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PRÄ|POSITION
SENTIMENTHEK #60 Tobias Premper

#60 Tobias Premper: Aber nur dieses eine Mal

Dies ist die Verschriftlichung einer Begegnung. Sie findet statt zwischen den Zeilen unserer Notizen. Alles beginnt an einem Frühlingstag und mit einem Telefongespräch. Das Gespräch wird damit schließen, dass ich von Tobias Prempers neustem Buch erfahre. Eine Sammlung von Notaten aus den Jahren 2010 bis 2017: Aber nur dieses eine Mal. Wenige Tage später lese ich darin und immer, wenn ich beschreiben will, was mir beim Lesen durch den Kopf geht, drängt es mich selbst ins Notieren. Ich erzähle Tobias Premper von diesem Impuls. Und dass ich sein Buch besprechen möchte, indem ich auf seine Notizen mit eigenen Notizen antworte. Premper ist neugierig und willigt ein. Ich erstelle ein Dokument, in das ich eine erste Auswahl seiner Notizen packe.

Schnell einigen wir uns auf eine minimalistische Form: Notizenpaar, Kommentar, Nachtrag, und immer drei Sätze zum Schluss. Eine Vorgabe, die auch hätte anders lauten können, die wir in ihrer nun unumstößlichen Kausalität aber befolgen werden. Unvermeidlich ist so auch der Verzicht auf die zweite Chance. Nur dieses eine Mal dürfen wir kommentieren, was der andere gesagt hat. Mit je einer einzigen Gelegenheit zum Nachtrag.

Prempers Notate führen von dort in alle Himmelsrichtungen, enthalten Dutzende von Gesprächsfäden, finden nur provisorische Enden. Satz für Satz füllen wir die Seiten. Und schreiben bis heute weiter an dieser Geschichte. An dieser Begegnung in Notizen.

von Simon Böhm
und Tobias Premper

[Intro]

Wir tasten uns vorsichtig aneinander heran, als wir mit dem Austausch beginnen. Ich wähle eine Reihe von Notizen aus Prempers Buch aus, packe sie in ein Dokument. Füge meine eigenen Notate bei. Und erhalte wenige Tage später die erste Antwort.

PREMPER Kurze Anmerkung, Simon. Ich habe jetzt ganz frei um deine Texte herum gearbeitet. Ich stelle mir das schön vor, auch im Layout, wenn Anweisungen wie »Headline« oder »Intro« sichtbar sind. Dann bekommt das Gespräch eine Arbeitsatmosphäre und auch Arbeitsdynamik. Dann müssten wir streng genommen diese Zeilen hier auch mit abdrucken.

BÖHM Das machen wir auf jeden Fall. Denn diese Gespräche über den Text, um ihn herum, werden ja viel zu oft verschwiegen. Das glättet die Zeilen, die übrig bleiben, unnötig, lässt sie als schon immer fertig erscheinen. Das ist doch fürchterlich langweilig.

PREMPER Lass uns auf das Dialoghafte schauen, also, dass wir immer abwechselnd etwas schreiben, im Gespräch bleiben, okay? Und an dem Geschriebenen arbeiten. Sagen, wenn uns etwas auffällt. Formulierungen schleifen. Das Hingeworfene aufheben, es begutachten und wieder ganz sanft auf die Seite legen. Sofort muss ich dann auch an ein Buch denken, das wir so machen könnten. Wochenlang, jahrelang so weiterschreiben. Ich möchte den entstandenen Text auf jeden Fall einem Typomagiker geben, der unseren schweren Flügeln Aufwind gibt. Vielleicht als Einzelseiten druckbar. So als Tafeln. Wie die, die Moses vom Berg Sinai mitgebracht hat. Verstehste? Egal erst mal. Nun gut. Los geht’s!

BÖHM Noch eine Notiz zur Gestaltung: Vielleicht könnten wir die Texte im Kreis arrangieren, pro Notiz ein Kreis. Alle nachfolgenden Äußerungen, die Erläuterungen, Kommentare, Nachträge etc. umgeben ihn. Führen gewissermaßen zu ihm zurück, auch wenn sie manchmal in die Ferne gehen. Vielleicht lässt sich der Grad der Verbundenheit zum Ursprungszitat auch graphisch abbilden, indem nahe Gedanken nah stehen und ferne fern. Vielleicht ist das auch schwer zu entscheiden. Aber ich greife jetzt schon zu weit vor.

PREMPER Ich hab wirklich sofort an Tafeln gedacht (aber nicht an den brennenden Busch oder das goldene Kalb). Die gepunkteten Linien zur Abtrennung mag ich auch. Diese Tafeln können auch wie ein Altar ausklappbar sein. Also vielleicht ist das Buch (schon wieder denke ich an ein Buch) dann ein hochformatiger Notizblock, wie diese Journalistenblöcke, nicht so klein, schön groß wie ein Buch, und dann unten mit einem Gummiband, das die Seiten zwischen den Deckeln hält. Ich denke gerade auch an Steidl, der sich hier auch ins Gespräch einklinken könnte und sagt, wie er das Buch machen würde (und dass wir nur Quatsch reden, wenn wir vom Büchermachen reden, und ich würde ihm ein Stück weit recht geben, zumindest zu 51 Prozent). Aber wir sollten weiterschreiben und miteinander sprechen, vielleicht wird ja auch nichts draus, vielleicht brennst du mit einer schönen Münchnerin durch nach Italien und lässt mich sitzen mit den Gedanken, dem Text, dem Buch, im fucking Novembernebel.

BÖHM So, zurück aus Italien. Und ganz angetan von deiner Idee mit dem Tafelbuch. Vor allem finde ich es schön, weil das Gummi zur Befestigung der Tafeln ja reißen kann. Und ich würde es feiern, wenn ihn jemand absichtlich zerreißt. Einfach nur, um unsere Gedanken auch ganz buchstäblich zu zerstreuen. Den meisten herkömmlichen Büchern könnte man das ja, wenn man ganz spitzfindig sein will, als Mangel ankreiden: dass sie nicht dazu imstande sind, sich zu zerstreuen, ohne kaputtzugehen, ohne zerrissen zu sein. Die Tafeln nehmen ihren Ausgang ja ganz im Gegenteil vom Zustand der Vereinzelung und werden zusammengefügt, müssen erst zusammengefügt werden. Aber ich schweife ab. Lass uns weiterschreiben. Und noch eine Idee: Ich habe mich bei der finalen Auswahl der neuen Zitate aus deinem Buch völlig verloren. Mal wieder, wie mir das immer so geht. Bei den späteren Notizen allemal. Mir kam dann die Überlegung, dass es spannend wäre, wenn du selbst zwei oder drei Notizen auswähltest, bei welchen dich interessiert, was ich dazu notieren würde. Ich habe den Eindruck, bei meiner Auswahl einem Muster zu folgen, das mir Sicherheit gibt, dabei hilft, geschickt zu umschiffen, was zu kommentieren mir schwerfiele. Bring mich doch mal ganz fies aus der Fassung, wenn du magst.

Premper ergänzt meine Auswahl. Das Gerüst steht. Einige Monate später werden wir durch eine beiläufige Äußerung erfahren, dass vor unseren beiden Fenstern zur selben Zeit große Baugerüste aufgestellt worden sind. Ein treffendes Bild für das digitale Schreibzimmer, das wir uns bis dahin aufgebaut und im Tandem eingeräumt haben würden. Ich erinnere mich an den Anfang. Daran, wie ich Premper in den ersten Zeilen des unerwartet weitläufig werdenden Dokuments gefragt habe, wie man ein Notizbuch eigentlich in angemessener Weise lesen würde …

BÖHM … stimmig, nicht neunmalklug, nicht besserwisserisch? Liest man ein Notizbuch von vorne bis hinten durch? Nur Passagen? Jeden Tag eine? Immer nur sonntags?

PREMPER Man liest ein Notizbuch wie man eine Liebesaffaire beginnt. Es gibt dann nichts anderes. Wie unter einer Glocke. Der Rest der Welt ist egal, alles andere hat sich erübrigt. Man lässt sich ganz darauf ein …

Notizenmachen in der Berliner Küche (© Tobias Premper)

Die, die alles totbeschreiben, anstatt es zum Leben zu erwecken.

Die, die nur schauen, aber nicht sehen, wie es Tarkovsky sagt. Haben sie noch eine Fähigkeit auszubilden oder eine ursprüngliche verlernt?

Kommentar

PREMPER Ja, ich spüre, dass das eine Herausforderung ist, jetzt nicht selber die eigene Notiz oder deine Notiz darauf totzulabern. Da pirschen wir uns in der Folge heran, ja? Ganz sachte, ohne allzu laut mit den Literaturlaberheiniketten zu rasseln. Ich bin ja kein Literatur-MonchhichiHättest du das Wort ohne zu recherchieren so schreiben können? Übrigens, der Monchhichi wurde mit meiner Geburt 1974 erfunden., das ist auch gar nicht meine Sprache, mich so auszudrücken; das ist eine journalistische Sprache, und damit habe ich nichts zu tun; ich möchte mich gerne einmal wieder überraschen lassen von einem Artikel über ein Buch, eine Ausstellung, einen Song, eine Komposition, irgendwas. Aber das ist alles wie in so hässliche Plastikformen gepresst. Das macht mich wütend und krank. Und zumindest mein Buch ist keine hässliche Plastikform, sondern im besten Fall eine Überraschung – ach, sag du es mir. Sonst fange ich noch an, von Freiheit und Frieden zu singen.

