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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #2 Claudio Magris

#2 Claudia Magris: Ein Nilpferd in Lund

Claudio Magris ist ein Nomade und er ist es nicht. Er ist als renommierter Litera­tur­wissen­schaftler in Italien etabliert und zugleich als Triester Kaffee­haus­literat ein wahr­haft italienischer Denker.

von Konstantin Schönfelder

Claudio Magris, Ein Nilpferd in Lund (Hanser 2009)

Claudio Magris ist ein Nomade und er ist es nicht. Er ist als re­nommier­ter Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler in Italien etabliert und zugleich als Triester Kaffee­haus­li­te­rat ein wahr­haft italienischer Denker. Zugleich ist der Nomade Magris in der Literatur und durch die Li­te­ra­tur immer unterwegs – stets ent­lang von Gat­tungs­gren­zen, immer ent­lang so­zi­a­ler oder na­tür­licher Gren­zen. Für Letztere etwa in seiner berühmt gewordenen Biografie der Donau.

Dass daher seinem Werk die Rei­se­li­te­ra­tur we­sent­lich ist, scheint fol­ge­rich­tig. In Nilpferd in Lund er­innert er zuweilen an Ro­ger Willem­sens Enden der Welt, so wir­kungs­voll erhellt sein In­tellekt alles, worauf er sich richtet. In dem bei weitem vielseitigsten Essay, seinem Vorwort, schreibt Magris gleich zu Beginn: »Vorworte sind immer verdächtig. Als Schnick­schnack, wenn das Buch, das sie einleiten, sie nicht nötig hat, oder als Indiz für seine Un­zu­läng­lich­keit«. Gegen beides schreibt Magris an.

Be­son­ders ein­drück­lich gelingt es ihm auf den zwei Seiten, die mit dem Titel »Der Bücher­wurm« über­schrieben sind. Dort schildert er, wie sich wäh­rend des spa­nischen Bürgerkriegs in den einsturz­gefähr­de­ten Sälen der Madrider Na­ti­onal­bi­bli­o­thek ein Geflüchteter zwischen den Bü­cher­wän­den versteckte. Nur selten tat er sich hervor, »um sich Nahrung zu ver­schaffen«, und kehrte an­schlie­ßend wieder in die Bibliothek zurück. Was mag der Mann für ein Ver­hältnis zu den Büchern ent­wickelt haben? Waren sie bloß funk­ti­o­nal für ihn, weil sie ihn ver­bar­gen? Oder wurden sie schließ­lich essenziell, weil er in der Literatur zu leben verstand?

Diese Fra­gen stellt Magris, aber er ver­spricht keine Antwort. Wer Magris liest, ist, wie der Rei­sen­de selbst, un­ter­wegs zu einem Geheimnis.