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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #49 Kathleen Collins

#49 Kathleen Collins: Nur Einmal

Man kann sich diese Leichtfüßigkeit kaum erklären. Wie gelangt sie in die Worte und wie wieder aus ihnen heraus, zu ihren Leserinnen? Auf leisen Sohlen schleicht die Erzählerin durch die harten Realitäten, durch »schwarz« und »weiß«. Die Farben in Anführungszeichen gesetzt. Vielleicht, um zu zeigen, dass es sich damit nicht bloß um Hautfarben handelt, sondern um den gesellschaftlichen Status, der an ihnen klebt wie eine zweite Haut? Es ist alles andere als leicht, das Leben, dieses Leben, aber die Leichtfüßigkeit ist dennoch, trotz allem, möglich.

von Konstantin Schönfelder
Kathleen Collins, Nur Einmal (Kampa 2018)


»›Glaubst du, ich schaffe das?‹ Er grinste. Als könnte er über das Leben gebieten. Mit seinen lachenden Augen. Zu allem bereit. Und seinem goldenen Körper. Zu allem bereit.« (33)

Es stammt von Maya Angelou der Ge­danke, dass ihre Arbeit darauf aus sei, für folgende Formel empa­thisch zu werden: »You may encounter many defeats, but you must not be defeated.« Trotz der Verluste. Denn sie werden unaus­weichlich sein, besonders als Frau mit walnuss­farbener Haut. Trotz allem also gilt es, (sich) nicht zu verlieren, sich niemals geschlagen zu geben. Wer gegen die Wider­stände zu denken beginnt, verschiebt sie schon. Und es scheint, als wären Kathleen Collins und Maya Angelou nicht nur im Kampf gegen Wider­stände verbündet, sondern auch durch jene Haltung: We must not be defeated.

Kathleen Collins war eine Filme­macherin. Ihr filmisches Haupt­werk »Losing Ground« ist 1982 erschienen. Für den Film verfügte sie über ein so knappes Budget, dass ihre Schauspieler, die sie nur schlecht oder nicht bezahlen konnte, zum Teil in Collins‘ privaten Klamotten vor der Kamera standen. 2015 wurde »Losing Ground« in der New Yorker Film Society of Lincoln Center wieder­entdeckt. Was heißt wieder, er wurde zum ersten Mal wirklich ent­deckt, nachdem er zu Collins‘ Lebzeiten fast unbemerkt veröffent­licht wurde. In der New York Times gab es zur Premiere einen dreizeiligen Hinweis im Going Out Guide. Fast dreißig Jahre später schreibt der Filmkritiker James Brody vom New Yorker nach der Neu­auflage begeistert: »The film-within-a-film sequences in which Sarah dances are among the best musical numbers in the modern cinema. Collins has made, in effect, a musical with no fantasy but plenty of imagination. ›Losing Ground‹ plays like the record of a life revealed in real time.« Das ist aus dem Film nach seiner Zeit, der er selbst voraus war, geworden.

Welche literarische Kraft von Kathleen Collins ausgeht, lässt sich kaum besser nach­voll­ziehen als in ihren wieder­gefun­denen Erzählungen, die der neu gegründete Kampa Verlag 2018 ins Deutsche übertragen hat. Ihre Tochter Nina hatte sie in einer alten Truhe entdeckt, die sie sich lange nicht anzurühren traute, nachdem ihre Mutter plötzlich gestorben war. Kathleen Collins starb 1988 an Brust­krebs, kurz nachdem sie sich neu verheiratet hatte. Die Truhe blieb mehrere Jahr­zehnte verschlossen. Bis Nina die unveröffent­lichten Erzählungen barg. Nina sagt später über ihre Mutter, dass sie ständig geschrieben hat, dass das Klackern der IBM-Schreib­maschine das Hinter­grund­rauschen ist, das sie Kindheit nennt.


»Gut. Jetzt ein bisschen weicher, wenn sie mit den Tränen ringt. Gut so. Jetzt mehr Licht auf ihn, während er sie kühl mustert, dann mehr Licht auf sie, wenn sie ihn bittet, zu blei­ben. Schön. Jetzt beide dimmen, und gedimmt lassen, wenn er sie an­sieht, stumm ansieht, dann ihn aus­blen­den. Sie bleibt im Halb­dunkel zurück und sucht die Gefühle, die früher den Raum erhellten.« (10)

Collins sieht mit den Augen einer Regis­seurin. Ihre Sätze sind wie Bilder über­gangs­los an­einander­geschnitten. Manchmal klingen sie nach einer Regie­anweisung: Jetzt mehr Licht auf ihn. Manchmal scheint es, besonders in den ersten Erzählungen des Buchs, als hätte die Kamera zu einer Sprache jenseits ihrer Bild­sprache gefun­den. Als wären die Augen von Kathleen Collins zwei mächtige Schein­werfer, die durch die Dunkel­heit brechen und die Kamera stünde neben ihnen und zeichnete alles auf und diktierte: Sie bleibt im Halb­dunkel zurück und sucht die Gefühle, die früher den Raum erhellten. Als wären die Absätze Bilder und jeder Text eine Collage.