BÖHM Dir sagen, was das ist, das du gemacht hast. Ist das meine Befugnis? Oder sogar mein Auftrag? Zu deuten, was du verfasst hast. Tue ich das jetzt gerade, wenn ich dich über deine Notizen ins Gespräch verwickle. Du lässt es zu. Aber auch nicht. Wir bewegen uns weg von der Notiz, die mir fraglich schien. Ich fragte mich ja, ob wir auf die Welt kommen und die Fähigkeit besitzen, zum Leben zu erwecken. Oder ob wir dies lernen im Lebensverlauf. Schmerzhaft erlernen, wo wir es nicht vermögen, obwohl wir es wollen. Wenn ein anderer Mensch uns nicht so ansieht, wie wir uns das wünschten. Wenn seine Augen uns anleuchten – während sein Mund von jemand anderem spricht. Rettet uns dann die Totbeschreibung vor einem anderen noch viel schlimmeren Tod? Verbergen wir unsere Enttäuschung über ein erkaltendes Feuer mit dem Versuch seiner Erhebung ins Literarische?

Nachtrag

PREMPER Was es dir bedeutet, meine ich. Nicht, was es all den anderen Menschen bedeuten soll. Denn das ist ja genau das tyrannische Gesülze, das mit Ketchup bespritzt werden muss. Und ein Text hat ja verschiedene Lesarten und damit auch Bedeutungsebenen. Knapp geantwortet aber: Wir können immer lernen, eine Fähigkeit auszubilden. Was es dazu braucht: den Willen und die Freiheit dazu, Geduld und Stille. Schreiben aus Enttäuschung? Manchmal. Schreiben aber immer, um die Situation, egal, welcher Art sie ist, zu beschreiben, mich ihrer mit Hilfe der Sprache bewusst zu werden. Schreiben niemals, um »Literatur« zu erzeugen. Ich hasse die sogenannte Literatur und die sogenannte Literatur hasst mich. Solche Begriffe schränken mich ein. Und was nicht alles als Literatur bezeichnet wird, das keine Sprache besitzt.

BÖHM Ich mochte die Vorstellung immer sehr, dass Literatur einfach Text ist, weil Text eine so schöne Wortbedeutung hat. Der Text als das Gewebe und wer schreibt, der webt Fäden ineinander, legt sie zusammen, arrangiert, komponiert. Ich habe immer geglaubt, dass die Grenzen hier fließend sind, auch zwischen den sogenannten Kunstformen. Lediglich unsere Ausdrucksart variiert, nicht aber das, was wir tun. Und ich frage mich, was dasjenige ist, sein könnte, das nur in der Notiz zur Ruhe kommt – oder, etwas spitzfindig, was nur in der Notiz zu seiner ersehnten Unruhe kommt, also in Wallung gerät, außer sich geht, spricht. Zu mir zum Beispiel, so wie es deine Notiz in diesem Fall getan hat. Ich mag, wie du das sagst, dass du dir der Situation mithilfe der Sprache bewusst werden kannst, wenn es gelingt – und selbst, wenn es mal scheitert, muss das ja noch kein Unvermögen der Sprache bedeuten. Es könnte auch ein Kennzeichen der Situation sein, sich der Beschreibung an manchen Stellen zu entziehen. Und manches, das wir erleben und erfühlen, wollen wir auch gar nicht der Sprache anvertrauen. Da wehrt sich etwas in uns, manchmal. Und das ist der Weg ins Schweigen. In dieses wohlige Schweigen, das ein Endpunkt ist, das keine Rede mehr will.

Drei Sätze noch

PREMPER Die Notiz versprachlicht Welt, erweckt Welt auch zum Leben, labert aber nicht tot. Literaturlaberheinis sind tyrannische Zusülzer, die mit ihren Ketten rasseln und Dinge in hässliche Plastikformen pressen, die noch viel hässlicher sind als die Plastikformen. Was ich zum Lernen und zum Schreiben brauche: den Willen dazu, Freiheit, Geduld und Stille.

BÖHM Wir schreiben manchmal aus Hilflosigkeit, einfach nur, um mit der Welt klarzukommen. Die Gefahr besteht aber, dass wir sie gerade dadurch aus den Augen verlieren. Dass wir meinen, in der Beschreibung etwas bannen zu können, das wir eigentlich hätten erleben müssen, um es zu kennen.

Immer folgen wir demselben Schema. Und irgendwann wird mir unsere Struktur dann zum Default all meiner Alltagsbetrachtungen. Ich sehe, reagiere, ergänze und schließe ab. Vor allem limitiere ich mich, auch im Zwischenmenschlichen. Lieber ein Satz zu wenig als einer zu viel. Lieber mal schweigen und warten als nur zu labern. Was sich für mich außerhalb unserer Notizenkammer als Reduktion bemerkbar macht – die Konzentration auf das Wenige – äußert sich im Gespräch mit Premper als zunehmendes Kreisen im Denken und Sprechen. Dort ufert aus, was ich abseits begradige.

Mit versunkenem Kopf saß die Trinkerin auf einer Parkbank am Sophie-Charlotte-Platz, mit einem Atlantis-Kopf: versunken, unauffindbar und irgendwann vergessen.

Jede echte Befreiung ist immer auch eine Variante des Vergessens. Eine Loslösung von Gewusstem, eine Entlassung von Sicherheiten. Ein Hinausdrängen, neuer Boden.

Kommentar

PREMPER Ich schaue gerade nach, wann ich das geschrieben habe, irgendwann Anfang Mitte des Jahres 2013. Da hab ich parallel an einem Roman gearbeitet, die Berlinale war vorbei und ich stand vor einer Reise nach Athen, um mit zwei griechischen Filmemachern ein Drehbuch zu schreiben. Das war dann eine unvergessliche Reise. Ich glaube, die beiden haben mich verwechselt mit jemand anderem, der mir ähnlich sah, der aber Regisseur war und kein Autor. Naja, ich bin dann eine Woche durch Athen gelatscht, habe mir den Wind auf der Akropolis um die Ohren wehen lassen und das entstandene Drehbuch, das den beiden nicht gefiel, habe ich dann in Teilen ausgeschlachtet für meinen Roman. Die Trinkerin aus der Notiz, ich nehme an, das war einfach einer dieser Berlin-Momente in einer Zeit ohne Licht, in der ich alles und jeden auf meine Verfassung bezogen habe. Zu deiner Notiz: Ist die Befreiung nicht eher eine Überwindung, ein Bezwingen? Und dann ein Auflösen. Denn wenn ich es nur vergesse, ist es immer noch da und packt mich in einem ungünstigen Moment. Oder kann man auch von einem endgültigen Vergessen sprechen? »Ein Hinausdrängen« ist eine gute Beschreibung, ich dränge mich durch die Widerstände, die mich zurückhalten wollen, hinaus ins Freie und Offene.

 

BÖHM Zeit ohne Licht. Wie eine Kristallschale auf einem Fenstersims ohne Fenster. Kein Glanz, kein Schimmern. Alles roh, alles bei sich. Niemand, der einen errettet von der Einsamkeit. Solche Wochen habe auch ich in Berlin verbracht. Und ich habe heute das Gefühl, dass in dieser Stadt dafür Platz war. Dass ich ihr dieses Gefühl habe zumuten können. Auflösung und Vergessen. Ja, das sind zwei Paar Schuhe. Ich habe neulich am Abend lange darüber nachgedacht, ob es möglich ist, sich zum Vergessen zu entschließen. Ein Freund war bei mir. Wir wussten es nicht. Wir schlugen ein altes Bilderbuch auf über den Turmbau zu Babel und wir sahen den steinernen Hügel aus Stufen. Immer weiter hinauf, Richtung Himmel, nach oben. Ist dieser Aufstieg eine Überwindung? Und wenn ja: von was? (Denn ich glaube, dies ist ein gutes Bild für den Versuch, zu vergessen. Steine schichten, Stufen bauen, sich vor sich selbst verständlich machen. Und so entwerfe ich eine neue Lesart meines Lebens, im Vorübergehen. Erzähle mir andere Geschichten über dieselben Dinge. Ich löse eine Lesart durch eine andere ab. Kann es als Überwindung begreifen – oder als Eingeständnis eines Scheiterns. Und wieder: woran? Vor allem legt sich dabei die Leere meiner Lesart frei. Ich sehe nicht die vielen Lesenden, die vielen Erzählenden. Sehe nur meine Seiten und bleibe darum blind.)

Nachtrag

PREMPER Und das, was wir Berlin zugemutet haben, uns und unsere Gefühle, das hat die Stadt aufgenommen, hat uns sein lassen, und dann hat sie sich uns aber auch zugemutet, und das konnte zumindest ich irgendwann nur noch schwer ertragen. Dass da zum Teil gar nichts mehr funktioniert, kein Bus mehr fährt, wieder eine durchtrennte Leitung, eine Bombendrohung, ein Überfall, ein Unfall, ein Anschlag, das blöde Lachen eines Grünenpolitikers im Kinosaal (natürlich auch noch an der falschen Stelle des Films), das Geknatter, das Getöse, das Gezeter, das Gebrüll, das Geschrei, der Affentanz bei Regen, der Affentanz bei Sonnenschein. Immer, wenn ich mich bislang entschlossen habe zum Vergessen, ist es in so ganz blöden Momenten wieder zu mir zurückgekommen, zum Beispiel, wenn ich im zwölften Stock auf dem Balkon stand und eine geraucht habe. Oder kurz bevor der Zug einfuhr. Babel ist eine Selbstüberschätzung, an deren Ende der Preis zu zahlen ist. So wie ich selbst manchmal leichtfertig bin und in solchen Momenten immer schon weiß: Dafür wirst du bezahlen müssen, mehr oder weniger viel. Das sind so Überbleibsel, dass ein Mensch keine ausgelassene Freude empfinden kann, die nicht an Gott gerichtet ist, sondern auf sein eigenes Empfinden. Dass ein Mensch nicht frei sein kann. Sondern unter der Tyrannei Gottes leben muss. Soviel Mut muss schon sein: dass ich auf mich allein gestellt bin und alles erreichen kann, was ich will. Impossible is nothing. Adidas. I can. Nike. Bis der Turm zusammenstürzt und der Mensch als kleiner Wicht wieder vor eine Kirche kriecht, deren Tore geschlossen sind und zu einem Gott spricht, der stumm bleibt. Dann ist der Mensch schlecht gescheitert und muss lernen, besser zu scheitern. Denn dass wir scheitern, immer wieder, jeden Tag, ist beschlossene Sache (durch die Endlichkeit der Existenz, die wir nicht aufheben können). Ich bin ein schlechter Scheiterer, aber ich lerne dazu. What matters most is how well you walk through the fire. Bukowski.

