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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #16 Emanuele Coccia

#16 Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt

Dieses dünne Buch ist mehr als eine Philo­so­phie der Pflan­zen, wie es der Unter­titel der deutschen Ausgabe zu­sam­menfasst. Es ist der Versuch, einen neuen, inte­gralen Blick auf die Pflan­zen, die Welt und unser Dasein mit ihnen und in ihr zu er­öffnen.

von Moritz Junge

Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt (Hanser 2018)

Wir hören »I can’t help myself«. Ein klei­ner, voll­bär­ti­ger Mann im An­zug steht läs­sig in einer La­ger­hal­le vol­ler Pflan­zen. Die Hän­de hin­ter dem Rücken schaut er nach o­ben. Er schiebt sich die gro­ße Brille zu­recht. Er war­tet. Als er die La­ger­tür vor ihm öffnet, steht da­hin­ter ein Ka­me­ra­mann, mitten im Bild. Klar wird nun: Wir be­fin­den uns kurz vor ei­nem In­ter­view der seit 15 Jah­ren be­ste­hen­den Sen­dung druck­frisch. Der Mann, der im Fol­gen­den von Denis Scheck in­ter­viewt wird, ist Ema­nu­e­le Coccia. Er ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie­ge­schich­te in Pa­ris und sein letz­tes Buch heißt Die Wur­zeln der Welt.

Die Wur­zeln der Welt ist mehr als ei­ne Phi­lo­so­phie der Pflan­zen, wie es der Un­ter­ti­tel der deu­tschen Aus­ga­be zu­sam­men­fasst. Es ist der Ver­such ei­nen neu­en, in­te­gra­len Blick auf die Pflan­zen, die Welt und un­ser Da­sein mit ih­nen und in ihr zu er­öff­nen.

Im ers­ten Teil führt Coccia uns, ganz in Tra­di­ti­on des 20. Jahr­hun­derts, eine a­bend­län­dische Ge­schich­te der Ver­drän­gung vor. Ent­we­der, so Coccia, sei­en Pflan­zen sys­te­ma­tisch aus dem abend­län­di­schen Den­ken ver­drängt, oder in den Na­tur­wis­sen­schaf­ten re­duk­ti­o­nis­tisch zer­legt und un­ter­sucht wor­den. Da­bei sei es doch die Pflan­ze, die es uns erst er­mög­licht, »Welt« zu ver­ste­hen:


»Die Pflan­ze lässt sich – sei es phy­sisch oder me­ta­phy­sisch – von der Welt, die sie be­her­bergt, nicht tren­nen. Sie ist die in­ten­siv­ste, die ra­di­kal­ste und pa­ra­dig­ma­tischs­te Form des In-der-Welt-Seins. Die Pflan­ze verkör­pert die engste, die e­le­men­tarste Ver­bin­dung, die das Le­ben zur Welt knüpfen kann« (18).

Doch was ist das ei­gen­tüm­liche Pri­vi­leg der Pflan­ze, das sie zum Er­kenntnis­zu­gang von Welt über­haupt eig­net? Coccia, des­sen Sprache an Klar­heit seines­gleichen sucht, und nie ins E­so­te­rische ab­driftet, wird hier deut­lich: Die Pflan­zen zeich­nen sich durch eine ihnen eigen­tüm­liche Zwischen­stel­lung aus. So leb­ten sie als wah­re Am­phi­bi­en im Bo­den wie in der Luft, und er­zeug­ten aus Son­nen­licht, Wasser und Koh­len­stoff Leben. Leben meint dabei kei­nes­wegs nur das ih­nen ei­ge­ne Le­ben. Viel­mehr er­zeu­gen Pflan­zen die Atmo­sphäre und sind damit Be­dingung der Mög­lich­keit von Le­ben über­haupt.


»Die Pflan­zen sind die Ur­suppe der Erde, und sie er­möglicht es, dass die Ma­terie Leben werden und das Leben sich zur rohen Ma­terie zurück­ver­wandeln kann. Diese ra­dikale Mischung, die alles an ein und dem­selben Ort exis­tieren lässt, ohne Formen und Substan­zen zu opfern, nennen wir Atmosphäre« (68).

Auf ge­rade ein­mal 152 Seiten führt Coccia uns so durch die Tri­ni­tät der Pflan­ze: Blatt, Wurzel und Blü­te. Dabei ge­währt er nicht bloß Ein­blicke in die Welt der Natur, son­dern auch in die Na­tur der Welt. Neben Ein­sich­ten wie der, dass die Erde in ihrer Ab­hängig­keit zur Sonne, und der Bo­den in seiner Ab­hängig­keit zum Himmel, erst voll­kommen er­kannt und wert­ge­schätzt wer­den können, steht am Ende des Buches eine neue Meta­physik. Eine Welt­deu­tung radikaler Imma­nenz, nach der alles in allem ist.


»So las­sen sich die Pflan­ze und ihre Struk­tur viel besser von der Kos­mologie her er­klären als von der Bo­tanik. Und die Anthro­pologie kann von der Struk­tur einer Blüte viel mehr lernen als vom sprach­lichen Selbst­wissen der mensch­lichen Sprecher, um die Natur der so­ge­nann­ten Ratio­na­lität zu ver­ste­hen. Warum? Weil jede Wahr­heit mit jeder anderen Wahrheit in Ver­bindung steht, genauso wie jedes Ding mit je­dem anderen Ding ver­bunden ist. Diese Ver­bindung, diese uni­ver­selle Ver­schwörung der Ideen, der Wahr­heiten und der Dinge, ist im Übri­gen das, was wir Welt nennen: was wir durch­queren und was uns durch­quert, jederzeit, jedes Mal, wenn wir atmen« (145–46).

Wenn wir uns also nicht selbst hel­fen können, brauchen wir uns nicht zu fürch­ten. Denn da ist immer etwas, das uns helfen wird. Und sei es nur der Anblick der Blü­ten im Früh­ling.