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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #5 Christopher Hitchens

#5 Christopher Hitchens: Letters to a Young Contrarian

Rilke antwortet in »Briefe an einen jungen Dichter« an den an­gehenden Poeten Franz Xaver Kappus nur, um zu­zu­ge­stehen, dass er nicht ent­scheiden kann, ob der junge Franz das Zeug zum Dichter hat oder nicht.

von Konstantin Schönfelder

Christopher Hitchens, Letters to a Young Contrarian (Basic Books 2001)

Rilke antwortet in »Briefe an einen jungen Dichter« an den angehenden Poeten Franz Xaver Kappus nur, um zuzu­gestehen, dass er nicht ent­scheiden kann, ob der junge Franz das Zeug zum Dichter hat oder nicht. In diesem Tenor wendet sich auch Christopher Hitchens in seinem Brief an die jungen »Contrarians«, angelehnt an Rilkes Briefe. Eine Anleitung zum Wider­stand gibt es nicht. Hitchens will eine Denk­haltung etablieren, keine Meinung. Der britisch-US-amerikanische Intellektuelle schreibt eigentlich keinen Brief. Es ist ein Essay. Es ist ein virtouser und quellen­reicher Versuch, jungen Menschen in ihrer Leiden­schaft­lichkeit zu helfen, aus der sich ein Denken entfalten kann. Dafür installiert Hitchens verschiedene Denk­figuren: Licht entsteht nie ohne ihren Abfall ›Wärme‹, ein interessanter Gedanke kommt also nie ohne Reibungs­verluste aus; es ist uner­heblich, womit man sich beschäftigt, es zählt, »wie« man es tut. Oder Hitchens bemüht Vaclar Havels as if-principle: Wir müssen so leben, im Beispiel von Rosa Parks, als dürfte eine hart arbei­tende dunkel­häu­ti­ge Frau sich am Ende ihres Arbeits­tages in den Bus setzen. Wir müssen so leben, als ob Gerech­tigkeit möglich wäre, um sinnvoll Widerstand zu leisten.

Hitchens zu lesen, heißt immer auch, seine Lek­türen mitzulesen – er zitiert und ver­weist stets auf seine Autoren und Heldinnen (»to lighten my text and make use of those who can express my thoughts better than I am able to«). Viel­leicht ist das Groß­artige dabei vor allem, dass er immer wieder aus den geistigen Rändern schöpft. Etwa vom ungarischen Schrift­steller George Konrad übernimmt er den klugen Satz, der sich dann wirklich als eine Lebens­maxime eignet:


»Have a lived life instead of a career. Put yourself in the safekeeping of good taste. Lived freedom will compensate you for a few losses. [...] If you don’t like the style of others, cultivate your own. Get to know the tricks of reproduction, be a self-publisher even in conversation, and then the joy of working can fill your days.«

Ein unerreichter »self-publisher in conversation« war auch Hitchens. Ausge­rechnet er, das rhe­to­rische Genie, verstummte zehn Jahre später an Kehl­kopf­krebs.