 

BÖHM Ich glaube nicht, dass unser Scheitern feststeht. Nein, das war nicht richtig. Ich glaube es schon. Ich glaube nur, dass es auf ganz andere Weise feststeht. Auf eine, die nichts mit der Endlichkeit unserer Existenz zu tun hat. Scheitern zu können ist ein Segen. Dinge an die Wand fahren, umkehren, es vollkommen anders machen. Vergessen werden dürfen. Scheitern, das ist wie das Abbrennen eines Hauses, das einem viel Leid zugefügt hat. Und ich selbst bin derjenige, der es anzündet, ich ergreife die Initiative. Und lasse zu, dass es danach nicht mehr zu retten sein wird. Dass ich vor einem Haufen Asche stehen werde. Insofern hast du ja ganz recht. Endlichkeit gibt uns die Gelegenheit dazu, zu scheitern, weil wir sonst das Haus immer wieder bauen könnten, mit unbegrenzter Zeit. Aber es wäre ja doch nicht mehr dasselbe Gebäude. Es wäre eben eines, das schon einmal Bestand gehabt hätte. So wie in dem Film Remainder der Protagonist seine blassen Erinnerungen in immer krasserem Ausmaß nachbaut, um zu erfahren, wer er vor seinem Gedächtnisverlust einmal gewesen ist. Und am Ende landen wir am Anfang des Films. Und so eindrucksvoll die Ähnlichkeiten der Bilder und Töne dann auch sind, so sehr spürte ich auch, dass es eben nicht mehr derselbe Anfang ist. Ich habe etwas gelernt dabei. Etwas über die Unwiederholbarkeit des Moments, seine Unaufhaltsamkeit. Das würde ich der Endlichkeit gegenüberstellen. Die Unwiederholbarkeit als Grundbedingung des Scheiterns und damit auch als Grundpfeiler der Freiheit.

Ich denke hier auch an eine Sonate von Schubert, seine letzte, bei der die Reihe der ersten Töne – ich will sie ganz bewusst nicht »Thema« nennen, nicht schon in eine Schublade gesteckt haben – bei der also die Reihe der ersten Töne innerhalb kürzester Zeit zweimal wiederholt wird, in nahezu identischer Gestalt. Diese Stelle, wenn die Töne das zweite Mal wiederkehren, finde ich jedes Mal so ergreifend. Eben weil ich das Gefühl habe, dass da jemand ganz genau weiß, das Vergangene nicht wiederherstellen, nicht wiederholen zu können, und das hörbar sein lässt, indem er uns ganz dreist dieselben Töne vorsetzt, die wir aber dann ganz anders hörenDie erste Tonreihe erklingt vom Anfang bis 00:30, die erste Wiederholung von 00:42 bis 1:13 und die zweite Wiederholung schließlich, infolge eines Crescendo als erster dynamischer Veränderung des Satzes, von 02:02 bis 02:32.. Das trifft mich jedes Mal. Säße ich beim Hören auf einer Parkbank: Ich hätte auch so einen versunkenen Kopf. Wäre in mich hineingefallen. Und fortan ohne Angst vor dem Vergessen.

Drei Sätze noch

PREMPER Bau ein Haus, steck es an und koch dir auf dem Feuer ein Süppchen! Ich sage Ja zu deiner Idee, einen einzelnen Moment der Ewigkeit gegenüberzustellen, und du ergreifst mich mit der Vorstellung der Unwiederholbarkeit, gerade, wenn ich an die Liebe denke. Ich habe den Wind auf der Akropolis gespürt, habe Berlin und die Zeit ohne Licht überlebt und dränge selbstvergessen hinaus ins Offene.

 

BÖHM Berlin ist durch deine Zeilen für mich wieder erwacht aus einem langen Schlummer. Ich sehe die breiten Straßen wieder vor mir, das Grau des Winters dort, die die Friedrichstraße im Dezember heimsuchenden Böen, die einmal ein kleines Kind, das dort mit seinen Eltern unterwegs war, vor meinen Augen umgeweht hat. Was ich am meisten vermisse: den Mangel, der Berlin immer für mich geblieben ist, diesen Mangel, der jedes Vermissen begründet, der uns bedroht, an dem wir zerbrechen können – den vermisse ich.


Es ist kalt. Saukalt. Ich rase die Abfahrt hinunter, der Regen peitscht mir ins Gesicht. Ich bemühe mich, das Rennrad sicher durch die asphaltierten Kurven hinab in die nächste Ortschaft zu navigieren. Dabei beuge ich meinen Oberkörper, die Arme stark und immer stärker angewinkelt, über den Lenker. Es prasselt und zischt und pfeift an mein Ohr. Wenn das Leben nur dies sein könnte – denke ich mir und muss schmunzeln.

Wenn das Leben nur dies sein könnte: ein Glitzern, das ans Herz dringt und es ausfüllt.

Der Leidenschaft einen Weg zurück ins Leben ebnen – oder besser nicht ebnen, sondern mit Geröll verschütten. Sie soll sich ja zeigen dürfen.

Schreiben in Italien (© Tobias Premper)

Kommentar

PREMPER Ich glaube, das hat zu meinem Buch Mississippi Orangeneis Blues von 2016 angefangen, also diese Art von Satz. Ich mag mich täuschen. Aber zumindest erscheint mir der titelgebende Text des Buches als der Urtext. Wieder, ich mag mich täuschen. Wie sehr, weiß ich nicht. Hier der TextWenn das Leben nur dies sein könnte: eine Fahrt mit dir und dem Kleinen auf dem Mississippi, wir füttern uns gegenseitig mit Orangeneis und irgendwer spielt den Blues., falls du ihn nicht präsent hast. Und im nächsten Buch Ich war klein, dann wuchs ich und war größer von 2018 gab's dann eine weitere FassungWenn das Leben nur dies sein könnte: Wir sitzen an der Aller, trinken abgestandenes Mineralwasser und der Kleine heult, weil er sich das Knie aufgeschlagen hat. dieses Textes. Die Leute sind bis auf ganz wenige so blind; ich weiß gar nicht, was da passiert, wenn Menschen Bücher lesen; für mich ist das so offensichtlich, dass diese beiden Texte zusammengehören; das hat einer gemerkt, ein einzelner. Nicht mal im Verlag hat das jemand gemerkt. Das eine ist die Fantasie, das andere die brutale Realität. Und so schreibe ich mich immer wieder mit der Konstruktion »Wenn das Leben nur dies sein könnte« durch hoffnungslose Zustände, kratze an Dingen, die längst Geschichte sind, die unerreichbar sind oder die vom Gericht der Götter zu meinen Ungunsten entschieden worden sind.

 

BÖHM Deine Wendung wirkt wie ein Wunsch. Sie besänftigt die Brutalität, die folgen mag. Lässt sie bejahbar werden. Nimmt ihr den Schrecken der Furcht. Ist das tragisch? Vergeblich? Denn ein Projekt ist es nicht.

Nachtrag

PREMPER Nein, kein Projekt, das ich mir vornehme, das ich zum Gelingen führe möchte. Sondern etwas, das sich nicht realisieren lässt, nicht mehr, etwas, aus dem die Hoffnung gefahren ist, etwas, das einmal schön gewesen ist und sich gleich vor meinem Auge auflöst, warte, ich schreibe es noch schnell auf. Gerade denke ich, eine weitere Möglichkeit, so etwas auszudrücken, ist die Darstellung von Superhelden, die ihre Abenteuer erleben. Nur, dass sie in Hollywood immer nur die falschen Abenteuer erleben. Die patriotischen. Die unpoetischen. Naja, vielleicht führt das zu nichts.

 

BÖHM Die Superhelden in Hollywood erleben vor allem immer die gleichen Abenteuer. Was soll daran noch abenteuerlich sein, wenn ich immer schon weiß, was geschieht, nein, besser: wenn ich immer schon weiß, wie es geschieht, welche Figurenkonstellationen es gibt, wonach sie suchen etc. Ich würde gern einmal einen Superheldenfilm sehen, wo jemand umherirrt, verzweifelt versucht, den Weg zu finden – und am Ende keinen für sich wählen kann, unvollendet bleibt, und auch irgendwo unversöhnt mit seiner Vergangenheit, keine wohlfeile Deutung herangereicht bekommt, die alles in rosa Licht erstrahlen lässt. So ähnlich wie das ja in Birdman von Iñaritu der Fall ist. Den zum Beispiel fand ich klasse.

