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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #46: Aleida Assmann

#46: Aleida Assmann: Im Dickicht der Zeichen

Eine kurze Frage, bevor Sie beginnen, diesen Text zu lesen: Haben Sie sich schon ein­mal im Wald verlaufen? Womöglich ja sogar in der Abend­dämmerung, nach einem ausge­dehnten und ent­deckungs­freudigen Spazier­gang querfeldein, bei dem man jeder noch so kleinen und un­schein­baren Weg­gabelung Beach­tung schenkt, um sich neue Räume zu erschließen. Was als Akt der freien Erkun­dungs­lust beginnt, kann schnell umschlagen in Argwohn und Furcht. Bin ich hier links abgebogen? War ich nicht schon einmal hier gewesen? Täuscht das oder kommt mir dieser Baum bekannt vor?

Sich in einem Wald zu verirren, das gibt es. Was es auch gibt, obwohl es un­wahr­schein­licher klingen mag, ist das Verirren in einem Text, in einem Dickicht aus Zeichen. Das Geflecht aus Buch­staben wirkt, sofern es die eigene Sprache ist, einfach zu ver­traut. Wir haben nicht das Gefühl, als läsen wir da etwas Unbekanntes, das uns täuschen könnte. Und doch: Einen simplen Text zu lesen, das ist manchmal nicht weniger anspruchs­voll, als eine verwinkelte Bio­graphie zu verstehen.

von Simon Böhm
Aleida Assmann, Im Dickicht der Zeichen (Suhrkamp 2015)

An Aleida Assmanns 2015 erschienener Aufsatz­sammlung Im Dickicht der Zeichen lässt sich die Geltung dieser Behaup­tung prüfen. Die 1947 geborene Kultur- und Literatur­wissen­schaftlerin, Anglistin und Ägypto­login wurde kürzlich auf der Frank­furter Buch­messe mit dem Friedens­preis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, gemeinsam mit ihrem Ehemann Jan Assmann. In ihrer im Wechsel gehaltenen Dankes­rede entfalteten die Assmanns ein Plädoyer für welt­um­spannende Solidari­tät als Antwort auf den um sich greifenden Nationa­lismus. Wolle man ein Weiter­leben für nach­folgende Generationen ermög­lichen, müsse man sozial und global soli­darisch sein, das heißt im Umgang mit seinen Nächsten, mit Menschen auf der Flucht, und im Verbrauch ökonomischer wie natürlicher Ressourcen.

Assmanns Plädoyer für Solidarität ist dann am stärksten, wenn es nicht im poli­tischen Raum statt­findet. Aleida Assmanns Heimat­raum ist nicht der politische, sondern ein viele Jahr­tausende umspannender Kultur­kosmos, den sie sich im Laufe ihrer Studien- und Forschungs­jahre als Pro­fessorin erarbeitet hat. Äußert sich Assmann also außerhalb des politischen Kontextes, verweigert sie nicht etwa die Debatte, sondern berei­chert sie. Assmann tut dies mit der vorliegenden Sammlung von Aufsätzen und Arbeiten aus ihrem Forscher­leben, die auf Anregung des Suhrkamp-Verlags ent­standen ist. Ihre Texte geben uns geistiges Werkzeug an die Hand – Metaphern, Analogien, Methoden –, die wir einsetzen können bei unserem Versuch, das (natürlich auch politische) Welt­geschehen zu lesen. Und dieses richtig zu lesen, sodass man es versteht, das heißt im Kontext von Im Dickicht der Zeichen immer auch: die Unverständ­lichkeit mancher Kapitel des Welt­geschehens anerkennen. Richtiges Verstehen als Nicht-Verstehen? Willkommen in der Irritation, in der Paradoxie – will­kommen im Dickicht.