Nehmen wir ein wenig Abstand von dem Text, gerade genug, damit wir klarer seine Konstruktions­linien erkennen, so sehen wir, dass er sich durch repetitive Schleifen bewegt. Es wieder­holen sich manche Sätze wie ein Beat, der einen Rhythmus vorgibt. »Eine Zeit lang verstand man sich im Schmelz­tiegel«, »Innerhalb des Schmelz­tiegels«, heißt es ein paar Mal, zärtlich variiert, in der schwersten und anspruchs­vollsten Erzählung des Bandes, »Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen gewor­den?«. Nicht nur die Sätze, auch die Motive kehren zurück und treten in unter­schied­lichen Figuren auf. Über vielen Geschichten wacht der strenge Vater, der mit seinen Argus­augen die vermeint­lich leicht­sinnige Tochter verur­teilt. Meistens weil diese zu offen­sichtlich ihre Hautfarbe verrät, weil sie sich als »Schwarze« entblößt, wenn sie ihre Haare so kurz geschnitten trägt, dass Glätten zwecklos ist und sie das krause Haar nicht mehr verbergen kann. Diesen Vorwurf beschreibt die Erzählerin zu Beginn der schönsten, verblüffendsten, heitersten Erzählung des Buchs: »Wie sagt man«. Das Mädchen, das in den Sommer­ferien von Jersey nach Maine fährt, um einen Franzö­sisch­kurs zu besuchen, fährt ohne ein Ab­schieds­wort ihres Vaters ab. »Als sie in die Sommer­ferien aufbrach, war ihr Haar so kurz, dass ihr Vater sich nicht von ihr verab­schiedete. Er ertrug ihren Anblick nicht.« In Maine angekommen, verliebt sie sich in ihren Französisch­lehrer mit den buschigen Augen­brauen. Auf fünf knappen Seiten ver­bringen sie einen gemein­samen Sommer, lieben in das Verbot hinein, das diese Be­geg­nung begleitet, lieben in die Un­genau­ig­keiten hinein, die sich auch aus der Sprache ergeben, weil ihr Französisch, offenbar ihre einzige gemeinsame Sprache, noch nicht gut ist. Es wächst eine Sommer­liebe mit wenigen Vokabeln.


»Beide müssen darüber lachen, in dem dunklen, leisen Wagen auf der Fahrt zum Meer … Comment dit-on … wie sagt man. Sie konnte albern sein, wenn ihr danach war, und er ließ sie. Seine Brauen zogen sich dick und pelzig zusammen, sein fester, klarer Blick verweilte auf ihr, und er lächelte sein grimmiges Lächeln. Comment dit-on … wie sagt man … Sie haben ein grimmiges Lächeln, monsieur le professeur, und ich habe mich in ihr grimmiges Lächeln verliebt … es geht mir durch und durch, wie eine Stoß­welle. Eigent­lich sollten wir in diesem dunklen, leisen Wagen auf der Fahrt zum Meer leise sein und schweigen, wir befinden uns in einer unvorstell­baren, skandalösen Situation …« (29–30)

Es sind Stellen wie diese, die so uner­träg­lich leicht daher­kommen. Leicht, weil die Gefühle, die dort beschrie­ben werden, so wunder­schön sind und so unbe­schwert; unerträg­lich, weil das Gefühl nicht sein darf und je leichter das Unaus­sprech­liche von der Hand geht, desto unerträg­licher wird seine Vor­stellung davon. Viele Geschichten gehen in Deckung mit den bio­grafischen Stationen der Autorin: Kathleen Collins kommt aus einer schwarzen Mittel­stands­familie. Sie hat eine starke Ver­bindung zur franzö­sischen Sprache, sie studierte für ein Jahr an der Pariser Sorbonne. Das große Thema des Buches – das Verhält­nis der Farben zueinander, die Färbung individueller und gesell­schaft­licher Konflikte, das Gegen- und Miteinander von »Schwarz« und »Weiß« – wird in keiner Geschichte ver­schwiegen. Es schreibt viel­mehr ihre Geschichten. Kathleen Collins hatte sich in den 1960er Jahren in der Bürger­rechts­bewegung einge­setzt. In »Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?«, schildert sie einen Moment der Hoffnung. Das Jahr 1963, das »Jahr des Menschen«, in denen sich diese unter­einander schein­bar ver­sprochen haben, dass die Farben künftig bedeutungs­los seien. Diese Hoffnung beschreibt Kathleen Collins, und sie beschreibt ihr Ab­sterben bereits am Ende dieser Geschichte.


»In jenem Sommer war sie völlig uner­wartet zu einer verblüffenden Erkenntnis gelangt: Sie konnte jeden heiraten, nicht nur einen farbigen Arzt/Anwalt/Leh­rer/Professor, sondern jeden. Einen mexikanischen Lastwagen­fahrer. Einen japanischen Psychiater. Einen süd­afrika­nischen Journalisten. Jeden. Sogar einen Weißen.« (43–44)


»Sie hatte geglaubt, man könnte jede Haut zerreißen und von vorne anfangen. Dann dachte sie: Ich muss eine Wohnung weit oben finden […]. Erst dann kann ich heraus­finden, warum Integration in Mode war. Und die Menschen sich eine Zeit lang verstanden. Innerhalb des Schmelz­tiegels. Innerhalb des Schmelz­tiegels. Es ist 1963. Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?« (60)

Bücher haben ihre Schick­sale, heißt es. Sie werden immer neu gelesen, in unter­schied­lichen Zeiten auf ihre Weise. Manchmal, Jahr­zehnte nachdem sie geschrieben wurden, zum ersten Mal. Und deshalb zu spät für die Autorin, die an ihrem Gelesen­werden keinen Anteil mehr nehmen kann. Nun haben die Prosa von Kathleen Collins auch wir entdeckt.