Drei Sätze noch

PREMPER Das erloschene Glitzern des Zitats zu Beginn dieses Abschnitts und dann dein letzter Hinweis auf den Film Birdman, an dessen Anfang der Superheld scheinbar in der Luft schwebend über seine Situation meditiert»How did we end up here / This place is horrible / Smells like balls / We don't belong in this shithole.« Ich schreibe mich voller Hoffnung durch hoffnungslose Zustände. Wenn das Leben nur dies sein könnte: einmal Batman (oder Christian Bale) in Gotham City sein und dann den Fight ablehnen, sich verweigern.

 

BÖHM Etwas, aus dem alle Hoffnung gefahren ist, wie du sagst. Das lässt mich daran denken – und ich ahne, die Dreisatzbeschränkung ausnahmsweise torpedieren zu müssen, die wir uns gegeben haben –, wie ich auf einer Kalifornienreise auf den Spuren von Thomas Mann gewandert bin, sein Haus in Pacific Palisades, das die Bundesrepublik mittlerweile gekauft hat, suchte. Ich einem SZ-Artikel die genaue Adresse im San Remo Drive entnommen. Nur war dort kein Haus. Also frug ich mich durch, klingelte an Haustüren, die teilweise vergoldet waren, so reich schien die Gegend zu sein. Niemand konnte helfen. Einen Thomas Mann hat dort niemand vermisst. Aber schließlich fand ich das Haus doch, hinter einer fünf Meter hohen Hecke. Da blitzte es durch, so wie ich es von den Bildern kannte. Und, kein Witz, ich pflückte dort, mitten in der Hecke, eine blaue Blume. Die legte ich dann in meine Ausgabe vom Doktor Faustus, die ich zu der Zeit las. Und darin gibt es diesen Abschnitt zur Hoffnung»Es wäre die Hoffnung jenseits der Hoffnungslosigkeit, die Transzendenz der Verzweiflung, – nicht der Verrat an ihr, sondern das Wunder, das über den Glauben geht.«, an den ich dachte beim erneuten Lesen deiner Zeilen.

Insgesamt sechzehn Vignetten entstehen, entlang von sechzehn Notizen aus Prempers Buch. Von November 2020 bis April 2021 schicken wir uns die wachsenden Miniaturen Abschnitt für Abschnitt hin und her. Warten auf Antwort. Antworten. Lassen gedeihen. Vertiefen. Manchmal dauert es nur wenige Tage. Dann wieder wochenlang. Premper und ich decken mit jeder neuen Notiz, die wir aneinander richten, eine weitere Facette unseres gemeinsamen Nachdenkens auf. Je länger das Gespräch andauert, desto sorgloser die Ansprache, desto loser das Ziel, das Dürrenmatt'sche Motto stets im Ohr: »Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.«

Aufregendes neben Langweiligem, anziehend Schönes neben abstoßend Hässlichem, Gefundenes neben Erarbeitetem und Raues neben Geschliffenem. Und all das in einem einzigen Buch, das nicht das Einzelne isoliert, aber die Fülle des Ganzen beinhaltet.

Auf diese Weise ist jedes Buch so zu verteidigen, dass kein Angriff mehr lohnt. Ist dieser Zug darum unzulässig? Ist es überhaupt ein Zug, wie einer in einem Spiel? Wie eine Taktik, eine Strategie. Erwächst all das aus Verzweiflung, aus einer solchen wie bei Grand in der Pest von Camus, wo er immer nur am ersten Satz schreibt, und immerzu fortschreibt, bis am Ende eine Buchlänge an Varianten nur des einen Satzes steht. Versöhnung ist nur dann in Sicht, wenn ich daran glauben mag, das Einzelne in seinen mannigfachen Erscheinungen könne das Ganz in sich tragen. Schöner Schein?

Kommentar

PREMPER Besser ein paar gute Zeilen, ein paar gute Gedanken als ein ganzes Buch oder ein ganzes Werk aus nichtssagendem Mist wie bei – ach egal. Aber um auf deine Notiz und meine zu kommen – so, wie's im Leben eben zugeht. Es gibt Zeiten voller Liebe und der Purzelbäume, Zeiten der Verzweiflung und ohne einen einzigen Lichtstrahl, Zeiten am Schreibtisch, wo ich mir den Hintern wundsitze, Zeiten des Gehens oder Reisens mit Wind und Salzwasser auf der Haut. Und mittendrin stehe ich dann, bin hineingeworfen worden ins Leben ohne eine Idee, wieso weshalb warum und vor allem auch, warum's zu Ende gehen muss. Aber zurück zu deiner Notiz. Das ist weder Trotz noch Verzweiflung. Das ist, als würde ich jemandem den Stift wegnehmen, der darüber etwas Jämmerliches schreiben will. Das kann auch eine Befreiung für so jemanden sein. Wenn er den Ruf denn hört. Neulich hab ich so einen Schwachsinn von so einem sogenannten Philosophen gelesen über mein Buch, das war so hingehuscht und so lieblos und so wenig mitgedacht mit den Notizen. Das war wie ein Auftragswerk, wo irgendein Depp gesagt hat, schreib da schnell mal was Blödes drüber. Kann aber auch sein, dass der damit einfach nichts anfangen konnte. Da stecke ich ja nicht drin. Ich würde es nur gerne wissen, wie derartige Schlampigkeiten entstehen. Hässlich war der Typ auch noch, so eine richtig hässliche, abgelaufene Leberwurst. Aber zurück zu deiner Notiz. So wie in meinem ersten Band mit Notizen ein bestimmter Abschnitt meines Lebens steckt, so ist das hier jetzt in dem anschließenden Band auch der Fall. Das Ganze aus einer Lebensphase. Mit allen Lücken und Unzulänglichkeiten, aber auch mit einigen Momenten, die ich mit Hilfe der Sprache bewahren konnte. Bei Grand in der Pest, ist das nicht eine ganz schlichte Schreibblockade? Ich hab übrigens gerade wieder eine regelrechte Leseblockade, nichts interessiert mich, ich fange ein Buch an und schon finde ich es langweilig. Davon ausgenommen aber die üblichen verdächtigen Lebensretter Nabokov, Handke, Jaccottet und eine Handvoll anderer.

BÖHM Handke. Ja. Ein Retter auch für mich. Ein Widersacher der projekthaften Literatur, die Thesen erzählen will, nicht aber von den Miniaturen des Lebens. Was der Philosoph getan, das tun so viele. Sie eignen sich zu schnell die Dinge an, vielleicht aus Angst vor der Gewalt ihrer Eigenständigkeit, vor ihrem Eigenleben. Das zerstört. Der Dialog will Fremdheit. Irritation. Den Stein im Schuh, die Fliege im Auge. Das lässt mich dann Fuß wie Auge erst richtig spüren. Es erinnert uns daran, dass das, was wir sehen, sich verflüchtigt. Es festzuhalten müßig. Wir besitzen es nie. So sehe ich deine Notizen. Darum drängt‘s mich in meinen Erwiderungen selber ins Notizenhafte. Ich kann nichts darüber verfassen, was geschlossen wäre. Meine Antwort verlangt Offenheit – für deine Gegenrede. Dafür auch, dass deine Notizen, zu anderer Zeit gelesen, erneut gelesen, mich ganz anders packen werden. Ich werde an einem andern Punkt im Leben stehen, im schneebedeckten Winterwald, von Eis umgeben. Und so frage ich mich weiter, ob es nicht Geschehnisse gibt, die gar nicht anders als in Notizen sich ausdrücken lassen. Die verzerrt und verwischt würden, wären sie nicht als Notiz erzählt. Sie ist kein Zwischenschritt, nicht unterwegs nach irgendwo. Sie ist das Mahnmal für den Bruch.

Nachtrag

PREMPER Ich glaub, ich wollte einfach sagen, dass das Leben eben so spielt: Es beginnt irgendwann einfach und endet auch so. Dazwischen gibt es dann ein paar unzusammenhängende Gedanken und Momente, die in mehr oder wenige vortrefflich formulierte Worte und Sätze gepresst und hingeschludert werden. Ach, das ist schon wieder zu deprimierend. Denk es dir einfach happy. Aber du hast schon recht, die Gedanken sind ja oft auch nur notizenhaft und in ihrer Folge scheinbar unzusammenhängend. Ich denke etwas, dann klingelt das Telefon, irgendwo ruft jemand und so geht das alles durcheinander. So ist das direkte, unmittelbare Leben. Das linear Konzipierte, das Nacherzählte, diese modernen Western-Romantik-Romane, von alten Männern für alte Männer oder Frauen, die sich wie alte Männer fühlen, das alles ist mir oft fremd. Zumindest, wenn es länger als eine halbe Seite lang ist.

 

BÖHM Das Einzelne kann nicht für sich stehen, es gehört immer zum Ganzen dazu. So wie jede geschrieben Zeile Teil eines Vielfachen ungeschriebener Zeilen ist. Jedes Buch auch für die sieben Bücher steht, die während seiner Entstehung nicht wirklich geworden sind. Die Notiz kann diese verlorenen Zeilen einholen wie einen Anker. Da hängt ja alles dran. Sodass sie mit uns dorthin gehen, wo auch immer wir bleiben. Der ungeschriebene Satz – du weißt, an wen ich hierbei denke – protestiert gegen seine unrechtmäßige Bearbeitung, seine Verfälschung im Dienste eines stimmigen Ganzen. Aber nur, weil er nicht geschrieben ist, heißt das nicht, dass wir ihn ignorieren könnten. Darum will ich in jedem Buch fortan die ungeschriebenen Sätze, die fehlenden Worte, mitbedenken. Dazwischen schauen, zwischen die Zeilen lugen. Dort wird der Text interessant. Da, wo er hinkt, bricht, sich krümmt. Da, wo das Gleichgewicht verlorengeht, der Redefluss abbricht. Die Notiz ist es eben, die gar nie erst vorgibt, stimmig zu sein. Sie erlebt ihre Brüchigkeit nicht als Mangel. Sie überrascht sich beim Entstehen.

