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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #45 Alexander Kluge und Ben Lerner

#45 Alexander Kluge und Ben Lerner: Schnee über Venedig

Wasser ist die einzige chemische Verbindung, die auf natürliche Weise in allen drei Aggregat­zuständen vorkommt. Als Wasser flüssig, als Eis fest, als Wasser­dampf gasförmig. Wollten wir das Werk Alexander Kluges als Äquivalent zur Verbindung H2O verstehen, wäre die Dichte­anomalie des Wassers die maß­gebliche Eigen­schaft, mit der sich sein Werk in einzelne Felder trennen ließe. Aufgrund dieser Anomalie verliert das Wasser von knapp vier Grad Celsius an kontinuierlich an Dichte und gewinnt an Volumen, sodass das Wasser seine gefrorene Identität auf sich tragen kann. In Alexander Kluges Werk sind die Bücher der Ausgangs- und Flucht­punkt seines Denkens – Wasser –, auf denen die Filme lagern – Eis – und die sich schließlich in seinen unzähligen Gesprächen lösen – Wasser­dampf. Kluge beherrscht die unterschied­lichen Aggregat­zustände und dehnt meisterlich die Vorzüge jeder Form aus. Schnee über Venedig. Der Kluge-Lerner-Container, sein jüngstes Buch, ist nicht mehr als ein Beispiel par excellence.

von Konstantin Schönfelder
Alexander Kluge und Ben Lerner, Schnee über Venedig (Specter Books 2018)

Dieses Buch beginnt mit seinem Ein­band: weiß-glänzende Leinen, die Schrift in anderem matten Weiß auf den Buch­deckel geprägt. Nur der Titel hebt sich in einem stolzen Dunkel­blau ab. Der »Schnee« im Titel ist die einzige Sache auf dem Buch, die nicht weiß ist, sondern eben blau. Die Haptik des Buches wechselt in seinem Verlauf: von mattem kräftigen Papier zu Hochglanz­papier, auf dem wir vier Inseln im Anschluss an den Haupttext begehen können. So sehen wir Fotografien Gerhard Richters (*9. Februar 1932), den Kluge (*14. Februar 1932) auf den ersten Buch­präsentationen seinen Freund und seinen Zeit­genossen nennt. Dann, auf Seite 16, also nicht am Anfang, beginnt das Buch, und damit das Programm, mit einer Anekdote Kluges: Das Buch ver­zeichnet einen Dialog zwischen ihm und dem amerikanischen Poeten Ben Lerner, der mal direkt sichtbar wird, im Gespräch, mal indirekt und im Austausch, mal über Um­wege, über ins Buch importierte, mitunter gemeinsame Künstler­freunde.

Lerner, ein 39-Jähriger, der von Kluge geprägt ist, ohne dass dieser davon weiß, veröffentlicht 2004 mit Die Lichtenberg­figuren seinen ersten Lyrikband. Der Adept überlegt, dieses Buch nach Deut­schland zu senden, zu seinem verborgenen Lehrer. Er verwirft den Plan. Mehr als ein Jahrzehnt später entdeckt Lerner zufällig einen elektronischen Brief in seinem Spam-Ordner. Er kam von Alexander Kluge. Der hatte seine Gedichte in der deutschen Übersetzung gelesen und ihm daraufhin eine Sammlung von Geschichten gesandt, die von einzelnen Zeilen Lerners inspiriert waren. Der Gruß eines Schrift­stellers an einen Schrift­steller. Es ist »eine Menge Zufall erforderlich für eine Kooperation«, kommentiert Kluge das bei seiner Buch­vorstellung in Frankfurt.


»– Jede adäquate Theorie der Arbeit muss mit der Gegen-Arbeit para­doxen Schlafes rechnen. (B.L.)
Sie schlief wie ein Bär. Paradox, dass Nerven, Leber, Zellen, Herz – alles das, was am Tiefschlaf teilnimmt – die sogenannte Realität so rasch abwirft. Wie die Schlangen ihre Haut in Fetzen reißen und so-gleich abstreifen. Ich bin die WAHRE REALITÄT, spricht der Schlaf. Von Kindheit begleite ich meine Sklavin, die sich für meine Herrin hält. Ich jubele in der Person – als Morgen­gabe – meiner Lebens­trägerin, meinem Fahrzeug, meinem Ross. Herzlichst: Dein Bruder Schlaf. (A.K.)« (231-233)

Dieses Buch lässt sich keiner begriff­lichen Generalität beugen. Diese Tatsache, wenig über­raschend im Lichte des Kluge-Werks, ist ein Hinweis darauf, in wie vielen verschiedenen Schichten Kluge, mit Lerner, nach den richtigen Ausdrücken gräbt. Deshalb können wir nicht sagen, worum es in diesem Buch geht. Aber wir können freizu­legen versuchen, was dieses Buch zum Thema nimmt.

