↑ Nach oben
PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #15 Axel Hutter

#15 Axel Hutter: Narrative Ontologie

Das ist kein gewöhnliches Sach­buch, das ich hier vor mir habe. Obwohl der Titel etwas anderes er­warten lassen mag, handelt es sich auch nicht wirklich um ein Buch über Philoso­phie. Das Buch ist eine Erzählung. Genauer: eine deutende Nach­erzählung einer Erzählung über das Erzählen, eine Deutung von Thomas Manns epischer Tetralogie Joseph und seine Brüder.

von Simon Böhm

Axel Hutter, Narrative Ontologie (Mohr Siebeck 2017)

Dies ist kein ge­wöhn­liches Sach­buch. Ob­wohl der Titel et­was an­de­res er­war­ten las­sen mag und noch dazu der Autor Pro­fessor des Fachs ist, han­delt es sich auch nicht wirk­lich um ein Buch, das von Philo­sophie han­delt. Die­ses Buch ist eine Er­zäh­lung. Genauer: eine deu­tende Nach­er­zäh­lung einer Er­zäh­lung über das Er­zäh­len. Noch genauer: eine Deu­tung von Thomas Manns epischer Tetra­logie Joseph und seine Brüder, die sich nicht auf die her­kömm­lichen Deutungs­weisen beschränkt, sondern Neues ver­sucht. Hutters Narra­tive Onto­logie will er­zäh­len, wo­rüber Thomas Mann erzäh­lend erzählt: das Ver­hält­nis von Sein und Sinn, von Exis­tie­ren und Be­deu­ten.

Zu den schöns­ten Sä­tzen dieses Buchs gehört dieser:


»Die Quelle der Würde und der Pflich­ten des Men­schen ist somit seine Ver­gäng­lich­keit: Er soll nicht sein, sondern bedeuten« (234).

Hutter ver­weigert sich einer sys­te­ma­tischen Ein­ord­nung seiner Ge­dan­ken. Er will keine Theo­rie vorlegen – sondern auf etwas stoßen. Es geht nicht um An­leitung, son­dern um das Offen­legen des eige­nen Angeleitet-Seins. Der Roman von Thomas Mann erzählt von den Geschich­ten Josephs und seiner Brüder aus der Genesis. Was dort auf eini­gen weni­gen Seiten kom­pri­miert steht, nimmt bei Mann mo­nu­men­ta­le Zü­ge an. Warum wurde die­ses Buch also ge­schrie­ben, wo es sich doch bei dem Buch, von dem es han­delt, selbst be­reits um eine schein­bar aus­ufern­de Nach­er­zäh­lung han­delt? Wie kann da noch nichts alles er­zählt sein? Die Ant­wort ist Sub­text. Von primä­rem In­te­res­se ist nicht, was in den Ge­schich­ten Josephs sich alles buch­stäb­lich abspielt und was in kür­zes­ter Knapp­heit zu be­rich­ten wäre. Es geht um dessen Be­deu­tung. Der Mensch soll sich selbst er­ken­nen in den Ge­schich­ten und er er­kennt sich selbst, in­dem er ver­steht, was es be­deu­tet, (eine Erzählung) zu ver­ste­hen. Indem er die Fi­xiert­heit der ei­ge­nen I­den­ti­tät zu lösen wagt:


»Ich kann ein jeder sagen, aber wer's sagt, darauf kommt's an.«

So lau­tet der fort­lau­fend am Ka­pi­tel­an­fang wie­der­hol­te und aus dem Joseph-Roman zi­tie­rte Kern­satz des Bu­ches (u. a. 43). »Ich« sagt ein jeder Mensch und meint damit nur sich. Die­ses kleine Wört­chen kommt so hoch­in­di­vi­duell daher wie sonst kaum etwas. Doch da­durch, dass ein jeder es von sich sagt, scheint es sei­nen Glanz ein­zu­bü­ßen. Man ist doch nur ein klei­ner Mensch un­ter vie­len, einer, der darum in sei­nem Un­be­deu­tend­sein nicht ge­stört wer­den möch­te. Der Mensch wird nicht ver­klei­nert, er ver­klei­nert sich selbst. Darin liegt die Ge­fahr, ge­gen die Hutter an­er­zählt. Da­ge­gen wehrt sich sein Buch. Der Mensch ist be­deu­tend in sei­nem Ich-Sagen. Aber nicht, obwohl es jeder sagt, son­dern ge­ra­de da­rum, weil es je­der sagt.

So kann der Mensch ler­nen, sich als Re­prä­sen­tant der gan­zen Men­schen­gemein­schaft zu erkennen. Was ein ein­zi­ger tut, steht dann für alle.