Drei Sätze noch

PREMPER Eine Reihe an Momenten, in Sprache gefasst, eine Welt erschaffen, meine subjektive Welt, eine fortlaufende Chronik. Manches muss man in Notizen und kurz sagen. Sonst fehlen die Energie und der Zwischenraum (der Zwischenraum ist das entscheidende Stichwort; mal sehen, ob wir es noch mal aufnehmen). Ich lese gerade einen Tausendseiter, leider ist es keiner von Dostojewski.

 

BÖHM Philosophie schützt nicht vor Oberflächlichkeit. Momente lassen sich als Sprache bewahren. Und da draußen, vor meinem Fenster, sitzt gerade ein kleiner Vogel – es schneit.

Was sich allmählich zwischen Premper und mir formt, als stummes Einverständnis, als Maxime des Schreibens, erinnert mich an die typischen Körperbewegungen eines suchenden Menschen: sich nach allen Seiten hin umblicken, innehalten und angestrengt nachdenken, den Mund leicht geöffnet ohne es zu merken. Nur, dass der andere von alledem nichts mitbekommt, weil er anderswo weilt. Die Suche ist eine gemeinsame. Und doch bestreite ich sie stets allein.

Ich glaube an nichts, für das ich getötet werden wollte.

Keine Trauer. Ausdrucksloses Bedauern. Und doch muss ich einmal verstummen. Ins Schweigen zurückkehren. Die Frage ist nur: Wird es eine Heimkehr sein?

Kommentar

PREMPER Wenn ich's streichen könnte, gerade mit Blick auf den folgenden Eintrag, würde ich's tun. Wenn ich's mir jetzt hier in meiner Küche sitzend besehe, draußen der Novembernebel, ist der folgende Gedanke (»Wehre dich nicht«) sicher der interessantere. Beide Notate sind auch wie zwei ganz verschiedene Menschen, die das aufschreiben. Zwei verschiedene Geschichten, eigentlich hier vielmehr ein »er« als ein »ich«. Bei der folgenden Notiz dann mehr ein »ich« als ein »er« oder warum nicht auch eine »sie«? Das Schweigen kann eine Heimat sein, ja. Das Sich-Verweigern auch.

 

BÖHM Ist es angenehmer, anstelle eines ganzen Romans nur eine Notiz nicht mehr streichen zu können? Und weiter: Ein Roman könnte ja als ganzer misslingen und der Streichung bedürfen. Wie verhält es sich mit einem Notizbuch? Eine solche Generalverurteilung scheint dort ja fehl am Platz zu sein. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Seiten verlaufen – ja, wo eigentlich? Aber das ist vielleicht gar keine Frage, deren Antwort ich wissen will. Anders ausgedrückt: Vermutlich würde ich jeder Antwort, wie auch immer sie aussähe, keinen Glauben schenken. Das Mysterium kann ein Schutzwall sein.

Nachtrag

PREMPER Mit der Veröffentlichung ist das Buch, der Roman, um jetzt bei dir zu bleiben, ja nicht mehr in meinen Händen bzw. schon lange aus meinen Gedanken, aus der täglichen Arbeit und Auseinandersetzung verschwunden. Aber vielleicht nehme ich mich eines Themas noch mal an und versuche, eine Geschichte aus einer anderen Perspektive, mit einem anderen Zoom, anderen Schnitten, neuen Schauspielern zu erzählen. Und eine einzelne Notiz zu streichen, well well well, mein kleiner ultrabrutaler Freund, das dauert nicht lange; es bleibt ja immer ein großer Teil aus den Notizbüchern verborgen, entweder, weil er missglückt ist in der Formulierung, missglückt im Gedanken, zu weit links, zu weit rechts, zu banal, zu kitschig oder einfach nur vom Gefühl her scheiße. Die Verbindung zwischen den einzelnen Notizen ist der Autor, das Schlüsselloch, durch das jede einzelne Beobachtung, durch das jedes einzelne Wort durch muss.

 

BÖHM Jedes einzelne Wort muss also durch dich durchgehen können. Das leuchtet mir ein. Und es ist eine schöne Vorstellung, dass so eben alles, was sich gleicht und überhaupt nicht gleicht, die kurzen und die langen Beobachtungen, die Feststellungen wie auch die Fragen – dass all das sich durch dich zu einem Ganzen aufschwingt. Wie lange aber wird das möglich sein? Vermutlich nicht für immer. Wir kennen das ja alle, dass wir Abschied nehmen müssen von manch alter Zeile, die nicht mehr durch uns hindurchgehen will, obwohl wir sie damals doch mit so heiligem Ernst und ehrlicher Rührung notiert hatten. Manch eine Bemerkung mag uns noch vertraut erscheinen, andere aber widern uns an. Mir geht es selbst zumindest so. In einem alten Notizbuch zu blättern, lässt vergangene Zeiten für mich auferstehen. Doch viele dieser Zeiten sehne ich nicht länger herbei. Es bedrückt mich, zu realisieren, dass ich anders gewesen bin, als ich immer geglaubt hatte. Ich habe mich in mir getäuscht. Es gibt auch die Momente der euphorischen Übereinkunft. Wenn ich beeindruckt bin von einer gedanklichen Klarheit einer uralten Notiz, die mir sogleich zur Stütze für die Gegenwart wird.

Drei Sätze noch

PREMPER Die Arbeit an einem Manuskript ist kein Zuckerschlecken. Deshalb kann ich auch Jahre später noch von dem Allermeisten sagen: Ja, es gilt heute immer noch, auch wenn ich ein anderer geworden bin; nur, wenn's sprachlich vergurkt und unpräzise ist, ist das manchmal ärgerlich. Aber dann gibt es ja immer noch die Möglichkeit, in so einen Moment noch mal reinzugehen und nachzuspüren.

 

BÖHM Streichen wir eine frühere Notiz, weil wir nicht länger zu ihr stehen wollen oder können, so ist dies wie eine Absolution, die wir uns selbst gegenüber aussprechen. Wenn wir aber nicht eins mit uns wären, heute und damals – was kümmerte es uns, was wir einmal gesagt haben, weshalb sollten wir der Absolution harren? Ich bleibe.

Wo wir begannen zu sprechen, war alles Einlassen ein Wagnis. Wir kannten einander kaum. Wir kannten kein Ziel. Unser Reden umkreiste diese unsichtbare Bekanntschaft, die entsteht, wenn einer glaubt, im Satz eines anderen Menschen das Eigene des Lebens erspürt zu haben. Unser Kennenlernen können wir nicht einholen, den Anfang unseres Gesprächs. Es war ein Anruf, ein Plausch. Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als ich seine Stimme das erste Mal hörte. Sie war tief und angeraut, ohne jede Schärfe. Weich und warm und dunkel.

Wehre dich nicht dagegen, an dem, was du tust, kaputtzugehen (oder finde einen Weg, daran zu wachsen).

Wie eine Anleitung für schwierige Momente, für aussichtslos-festgefahrene Konstellationen. Ich denke an Beziehungen. An die eine Beziehung. An die Unfähigkeit zu gehen und die schiere Unaushaltbarkeit des Bleibens. Der Satz ist wie ein Trost. Und fordert doch die Selbstaufgabe. Ebenso besteht die Möglichkeit, dass wir uns damit nur etwas vormachen. Weil im Wachsen die wirksamste Beständigkeitsverheißung eines Lebens liegt. Von dieser Fokussierung sich lossagen. Sie wird nicht ans Ziel führen. Vielleicht geht es ja eben darum: nicht ans Ziel zu kommen, zu schrumpfen statt zu wachsen. Zu scheitern. Und das Scheitern auszustellen wie eine Ikone.

Tobias Premper als andalusischer Sonnenhund (© Markus Herwig)

Kommentar

PREMPER Es sind zwei Möglichkeiten der Existenz. Das eine ist »better to burn out than to fade away«, die Kerze an beiden Enden anzünden, auch: nur konzentriert sein auf das eigene Tun. Also z. B. nur aufs Schreiben fixiert sein, rücksichtslos allem anderen gegenüber sein, allem, auch sich selbst. Ob das nun besser oder schlechter ist als die Alternative, kann ich gar nicht sagen. Es sind eben Möglichkeiten. Und darum geht es manchmal auch, diese Möglichkeiten auszuloten, sie sich ins Bewusstsein zu rufen.

 

BÖHM An beiden Enden. So kommt einem auch der eigene Anfang, die Basis, immer näher. Und schlussendlich verbrennt man und wird zu Asche. Werden. To die and become – das hat mir ein Freund einmal gesagt, als er mir die Fotographie einer schneebedeckten skandinavischen Waldeslichtung zeigte. Die Möglichkeiten der Existenz auszuloten, lässt einem ja die Wahl. Wir können uns scheinbar entscheiden für die eine oder andere Daseinsweise. Haben wir aber wirklich eine Wahl? Das alles könnte nur ein Trugbild sein, das in der Rückschau entsteht. Also: Die Wahl zu haben, das könnte trügerisch sein. Etwas, das wir uns vorspielen lassen – wenn wir denn wollen. 

Nachtrag

PREMPER Die schneebedeckte Lichtung ist ein wunderbares Bild. Ja, du hast recht, warum immer an etwas wachsen? Aushalten, nicht den Kopf gegen die Wand schlagen, zur Axt greifen, in den Gegenverkehr reinfahren, am Leben bleiben, still daliegen wie Neuschnee und atmen. Und dann einige erste, zarte Spuren hinterlassen.