Gedichte (von Lerner) und die Kom­mentare dazu (von Kluge) sind sein Gerüst. »Ein Gedicht hat kein Dach«, ist einer der Versuche Lerners, die Lyrik zu bestimmen, und sie von der Prosa zu trennen. Ein Gedicht, also, ist unabge­schlossen, unfertig, nicht zu Ende gebaut; wie die Athener Beton­klötze, die Häuser sind, aber doch keine Dächer haben. Nicht um Steuern zu sparen – wie im Athener Fall – und auch nicht willentlich, bleibt das Gedicht ein Haus ohne Dach. Das Gedicht muss sich seine Offenheit nach oben hin bewahren, um authentisch bleiben zu können. Die Poesie kann einen Platz bieten für das Authen­tische, es kann »einen Raum freimachen für etwas, das niemals kommt. […] Man muss miss­trauisch sein bei jedem Gedicht, das behauptet, authentisch zu sein im Gegen­satz zu Texten, die nur einen Raum dafür bereithalten.«

Der Lyriker trifft auf den Prosaisten, der sich als unfähig beschreibt, selbst zu dich­ten, weil er die Worte nicht »konzen­trieren« kann auf einen Vers. Das aber verlangt die äußere Form des Gedichts von seinem Schöpfer. Kluge will erzählen – aber dichten? Es entstehen schon in dieser Ausgangs­lage Angebote, die Lyrik und die Prosa besser zu verstehen, weil sich ihre Eigentüm­lichkeiten aus den (auch) unterschied­lichen Ausdrucks­formen der Gesprächs­partner ergeben. Ein Gedicht, setzt Lerner fort, ist über einen Abgrund gespannt: Dass es einmal höchst individuell ist, eine innere Erfahrung ausdrückt, die nur die Dichterin in dieser Intensität zu fühlen vermochte und die diesem Gedicht injiziert wurde. Und dass es zugleich verall­gemeiner­bar ist, sich nicht nur für sie, sondern für die Lesenden zur Lektüre eignet. Eine Lektüre, die eine Wir­kung haben kann – also infiziert. Es ist ein unmöglicher Anspruch an eine Hand voll Worte. Jeder Vers droht zu zerreißen.


Halberstadt brennt, oder die langsamste Musik der Welt

Als Kind hielt ich Nacht und Tag als Gegensätze /
Während ich sie jetzt für Abstufungen halte /
Die äußere häufig essbare Schicht des Schattens […] /
Die Vögel brechen die Schatten mit hochspezialisierten Schnäbeln auf /
Wie jedes Kind ging ich endlos träumend über ein sphärisches Feld, während ich heute anwaltlich tätig bin /
Doch das Gesetz bleibt stumm oder ist dehnbar an diesem Punkt (126)

Das »Halberstadt brennt« ist die Kind­heits­erfahrung Kluges, die auch in Schnee über Venedig nachflackert. Die Luft­angriffe am Ende des Zweiten Welt­krieges, die Halber­stadt zerstörten, sind eine Erzähl­stätte, zu der Kluge immer wieder zurück­kehrt. Auch in diesem Buch. Nicht zufällig finden sich im zweiten Teil des Buches Gedichte von Ben Lerner, die »Für Alexander Kluge« geschrieben sind und die an vielen Stellen Halberstadt betreffen, man könnte sagen, die Halberstadt ver-dichten. Und es braucht nicht viel Vorstellungs­kraft, um in dem Kind, »endlos träumend über ein sphärisches Feld«, den Halber­städter Jungen Alexander zu sehen. Der Jurist, der Kluge nach seiner Aus­bildung auch noch ist (neben seinen Rollen als Schrift­steller, Filme­macher, Journalist, Kurator und über­haupt Chronist), findet in seiner Heimatstadt ein Symbol, das Lerner im Titel als »die langsamste Musik der Welt« aufnimmt. Dieses ist ein Stück von John Cage, betitelt mit »As Slow as Possible«. Wie langsam das Langsamst­mögliche ist, bleibt unbenennbar. Doch Halberstadt stellt sich dieser Un­bestimm­barkeit: 2001 wurde in der St. Buchardi Kirche eine Orgel installiert, aus der über Jahre jeweils nur ein Akkord des Stücks von Cage erklingt. Der letzte Akkord-Wechsel fand 2013 statt, der nächste wird 2020 stattfinden. Das Ende des Konzerts ist für den 5. September 2640 vorgesehen. Das Stück würde dann 639 Jahre angedauert haben.

Man kann nicht über­schätzen, wie heftig sich dieses Projekt gegen die Grenz­pfeiler des menschlichen Lebens wehrt. Gegen die Kürze: Wie viele Generationen haben an diesem Stück Anteil und natürlich auch anders herum, wie marginal ist der Anteil nur einer einzigen Generation daran? Gegen die Hast als Lebensform: Alles schnell, sofort, unmittelbar verfügbar haben zu wollen. Sich aber in Geduld einzuüben, sich gedulden, duldend, es erdulden. Diese Stille, die in den ewigen Akkorden angeschlagen wird. Schließ­lich auch das Unfertige des mensch­lichen Lebens: Es ist unerträglich wie dieser sieben­jährige Akkord. Und doch ist es alles, was wir haben.

An dieser Idee der Geduldigkeit hängt etwas, das Alexander Kluge nicht nur fasziniert, sondern das er selbst repräsentiert in seiner Per­son. Seine Anek­doten, die in keinem »größeren Sinn« aufgehen, den er benennen wollte. Die Hypo­thesen, die er lieber erzählt, als dass er sie analysiert; auch weil er der Trennung zwischen diesen beiden Tätig­keiten misstraut. »Musik berührt ein Gebiet, keinen Punkt«, schreibt Lerner. Kluge denkt flächig, nicht positions­bezogen. Kluge ist wie Wasser: fließend, spiegelnd, die Aggregat­zustände wechselnd.