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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #11 Joshua Cohen

#11 Joshua Cohen: Moving Kings

Genie­zuschrei­bungen kursie­ren bereits, wo noch keine Seite gewendet ist. Und doch ließe sich in diesem Fall nicht sagen, die Rezen­sionen seien sorglos und müssten daher fehl­gehen, denn Joshua Cohen ist längst das helle Dur der amerika­nischen Schriftsteller­szene.

von Holm-Uwe Burgemann

Joshua Cohen, Moving Kings (Random House 2017)

Geniezuschrei­bungen kursieren bereits, wo noch keine Seite gewendet ist. Nützlich sind sie selten. Und doch ließe sich in diesem Fall nicht sagen, die Rezen­sionen seien sorglos und müssten daher fehl­gehen, denn Joshua Cohen ist längst das helle Dur der amerika­nischen Schriftsteller­szene, die hierzu­lande allen Anlässen zum Trotz immer noch nicht weniger unsicht­bar ist, als die Nach­folger von Handke & Co. dort. Cohen ist eine Ausnah­me. Und er schreibt, dass manch einer glaubt, der Grat zwischen »great« und »greatest« sei in seinem Fall schmal genug, um ihn an dem jungen James Joyce zu messen. Kürzlich erschien sein Book of Numbers (2015) auf Deutsch und Christian Kracht sah sich genötigt, den Genie­titel quasi offiziell zu bestä­tigen. Doch während der Groß­teil des deutschen Publi­kums Cohen zum ersten Mal liest, ist dieser mit Moving Kings bereits zwei Jahre weiter und beweist aber­mals, dass Prosa »amusing« sein kann, ohne ihre kri­tischen Obertöne einzu­büßen.

So erzählt Cohen in unterschied­lichen Abspul­geschwindig­keiten das Leben von David King, der König der New Yorker Umzugs­dienstleister ist und, wie sich zeigt, nach dem David benannt ist, der eben­falls Jude und König war. Während der großen Pleite von 2008 kommt David mit dem Austreiben der Schuld­ner aus ihren Häusern und dem anschließen­den Aufbewah­ren ihrer Kisten und Habselig­keiten kaum hinterher. Mit ihm begegnen wir den allzu­menschlichen Abgründen einer New Yorker Gesellschaft, der mit den verschütt­gegangenen Umzugs­kartons anscheinend auch ihr moralisches Geländer abhanden­gekommen ist. Dabei beweist Cohen eine Idiomatik, die zeigt, dass Alltag dann ist, wenn sich die Dinge wie eigen­ständig entleeren. In einem Moment der Schwäche nimmt David seinen Cousin Yoav bei sich auf, der gerade seine Pflicht­jahre in der israelischen Armee abgeleistet hat (nutzlos bis er gebraucht wurde) und nun wie viele dieser jungen Israelis die Ruhe der »holidays«, der heiligen Tage danach sucht. »Who would have guessed that the enemy had been training him for moving?« Im Räumen gesichtsloser Büroräume durch Yoav, der schnell fester Bestand­teil von Davids Crew wird, reinszeniert Cohen die Kriegs­bilder der Besatzung im gelobten Land.

Das kann durchaus schief­gehen. Doch von der Mitte des Buches an ist Moving Kings eine brillante Parabel, die das Leben der Palästinenser und die gefühlte Enteig­nung der ärmeren Hälfte der US-amerikanischen Gesell­schaft als zwei Geschichten einer Besatzung schreibt. Was ist schon der Unter­schied zwischen denen, die verloren haben, was nie wirklich ihnen gehört hat und den finanziell Diskredi­tierten? Beide Seiten sehen im Juden Yoav ihr Schicksal, beide zeigen sich wider­ständig bis zum Schluss. Wem muss unser Mitgefühl gelten? Cohen ist zu klug, um uns die Seiten­wahl leicht zu machen. Moving Kings ist kein politisie­render Kitsch.

Nichts wird einfacher durch sein Buch, doch manches erhellt.