BÖHM Wie Neuschnee, ja. Spuren, ja. Oder sogar selber zur Spur werden. Und einmal, eines fernen Tages, wenn der Schnee schon fast geschmolzen sein wird, sieht ein anderer Mensch plötzlich die Spur und versteht. Er folgt der Spur in einen dunklen Wald hinein, drückt sich durchs stachelig-kratzige Dickicht, nur um nicht abzulassen von der Fährte, die er aufgenommen hat, nur, um gegen alle Widerstände zu Ende zu bringen, was er begonnen hat. Und er wird über Hügel steigen, sich an Äste klammern, um sich daran emporzuziehen. An einem leise vor sich hinplätschernden Bachlauf rasten. Waldbeeren pflücken. Einen Fuchs rascheln hören. Sich verschlucken. Von einem Wildschwein beobachtet werden, ohne es zu bemerken. Und schließlich wird er der Spur zurückgefolgt sein bis ans Ende. Zurückgefolgt, weil er wieder auf der schneebedeckten Lichtung steht – und nicht versteht.

Drei Sätze noch

PREMPER Das alles erinnert mich an einen kleinen Jungen, der Holzwürfel vom Sofa auf den Teppich warf, und nachdem er den letzten Holzwürfel geworfen hatte, sich selbst hinterherstürzte (When there's nothing left to burn, you have to set youself on fire). Eben noch waren wir ganz zärtlich in unseren Worten, und jetzt bin ich so ultrabrutal. Ich habe eine schreckliche Vorstellung gerade: Uns hört ein Kind zu, vielleicht in einem Schrank versteckt, hinter einer Tür oder unterm Sofa, und es fürchtet sich vor dem, was wir sagen und damit auch vor uns, und es fängt an zu zittern, und daraus wird ein Wimmern und ein Weinen, und wir können es nicht mehr beruhigen.

 

BÖHM Und wir beide schauen uns an, ebenso besorgt wie ratlos, den Kopf zwischen den Schultern verbergend. Wir beißen uns auf die Unterlippe und fragen uns, weshalb wir eigentlich nicht mit dem Kind gemeinsam weinen. Fragen uns, was es wohl weiß, das wir noch nicht wissen. Und haben plötzlich fürchterliche Angst davor, es zu erfahren.

Manchmal versuche ich einfach, mir die ganze Geschichte von Premper erzählen zu lassen. Einfach hinhören, was er sagt. Und dann nicht nachdenken, sondern aufgreifen, was daliegt, und es ebenso rasch wie deutlich weitersagen, wie bei Flüsterpost auf Zeit.

Schreib ein Gedicht, und dann versuch genau das, was im Gedicht steht, mit deinen Händen zu tun, und wenn dir das nicht möglich ist, zerknüll das Papier und schmeiß es weg.

Philosophieren als eine Weise der Weltvermeidung. Solange ich denke, muss ich nicht zur Tat schreiten. Erst, nachdem ich lange genug nachgedacht haben werde, wage ich den Eintritt in die Welt der Tat. Was ist das für eine Haltung? Wie wird sie überwunden?

Kommentar 

PREMPER Mir fallen dazu zwei Dinge ein. Erstens: Als ich in meinen Zwanzigern war, habe ich gerne Gedichte von Pablo Neruda gelesen. Was heißt gerne. Ich habe in seinen Gedichten etwas gefunden, das ich damals für Liebe hielt. Du sprachst eben davon, dass Texte eine Art Trost sein können. Meinen letzten großen Trost fand ich in einem Gedicht von Derek Walcott. Mehr noch, Walcott hat mir einmal das Leben gerettet. Klingt pathetisch, ist aber so. Saß da, hatte nichts und niemanden und plötzlich rief dieses Gedicht nach mir. »Es rief mich an« klingt komisch, aber darum geht es ja, um Anrufung, die aus keinem bestimmten Grund erfolgt. Zurück zu Neruda, den Händen und dem zerknüllten Papier. Als ich las, dass Neruda geradezu vor der Frau geflüchtet ist, die er liebte, und der er all die Liebesgedichte und Liebesbriefe geschrieben hatte, hab ich nie wieder ein Buch von ihm angerührt. Als scheute er sich vor Berührung. Als benutzte er die Frau nur als Projektionsfläche für eingebildete Gefühle. Da wurde mir Neruda so lächerlich. Andererseits denke ich jetzt, dass Liebesgedichte und Liebesbriefe immer ein Stück weit lächerlich sind, ja sein müssen. Warum ist das so? Und zweitens: Ach, ich mache jetzt genau das, was ich gar nicht machen will: über Texte sprechen, die ich geschrieben habe. Dabei steht doch alles drin in dem Satz. Und jeder kann sich das selber zusammenreimen. So wie du das in deiner Antwort-Notiz oder deiner Parallel-Notiz getan hast. Lass uns doch an dieser Stelle jetzt über irgendwas anderes sprechen. Nur kurz. Sich kurz zerstreuen, um sich dann wieder konzentrieren zu können. Worüber reden wir?

 

BÖHM Lass uns über Busfahrten sprechen. Da zerstreue ich mich gern. Letzten November saß ich zum Beispiel allein, nur mit dem Fahrer, in einem Bus nach Altensteig. Ich war davor noch nie in der Gegend gewesen. Und umso glücklicher, mit dem Bus dorthin zu reisen. Ich konnte einfach besser sehen, in welche Landschaften hinein ich mich begab. Und wir schwiegen zuerst und redeten dann über Eishockey. Schwiegen wieder. Ein kleines Notizbuch blieb während der gesamten Fahrt in meiner Tasche verstaut. Nur ein kleines Büchlein von Byung-Chul Han nahm ich hin und wieder zur Hand.

Nachtrag

PREMPER Mit Han kann ich auch ganz gut denken. Und er ist dabei nicht so ein Schlaumeier wie manch einer dieser Mainstream-Philosophen. Was er über die glatten Oberflächen gesagt hat, gefällt mir. Dass vieles ohne Kratzer, Narben oder Übergänge geschaffen wird, Stichworte Jeff Koons, Oberflächen von Smartphones, Beschaffenheit der Haut. Er spricht dann von einer Kultur der Gefälligkeit. Und gerade gestern hab ich wieder den Fehler gemacht, das zu lesen, was jemand anderes, den ich nicht kenne, über Aber nur dieses eine Mal gesagt hat. Und da hab ich gedacht, dass das Wahnsinn ist, wie oberflächlich das war. Da wird eine Meinung über mein Autorenfoto abgegeben, ohne diese zu begründen. Also warum passen angeblich Autor und Geschriebenes nicht zusammen? Dann eine Meinung über den Titel des Buches, wieder ohne Begründung. Einfach so dahingesagt. Der Titel des Buches ist nichts, ist doof, gefällt mir nicht, ist missglückt. So was. Wie kommen diese Menschen dazu? Zu Anfang des Buches steht ein Zitat von Halldór Laxness, von dem ich den Titel abgeleitet habe (»Hingegen halte ich nicht hinter dem Berge damit, dass mir einmal etwas passiert ist. Ich sah etwas. Aber nur dieses eine Mal.«). Aus dem Roman Am Gletscher. Fantastisches Buch. Fantastisches Zitat. Fantastisch auch im Zusammenhang mit Notizen. Sich der Welt und der Sprache aussetzen. Etwas erleben. Etwas formulieren. Etwas, das man vielleicht nur einmal sehen kann in einem bestimmten Moment. Vielleicht auch etwas, das einem nur in diesem Moment klar wird. Und dann vergisst man es wieder. Mein Gott, da steckt so viel drin, wenn man es schafft, einmal ganz kurz unter die Oberfläche zu tauchen. Aber zu sagen, der Titel sei doof, das ist einfach nur eine Frechheit. Pauschalurteile abzugeben, wo es um Literatur oder Kunst geht. Das kotzt mich so an, wenn ich das höre oder lese. Als Gegenbeispiel habe ich Anfang des Jahres mit einem Journalisten aus Hannover über mein Buch gesprochen. Am Telefon. Der hat so viel gefunden in dem Buch. Also erst mal für sich beim Lesen. Und da hat er immer ganz vorsichtig gefragt, ob seine Lesart zulässig sei und das hat mich fast zu Tränen gerührt, weil ich gemerkt habe, wie er selber ins Denken und Fühlen gekommen ist. Und darum geht es ja.

Deine Busfahrt erinnert mich auch an eine Fahrt, von der ich dir berichten möchte. Ich habe einen Freund und seine Familie am Zürichsee besucht. Die Frau meines Kumpels hat uns einen Google-Maps-Link geschickt. Das Ziel sollte eine Stelle sein, an der wir Steinpilze finden. Wir sind mit der S-Bahn los, umsteigen in die Regionalbahn und schließlich in den Bus. Wir sind dann in den Voralpen an einer Haltestelle mitten im Nirgendwo ausgestiegen. Der Fahrer fragte noch, ob wir ein Ziel hätten und gab uns einen Tipp, wann der nächste Bus wieder ins Tal fahren würde. Ein Stück weiter fanden wir dann ein kleines Waldstück an einem Bach. Und die Steinpilze. Einen ganzen Eimer voll. Zurück haben wir eine andere Route genommen und sind über den See geschippert. Mit einer Tasche voller Steinpilze (und wahrscheinlich einem blöden Grinsen). Abends haben wir uns die dann mit Zwiebeln in die Pfanne gehauen. Herrlich. Oder um wieder so richtig schön blöd zum Anfang zu kommen: ein Gedicht.