Im letzten Aufsatz der Sammlung gibt Assmann auf diese Irritation eine ver­söhn­liche Antwort. Sogleich ist der Gegen­pol auf dem Plan, im ersten Satz: »Literatur­wissen­schaftler sind zum Lesen geboren, zum Deuten bestellt« (305). Doch wie wird deutbar, was unverständlich ist? Die Formen, die die Deutungs­praxis im Laufe der Historie angenommen hat, stellt Assmann in diesem Aufsatz vor: Hodegetik, Hermeneutik und De­konstruktion. Es ist eine historische Chrono­logie der Deutungs­rahmen, die gipfelt in der Deutung des Unver­ständlichen. Diese verzweifelte Art, zu deuten, was sich doch gerade entzieht, gibt dem Bild des Dickichts seine wald­bekannte Düsternis. Die Chronologie beginnt mit einer Schilderung eines Textes aus der Apostel­geschichte, dem Kämmerer aus dem Morgenland. Der Kämmerer, also ein Schatz­meister, befindet sich auf der Rückreise von einem Wallfahrts­fest in Jerusalem und liest den Propheten Jesaia, als ihm der Apostel Philippus bege­gnet. Dieser will wissen, ob der Käm­merer denn versteht, was er da liest. Der Käm­merer entgegnet: »Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?« Philippus wird sogleich zum Hodegeten, zu dem­jenigen, »der den Weg durch das Dickicht der Zeichen weist und dem Leser zur ›ver­stehenden Lektüre‹ verhilft« (309). Hodegetik ist der dreiteilige Deutungs­rahmen, der aus Text, Lesendem und Deutungs­gehilfem besteht:


»Lesen, so können wir die herme­neu­tische Moral dieser Geschichte verall­gemeinern, reduziert sich in der zwei­stelligen Relation von Text und Leser auf ein Artikulieren der ge­schriebenen Worte, Verstehen dagegen ist nur in der drei­stelligen Relation von Text – Leser – Wegweiser möglich.« (309)

Ohne Deutungs­gehilfe ist maschinelles Lesen als ein Entziffern der Buch­staben­folgen möglich. Nicht aber öffnet sich der Be-Deutungs­raum, in dem wir verstehen. Kann darum ein jeder Mensch nicht einmal sein eigenes Leben begreifen ohne fremde Hilfe, ohne Deutungs­assistenz? Sehen wir das eigene Leben als Text und uns selbst als Lesende, bleiben wir in dieser Zweier­konstellation bloße maschinelle Leserinnen.

Abhilfe von dieser miss­lichen Deutungs­inkompetenz verheißt folgendes Gedanken­experiment: Stellen wir uns eine Kompo­nistin vor, die ein Klavier­werk gestaltet. Sie steht allein mit den unendlichen Ton­folgen­varianten, zwischen denen sie sich zu entscheiden hat. Vor der Komposition kann sie aus allen Tönen wählen, es ist, als wäre jede Sekunde des Werks am Anfang mit allen möglichen Tönen, gleichzeitig gespielt, ausgefüllt. Und als bestünde die Kompo­sitions­technik darin, an den richtigen Stellen die richtigen Töne wegzu­streichen – im Falle einer Pause eben einfach alle. Braucht auch die Komponistin, die das Ent­stehen ihres Werks überhaupt erst bewirkt, einen Deu­tungs­gehilfen, um recht zu verstehen? Natürlich nicht. Die Kom­ponistin hat sich die Anleitung des Deu­tungs­gehilfen im Kom­ponieren angeeignet, sie entdeckt die Hermeneutik.


