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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #13 Giorgio Agamben

#13 Giorgio Agamben: Das Geheimnis des Bösen

Wir sind der Aufschub. Solange wir uns nicht ent­scheiden, für Gerechtig­keit einzu­treten, domi­niert das Recht und Gesetz der Macht. Auf Erlö­sung würden wir dann ewig warten.

von Moritz Junge

Giorgio Agamben, Das Geheimnis des Bösen (Matthes & Seitz 2015)

Der Rücktritt von Benedikt XVI. Als gäbe es nicht Wich­ti­geres zu Beginn des Jahres 2018 zu be­sprechen als ein vor drei Jahren erst­mals auf Deutsch erschie­nenes Buch des italie­nischen Philoso­phen Giorgio Agamben, das sich mit dem fünf Jahre zurück­liegenden Rücktritt des letzten Papstes auseinander­setzt. Die Lektüre des schmalen Bands Das Geheimnis des Bösen. Benedikt XVI. und das Ende der Zeiten belehrt uns jedoch eines Besseren: Beginnend bei der Ausle­gung des zweiten Paulus­briefes an die Thessa­lonicher, führt uns das Büchlein auf 67 Seiten über die escha­tologischen Implika­tionen der Zwei­teilung des Leibes der Kirche auf das Zentralproblem unserer Zeit: »das der Gerechtigkeit, das ebenso­wenig wie das der Legitimität aus der gesellschaftlichen Wirklich­keit verbannt werden kann« (30).

Wer heute von »Eschatologie« schreibt, muss sich erklären. Die theolo­gische Lehre von den äußersten, letzten Dingen, also der Vollen­dung der Schöpfung, ist heute soweit aus unse­rem Horizont gerückt, dass sich das Böse zu einer eigen­ständigen Macht erheben konnte, wie Agamben schreibt (55). Dabei ist das Geheim­nis des Bösen in Wirklich­keit kein theolo­gisches Schauer­drama, sondern ein von drei Akteuren verkör­pertes, histo­risches Drama in dem sich das Ende der Zeit als die Zeit des Endes, die Jetzt-Zeit erweist.

Der Aufschub (das katechon), der beim Rechts­philosophen Carl Schmitt noch Grundlage poli­tischen Handelns über­haupt gewe­sen ist, steht im Mysterienspiel der Lehre von den letzten Dingen im Zusammen­spiel mit dem Gesetz­losen (anomos) und dem Messias. Nur wenn jeder Einzelne sich der Gerechtigkeit ebenso wie dem Recht ver­pflichtet (vergleiche hierzu Röm. 12–13), kann die Illegi­timität und Unwirksam­keit von Gesetz und Macht sichtbar (52), und der Aufschub schließ­lich aufgelöst werden.


»Eine Gesell­schaft funktio­niert nur, wenn die Gerechtig­keit (der in der Kirche die genannte Escha­tologie entspricht), keine bloße, dem Recht und der Öko­nomie gegen­über wirkungs­lose Idee bleibt, sondern sich in einer Kraft politisch Ausdruck zu verschaffen vermag, die sich der fortschrei­tenden ökonomisch-technischen Nivellierung jener ihrem Wesen nach wider­strebenden, gleichwohl aufeinander bezogenen Prinzipien – Legitimität und Legalität, geistliche und weltliche Macht, auctoritas und potestas, Gerechtigkeit und Recht –, die das kost­barste Gut der europä­ischen Kultur bilden, entschieden entgegen­stellt« (31).


So ist jeder Einzelne zur Verant­wortung gerufen. Wir sind der Aufschub. Solange wir uns nicht entschei­den für Gerechtig­keit einzu­treten, dominiert das Recht und Gesetz der Macht. Auf Erlösung würden wir dann ewig warten. So gilt es sich zu Beginn des Jahres 2018 zu entschei­den, ob es wirklich Wichti­geres gibt als die Lektüre dieses Buches.