 

BÖHM Bei Tarkovsky, in seiner Versiegelten Zeit, bin ich einmal vor ein paar Jahren auf einen Gedanken von Tolstoi über den Unterschied zwischen Politik und Kunst gestoßen. Das Künstlerische und das Politische wären demnach miteinander unvereinbar, weil das Politische eindeutig sein müsse, um etwas zu erreichen. Das habe ich immer geliebt und es hat mir so eingeleuchtet. Mit dieser Trennlinie im Hinterkopf las ich auch deine Zeilen über die Rezensenten deines Buchs. Der eine knallt, ich kann es mir vorstellen, einen Hauptsatz nach dem andern raus, Behauptung reiht sich an Feststellung. Der andere, vorsichtig, fast tastend, tänzelt entlang einer ganz schmalen Trennlinie, einem Steg zwischen zwei reißenden Flüssen. Er tänzelt, weil er nicht wissen kann, wo genau der Steg verläuft, denn es nebelt. Er weiß um die Vagheit der Deutung, ja um die Vagheit alles Künstlerischen. Im Idealfall trifft uns diese mit voller Wucht, diese Erkenntnis, dass es vage ist und immer schon war. Dass wir dazwischen sind, nicht wissen, woher, und auch nicht, wohin. Das ist das Wundervolle an der Notiz, noch dazu einer Sammlung von solchen. Die Übergänge sind offengelegt, weil sie nicht ausgestaltet sind. Sie bleiben roh, lassen sich nicht vereinnahmen. Es wird brüchig, wir müssen lernen, damit umzugehen. Das einzusehen, dass es den festen Halt nicht geben kann – und auch nicht geben soll. Wir lebten am Leben vorbei, fühlten uns manchmal wohl, manchmal eher unwohl – aber wo bliebe das Gefühl, das hinabreißende und das wider alle Hoffnungslosigkeit aufrichtende? Also ja! Weg mit diesem Papier, das mit dem Gedicht, das sich nur in Abstrakta ergeht, das nichts vom wirklichen Leben weiß! Weg auch mit meinen Zeilen?

Drei Sätze noch

PREMPER Neruda muss gehen, du darfst mit Derek Walcott und Peter Handke bleiben, und zusammen zerkratzen wir alles Glatte. Ich glaube fest daran, dass mein Buch weder großartig noch schlecht ist, sondern in erster Linie mein Buch, eines, das ich nur genauso schreiben konnte. Ich sehne mich nach einem Bad – oder wie die Schweizer sagen »Schwimm« – mit meinem Freund im Zürichsee im Frühling nächsten Jahres, wenn der ganze Virusspuk hoffentlich vorbei ist.

 

BÖHM Mit einfachen Worten schreiben, sodass der Papierkorb nicht überquillt. Gespräche im Bus führen. Zürich sehen.

Einmal sprach Gott zu ihm, er möge sich von einem Schwarm Bienen totstechen lassen. Und weil Gottes Wort nun einmal über allem steht, stieß er einen Bienenstock um, rieb sich mit reifer Banane ein und ließ die wildgewordenen Bienen gewähren, wie es das Gesetz verlangte.

Manchmal bin ich mir sicher, dass es sich um Beobachtungen handelt. Szenarien, deren Zeuge du gewesen bist. Andere Stellen lassen diese Sicherheit bröckeln. Lassen mich vermuten, jetzt hebe eine Erzählung an, gar ein Roman. Lassen mich denken, ich sei längst mittendrin und hätte erst jetzt bemerkt.

Kommentar

PREMPER Das ist schon wieder so eine Stelle, an der zwei ähnliche Texte untereinanderstehen, zusammen stehen. Ich habe eigentlich versucht, so etwas zu vermeiden, denn sonst bekommt das Buch so einen Touch of Aphorismensammlung und das finde ich entsetzlich. Nicht Aphorismen im Allgemeinen, aber wenn es so Themenzusammenstellungen gibt; ich möchte gar nicht drüber sprechen, wie und warum es an manchen Stellen doch noch »Dopplungen« oder Themenballungen gibt. Und zur Notiz oder Beobachtung: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob das schon ein konkreter Gedanke war, der auf mich oder jemand anderen bezogen oder ob es reine Fantasie war. Auf der gleichen Seite im Buch steht noch diese Stelle: »Eine kopflose Ratte lag auf den Gleisen, und ich suchte verzweifelt nach Marcel Proust, der bestimmt auf ihrem Kopf kaute und sich dabei einen runterzuholen versuchte, aber vergeblich« (64). Die ist noch viel schöner. Und auch ein guter erster Satz zum Beispiel für einen Roman. Ich wünsche mir, dass es ein Projekt an Schulen gibt, bei dem aus jeder Notiz meines Buches eine Kurzgeschichte gemacht wird. Kannst du das anleiern? Oder eine Leser:in dieses Gesprächs? Ach bitte. Ich spreche auch mit meinem Verleger Gerhard Steidl, ob er Rabatt gibt.

 

BÖHM Wunderbare Idee. Und warum nicht? Das heißt, unter der Bedingung, dass ich die Stelle mit Prousts verhindertem Orgasmus für mich reserviere. Die Dopplungen könnten auch Zufälle sein. Nur du weißt ja, dass sie es hier und da nicht sind. – Und auch deine Gewissheit kann weichen, von Zeit zu Zeit. Ist das so? Dass du manchmal darin liest, als wären es fremde Zeilen, deren Hintergründe du nicht kennst? Vielleicht wirst du ja aber auch eingeholt von deinem eigenen Schaffen. Womöglich lässt es dich nicht Leser sein. Bedrängt dich beim Versuch und raubt dir alle Ruhe. – Hast du dein Messer parat?

Nachtrag

PREMPER Es gibt ein Foto von meinem Schreibtisch in New York. Da war ich mal ein paar Monate und hatte eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit zwei Jazzmusikern. Ich hab dann in der Küche geschrieben. Küchenschrank aufgemacht, auf dem Schlagzeugstuhl Platz genommen, Laptop aufgeschlagen. Daneben: Kartoffeln, Soyasoße, Whiskeyflasche und ein großes WMF Spitzenklasse Plus Kochmesser mit 15 Zentimeter langer Klinge. Vielleicht können wir das abbilden hier. Mochte ich immer gerne das Foto. Eine Schrotflinte wäre natürlich noch viel besser gewesen. Und heute auch sinnvoller und effektiver. Also wenn ich in einer Art Wildnis leben würde. In einer deutschen Provinzstadt, denke ich, ist eine Schrotflinte vielleicht übertrieben, aber wenn ich in New York oder Montana oder Sachsen-Anhalt leben würde, hätte ich auf jeden Fall eine Schrotflinte und ein paar andere fiese Waffen in der Nähe. Bei Lesungen hab ich manchmal ein Messer in der Tasche. Oder zwei Steine. Eine Flasche auf dem Tisch. Falls einer im Publikum die Nerven verliert und mit Karacho auf mich drauf will. Beim Schreiben von Mississippi Orangeneis Blues hatte ich auch ein Messer auf dem Tisch. Aber aus anderen Gründen. Ach, wie komme ich nur auf so schreckliche Gedanken, die mit Waffen zu tun haben? Hast du auch was auf dem Tisch oder in der Tasche, wenn du schreibst oder losgehst?

BÖHM Ich schreibe immer in dieselben Notizbücher, schwarz in A5. Die lege ich in einen roten Ledereinband. Dazu einen Füller und schwarze Tinte von Herbin aus Paris. Bis vor einigen Jahren habe ich immer Stifte und Bücher variiert. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis nach Konstanz. Ich wollte versuchen, mich nur noch auf die Form des Textes zu konzentrieren und alles Nebensächliche zu vereinfachen. Sozusagen ganz wörtlich: eine Variante wählen und es bei dieser belassen. Also machte ich mich auf, den perfekten Stift, das perfekte Notizbuch zu finden. Als erstes hatte ich die Tinte gefunden. Vor fünf Jahren in der Münchner Schellingstraße bei Carta Pura war sie mir vor die Augen gefallen. Den Laden dort besuche ich bis heute gern und regelmäßig, oft einfach nur, um die verschiedenen Papiere zu berühren, die dort lagern. Als ich einmal einen Gedichtband gemacht habe und den Gedichten eine schöne Hülle geben wollte, habe ich bei Carta Pura einen Einband aus uraltem Karton gefunden, der ebenso uralte Papierbögen umschloss. Man hat mir dann erzählt, das Rohmaterial, das in München dann zu Bögen und Einbänden verarbeitet wurde, sei im Keller eines kurz vor der Schließung stehenden Schreibwarenladens in Norditalien aufgetaucht. Wo die Bögen seit über siebzig Jahren offenbar niemand beachtet hatte.

Lass mich an den Anfang zurückkehren, zu deiner Frage. Denn ich habe ja jetzt erzählt, womit ich schreibe. Aber in gewisser Weise habe ich schon den Eindruck, dass es auch gleich zu deinen Messern und Steinen passt. Der Zweck war ein verwandter. Oft nahm ich Stift und Buch mit (was ich heute bei kleinen Stadtausflügen eher seltener tue, mehr beim Reisen) in dem Glauben, es sei gut, etwas, das mir zustieße, gleich notieren zu können. Das passt mir heute nicht mehr so gut. Das fühlt sich so an, als wollte ich dem, was da geschieht, entkommen. Als hätte ich keinen Mut, dem Erlebten mit etwas Lebendigem zu kommen. Als müsste ich einfach fixieren, was mich umtreibt, aufwühlt – obwohl mich das Notat ja nur wieder auf mich zurückwirft anstatt mich aus mir heraus zu bringen. Und so sehr ich meine Schreibsachen gern hab, so sehr misstraue ich doch dieser Zwanghaftigkeit, nur mit bestimmtem Utensil arbeiten zu können. Als schriebe allein der Stift.