»Wer [solche] Regeln anwendet, hat den Hodegeten verinnerlicht und sich so als Leser gleichsam verdoppelt. Ohne direkte persönliche Inter­vention bleibt damit die triadische Konstellation der Lektüre erhalten.« (312)

Abschluss der Chronologie der Deu­tungs­rahmen bildet derjenige der De­kon­struktion. Diesen kann man als Paradigmen­wechsel erachten, weil er von verschiedenen Weisen abrückt, zu verstehen versuchen. Das Projekt des Deutens droht in Selbst­auflösung, als Deutung des Undeutbaren, zu verschwinden:


»Im Deutungs­rahmen der Dekon­struktion werden Fremdheit und Intransparenz als unhinter­gehbare Qualitäten des Textes verabsolutiert. Damit ist aus der Kunst­lehre des Text­verstehens eine Kunstlehre der Unles­barkeit geworden, deren erstes Gebot lautet: ›Widerstehe der Wut des Verstehens!‹« (323)

Der Text ist durch diesen Schritt der Dekon­struktion verabsolutiert, es gibt, nach einem Worte Derridas, kein außer­halb des Textes mehr. Das Buchstaben­geflecht ist das verbleibende Subjekt. Niemand sonst ist an der Auslegung beteiligt. Wir selbst werden als Deutende Teil des Textes. Dekonstruktion ist eine Kunst der Herme­neutik nur noch in dem Sinne, dass immer noch gedeutet werden soll, indem dem Verstehens­zwang widerstanden wird. Doch dies wirkt inkonsequent. Als käme durch die Hinter­tür das Vermögen des Deutens wieder auf den Plan. Assmann aber hält die Spannung aus und weist den Weg:


»Eine Inter­pretation kann sich nicht an einer textexternen Wahrheit messen lassen, sondern einzig an der Frage, ob sie die im Text angelegten Kohärenzen zur Erscheinung bringt.« (326)

Die Paradoxie zu deuten, heißt eben nicht, sie zu verstehen. Es gibt Un­ver­ständliches, das sich unserem Blick entzieht, das, im Sinne Lévinas’ radikal anders bleibt und darin beschützens­wert ist. Eine jede Person, mit ihrer Biographie und ihrem je eigenen Lebenstext, bleibt in letzter Instanz unverfügbar. Aus dieser Unverfügbarkeit speist sich schließlich bei Lévinas der ethische Widerstand, den wir als Anruf des Sollens erfahren und der für ihn die Ethik stiftet. Sich angesichts dieser Anders- und Fremdheit zurechtzufinden ist genau die Herausforderung, mit der wir uns das Dickicht des Irrwaldes konfrontiert:


»So finden wir uns am Ende im Dickicht der Zeichen wieder, in dem uns die unter­schied­lichen Deutungs­rahmen der Hodegetik, der Hermeneutik und der Dekonstruktion verschiedene Orien­tierungen anbieten, aus dem sie uns aber nicht herausführen. Wir können ein Buch beenden und es zuschlagen, aber es gibt keinen roten Faden, der aus dem Dickicht der Zeichen herausführt. Dieses Labyrinth hat keinen Ausgang. Wir bleiben in Texte verstrickt, von Schrift umgeben und mit Spurenlesen beschäftigt.« (328)

Wir können von Assmanns Lageplan für das Dickicht der Zeichen und ihrem Be­kenntnis zur Ausweg­losigkeit dieser Lage schließlich mehr lernen als im politischen Diskurs, im Kontext dessen sie sich kürzlich mit ihrem Ehemann positioniert hat. Nicht, weil dieser Diskurs weniger wichtig ist. Vielmehr, weil wir mit Assmanns wissenschaft­lichem Text nicht im, sondern über den Diskurs lernen.

Was geschieht in der Welt, muss, um für uns veränderbar zu sein, vor Augen liegen. Es liegt aber nie ein­fach da. Wir sind angerufen, es aufzudecken. Assmann gibt uns das Werkzeug hierzu an die Hand, damit wir im Dickicht der Zeichen nicht verzweifelt zusammensacken und uns verlieren. Es gilt, nach dem Aus­weg aus dem Dickicht zu suchen. Wir sollen immer wieder neu er­lernen, was es heißt, einen Text nicht nur zu regis­trieren, sondern deutend auf ihn zuzu­gehen. Das heißt: wirklich zu lesen.