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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #7 Matthias Énard

#7 Matthias Énard: Kompass

Aus Énards Dankesrede, die er zur Verleihung des Leipziger Buch­preises zur Europäischen Ver­stän­digung hält, stammt die abgründige Metapher: »Es scheint so, als hätten die politischen Kommen­tatoren dieser Tage vergessen, wer Europa war.«

von Konstantin Schönfelder

Mathias Enard, Kompass (Hanser 2016)

Aus Énards Dankesrede, die er zur Verleihung des Leipziger Buch­preises zur Euro­päischen Ver­stän­digung hält, stammt die abgründige Metapher:


»Es scheint so, als hätten die politischen Kommen­tatoren dieser Tage vergessen, wer Europa war. Und was Europa bedeutet. Europa war eine liba­nesische Prin­zessin, die an einem Strand bei Sidon von einem Gott des Nordens entführt wurde, der sie begehrte: Zeus. […] Europa ist eine illegale Ein­wanderin, eine Auslän­derin, eine Kriegs­beute.«

Mit diesem nuan­cierenden, zeit­kritischen Blick schreibt Énard auch seinen Kompass. Er will nicht zeigen, was der Orient und was der Okzi­dent »sind«, sondern wo die Schnitt­mengen liegen, wie sich der Orient in der euro­päischen Kultur ver­mittelt hat und noch immer vermittelt (»Ganz Europa ist im Orient. Alles ist kosmo­politisch«). Er will also Nähe herstellen zwischen den beiden Welten, die so viel mitei­nander gemein haben. Deshalb schreibt er von Liszt in Istanbul, von Goethes Divan, von der klang­lichen Schön­heit der schlich­ten Wüste in Le Désert von Félicien David. Der Roman ist dadurch, man spürt es schon, ein intellek­tuelles Schwer­gewicht, das den Leser leicht erschöpft. Genauso wie der Protagonist, der Musik­wissen­schaftler Franz Ritter, so erschöpft ist von seinem Leben und der Tatsache, dass er nicht schlafen kann. Das Buch ereignet sich dann in dieser ermattenden, immer länger werden­den Nacht, in der Franz Ritter, neben seiner sentimen­talen Liebe für den Orient, von einer Liebes­geschichte erzählt. So ist, wer bis an das Ende dieses Buches gelangt ist, erhellt und ergriffen. Die Liebes­geschichte von Franz und Sara erinnert an die von Paul (Celan) und Ingeborg (Bachmann), die vor allem schrift­lich ist. Verbrieft. Beide sehen sich nachei­nander und stoßen sich vonei­nander ab; wollen zusammen­gehören und trennen sich vonei­nander; inspirieren einander und sind doch die großen Teile ihres Lebens nur im Schwei­gen verbunden.

Und wäre das nicht auch eine Allego­rie für das Ver­hältnis von Orient und Okzident?