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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #1 Michael Fehr

#1 Michael Fehr: Glanz und Schatten

In Fehrs neuem Buch sind 18 Erzäh­lun­gen versammelt. Schon der erste Blick auf die äußere Form verrät: dies ist keine ge­wöhn­liche Prosa. Es ist eine Prosa des Zusammen­bruchs ohne Un­glück. Sprechprosa.

von Simon Böhm

Michael Fehr, Glanz und Schatten (Der gesunde Menschenversand 2017)

In Fehrs Buch sind 18 Er­zäh­lun­gen versammelt und jede davon hat es in sich. Schon der erste Blick auf die Form verrät, dass dies keine ge­wöhn­li­che Prosa ist. Durch ständige Zei­len­brüche brechen Zeilen im Wortsinn weg, wer­den zu Ver­sen. Satz­zei­chen sind Man­gel­wa­re. Es ist eine Prosa des Zusam­men­bruchs ohne Unglück. Denn obgleich Satzzeichen und Ab­satz­ge­stal­tung die Statik des Texts ins Wanken bringen, ist dieser doch getragen von einer fas­zi­nie­ren­den Rhythmik, die jedes Mit­le­sen zum Mit­sprechen verführt. Ganz zufällig kommt diese Besonderheit nicht zustande. Der Schweizer Michael Fehr, Jahrgang 1982, ist seit seiner Geburt sehbehindert, weshalb er seine Schrift­stücke nicht nie­der­schreibt – sondern dik­tiert. Manch­mal ins­ze­niert er Texte singend auf der Bühne.

Die Länge der ein­zel­nen Mi­ni­a­tur-Erzählungen va­ri­iert, manche nehmen nur eine Seite, andere dagegen deren 20 ein. Bei allen Mi­ni­a­tu­ren aber hin­ter­bleibt ein Eindruck, als handelte es sich um Gedichte. Gedichte, in denen es nur so wimmelt vor skurrilen, un­heim­lich-mär­chen­haf­ten Gestalten und einem ge­hö­ri­gen Schuss morbiden Witzes.

Oder wann haben Sie sich zu­letzt in einem Schrift­stück aus­führ­lichst erläutern lassen, wie ein Reb­huhn sach­ge­mäß zu zer­stückeln ist?