis auf wenige Jahre der Kriegsgefangenschaft in einem kleinen Dorf in den Alpen. Nach dem frühen Tod seiner Mutter findet er hier bei einem Onkel Obdach, dem Bauern Kranzstocker. Dieser nimmt ihn weder aus Mitleid noch aus Pflicht bei sich auf, sondern aufgrund der Geldscheine, die dem Jungen in einem Beutel um den Hals hängen, und weil er in ihm eine zuverlässige Arbeitskraft wittert. Als Hilfsknecht verdient sich der schweigsame wie fleißige Egger ein Bleiberecht, das für ihn mit brutalen Prügeln verbunden ist. Bevor sein Onkel an ihm neuerliche Prügel, an seinem 18. Geburtstag, vollstreckt, verlässt er ihn schließlich und beginnt sein Leben, wie ein aus der Welt Gefallener, selbst zu gestalten. Er arbeitet und baut, er liebt und verliert, er trauert und beginnt von vorn.

Es ist aber nicht die Handlung, die dieses Buch zu einem Kunstwerk macht. Es ist Seethalers Sprache. Die Einfachheit und Präzision dieser Prosa zieht ihre Leserin in Bann, der sie erst entlässt, sobald der Lektürekreis sich geschlossen hat. So führt Seethaler uns in wunderbare Welten der Ruhe in den Bergen, noch bevor Elektrizität und Touristen in sie einbrachen; zeigt in entsetzlichen Schilderungen von Brutalität des dörflichen Lebens aber auch, dass ein solches Idyll von Anbeginn trügerisch ist. Nach 79 Jahren blickt Egger schließlich auf sein Leben zurück:


»Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt. Er war sich nie zu schade für die Arbeit gewesen, hatte eine unübersichtliche Anzahl von Löchern in den Fels gesprengt und wahrscheinlich genug Holz geschlagen, um mit ihrem Holz einen Winter lang die Öfen einer ganzen Kleinstadt zu befeuern. Er hatte oft und oft sein Leben an einen Faden zwischen Himmel und Erde gehängt und in seinen letzten Jahren als Fremdenführer hatte er mehr über die Menschen erfahren, als er begreifen konnte. Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte keine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. Er hatte gesehen, wie ein paar Männer auf dem Mond herumspazierten. Er war nie in Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben, und der Tod machte ihm keine Angst« (175–76).


Ein ganzes Leben erzählt mehr als nur Andreas Eggers Geschichte. Es erzählt auch die Geschichte eines Fortschritts, der im Verhältnis von Mensch und Natur illustriert ist. Waren Menschen wie Egger noch mit der Natur verbunden – und erkannten in ihr nicht vor allem Schönheit – stehen die Touristen schon so entfernt, dass sie Natur als ihren Sehnsuchtsort ausmachen. Und so fühlen wir uns als Leser ertappt, denn auch wir erkennen in den Bergen, in der Natur doch nur noch den Sehnsuchtsort, versuchen vielleicht uns in ihm wiederzuerkennen, uns in ihm zu verlieren, unser Leben zu vervollständigen.

Wie soll uns das gelingen? Was ist das schließlich: Ein ganzes Leben?