Drei Sätze noch

PREMPER Zum Frühstück habe ich gerne Kaffee mit Entensahne, knusprigen Toast mit Erdmännchenmarmelade, Elefantenohren, gedünstetes Krokodil mit vertrocknetem Ahornsirup, einen Apfelkern, eine Bananenschale, zwei Flugsauriereier von beiden Seiten gebraten mit Tintenecken. Was schon bei George Perec nicht funktionierte, der es mit Lobhudelei im Radio probierte: die Firma Montblanc rückt nichts gratis raus, keine Freundlichkeiten und schon gar keine Füllfederhalter. Mit dem Messer schrieb ich ein Gedicht und mit dem Stift erstach ich den Feind.

BÖHM Beim Hinausgehen auf die Straße keinen Stift, schon gar keinen Montblanc-Füller (aus Solidarität zu dir) mitnehmen. Lieber mit Banane, mit vollreifer, schon fast zerfließender, einschmieren und die Blicke der Passanten erinnern, die Richtung Kinn fliehenden Unterlippen, die wippenden Nasenflügel, das Gesicht gewordene Verdattern. Und dann lass uns in der Schellingstraße treffen, in den Englischen Garten spazieren und nach Krokodilen im Schwabinger Bach tauchen.

Improvisierter Küchenschreibtisch in New York (© Tobias Premper)

Was ich in meinem Leben nicht mehr sein kann, was ich nicht mehr sein kann, solange die Welt existiert: ein Vogel, ein Fisch oder nur die eine Träne, die aus den Augen einer Frau fließt.

Alle Leben, die ich nicht leben kann, schreibe ich auf. Trotze ihrer Vergeblichkeit im Erzählen.

Kommentar

PREMPER Ich habe in den letzten Jahren drei Lebenswerke erfunden. Alles Schriftsteller, die als solche nicht in Erscheinung getreten sind, die ihr Werk in einem Koffer hinterlassen haben. Dazu habe ich dann jeweils ein Buch als Dokumentation herausgegeben. Manchmal ist klar, dass ich diese Personen und das Werk dazu erfunden habe, ein anderes Mal bleibt das offen bzw. sieht so aus, als habe die Person wirklich existiert. Die letzte hieß Kurt Wittmann und hat einen Koffer mit 73 leeren Notizbüchern hinterlassen, die aber allesamt zerschlissen und gebraucht waren. Die Welt war sozusagen in sie eingezogen und mit ihr viele verschiedene Möglichkeiten des Denkens und Erzählens. Mit diesen Personen und ihren Arbeiten kann ich jemand anderes sein, zumindest für die kurze Zeit, in der ich daran arbeite.

BÖHM Die Frage ist: Wann bist du du? Oder besser, wie ich meine, nein, meinen will: Warum muss das misslingen. Ich zu sein. Warum gelange ich nicht an den Punkt, an dem ich vollständig geworden bin, mich zurücklehne, um die Rückschau zu genießen. Die Konsequenz, wäre das wirklich nicht möglich, hieße ja, dass allerorten ständig Menschen sich selbst täuschen, indem sie glauben, sie seien nun ganz bei sich angekommen, hätten verstanden, wer sie sind, was sie bewegt, wohin sie gehören. Diese Sicherheit verlockt, aber ich habe vor, sie abzuwehren. Nur geht es dann von neuem los: Wer ist es denn nun, der das vorhat: ich? Kurt Wittmann? Beide? So tun zu können, als sei ich jemand anderes – das lehrt mich meine eigene Fremdheit. Dann aber darf ich mich verwandeln so oft ich will. Nein, es hängt gar nicht länger von mir ab. Die Verwandlung, die beständige, widerfährt mir. Sie ereilt mich.

Nachtrag

PREMPER Ich möchte so viele Existenzen und Werke wie möglich sein. Und in der Verschmelzung dieser Personen und Ihres Schaffens erscheine ich dann. Zurücklehnen gibt’s nicht, jeden Tag immer schön den Stein auf den Berg rollen und dann zusehen, wie er wieder runterrollt. Bei sich selber angekommen sein, ist ein Marketing-Witz. Zumindest, wenn man glaubt, dass man einmal bei sich ankommt und dann immer das innere Licht in sich brennen hat. Aber ich glaube, wenn ich zum Beispiel aufmerksam und behutsam in den Tag starte, mit Lesen und Schreiben, der Welt und mir selbst gegenüber, ist das eine gute Voraussetzung für einen gelungenen Tag. Für Glück vielleicht auch (die endlosen Joggingstunden nicht zu vergessen).

 

BÖHM Ja, absolut, bei uns selber kommen wir nicht an, und das ist auch alles andere als erstrebenswert. Das ist doch der Witz an der Sache: dass wir fälschlicherweise glauben, wir würden uns besser verstehen, wenn wir unseren Blick auf uns selber richteten. Derweil, das glaube ich zumindest, glaube es seit kurzem, verhält es sich grade umgekehrt. Im Fremden, in dem, was nicht »ich« ist, verstehe ich mich. Nicht, dass ich mich darin erkennen würde, meine Eigenschaften aufgereiht vor mir sähe, wie die einzelnen Schuhe in meinem Schuhregal. Ich muss mich sozusagen aus mir heraus bringen, in Kontakt mit demjenigen bringen, was mich dazu auffordert, mich zu zeigen, zu offenbaren. Wo ich als Persönlichkeit gefordert bin, Fahne zu bekennen. Wenn ich allein durch die Wüste laufe, bei niemandem in den Bus einsteigen kann, Zürich und Altensteig weit weg sind – dann erfahre ich mich besser als in den einsamen Stunden der Reflexion. Würde ich beim Gang durch die Wüste jedoch wieder nur darüber nachgrübeln, wer ich denn nun bin, das Laufen aufschieben bis zu dem Punkt, an dem diese drängende Frage zufriedenstellend beantwortet wäre – man stelle sich mal vor, ich würde immer nur vorläufig die Dinge betrachten. Vor den Wolkenkratzern einer fremden Stadt stehen, sie aber nicht wirklich ansehen, sich nicht darauf einlassen, sondern nur darüber nachdenken, es mal zu tun, stattdessen den Eindruck fotografisch zu sichern, abzusichern, um später, dann aber in Ruhe, in der richtigen Stimmung sozusagen, wirklich mal draufzuschauen. An dem Punkt hab ich schon verloren. Das Leben ist wieder einmal aufgeschoben.

Ich meine, auf diese Weise könnte ich ja die ganze Welt umrunden, schließlich zurückkommen mit Tausenden von Fotos in der Tasche, und dann nichts zu berichten wissen. Fragte mich eine:r, was ich erlebt hätte, ich müsste um Geduld bitten – schließlich wäre ich ja selber noch nicht zum Durchschauen der Fotos gekommen. Diese Vorstellung ist doch absurd. Wir hätten den Eindruck, dass ich auch ohne Fotos im Stande sein müsste, mein Erlebtes zu erzählen. Um auf mich selber zu stoßen, gleichsam zufällig, muss ich aufhören damit, mich selber begreifen zu wollen. Ich muss tätig werden, zu leben wagen – und wenn dann etwas geschehen ist, das ich angestoßen habe – vielleicht sogar oder gerade misslungen – blicke ich zurück und sehe in neuem Licht. Echte Achtsamkeit – nicht diese Pseudo-Ich-möchte-mich-besser-konzentrieren-alle-emotionalen-Störgeräusche-ausschalten-und-meine-Aufgaben-dadurch-effizienter-erledigen-können-Meditations-Verirrung – führt mich darum auch immer hinaus, zu den Dingen, weg von mir. Und wenn ich dann weg gewesen bin, von mir und meinem Gedankenkreisen abgelassen habe, wenn auch nur »dieses eine Mal«, dann begreife ich, wenn ich also schon wieder zu mir selber zurückgekehrt bin, genau dann begreife ich, wie schön das war, einmal ganz außer mir gewesen zu sein. In der Rückkehr zum allzu Gewohnten erscheint mir dieses vermeintlich Vertraute schlagartig als fremd. Und in diesem Modus der Fremdheit kann ich anfangen damit, mich zu verstehen. Es ist dann, so ahne ich, weniger eine Erkenntnis über mich selbst, sondern mehr ein Gefühl. Ich will nicht wissen, wer ich sein kann. Nicht einmal wissen, wer ich bin. Die Frage gar nicht stellen. Einfach ein Beispiel abgeben. Eine Spur werden.

Drei Sätze noch

PREMPER Ich möchte alle Menschen auf einmal oder »alle Menschen zugleich sein«, wie Pessoa gesagt hat, und wenn das nicht möglich ist, schreibe ich all ihre Geschichten auf; diese Geschichten zusammen gesehen bin ich.

BÖHM Was ich in meinem Leben nicht länger sein will: Ein Vogel, der übers Fliegen nachdenkt. Stattdessen aufs Rennrad steigen, durch offene Landschaften düsen, die würzig-harzige Frühlingsluft einsaugen, die aus den Wäldern dampft. Wenn es allmählich dämmert – weiterfahren.

Als ich Tobias später einmal in einer Videoschalte sehe, spätabends, wird er eine Sonnenbrille tragen. Wir fabulieren über Albert Camus, schaukeln uns gegenseitig hoch in unserer Abscheu gegen den Baum, an dem das letzte Auto, in dem Camus je sitzen sollte, zerschellt war. Uns fällt gar nicht auf – und auch mir erst jetzt –, dass wir in der Lage sind, auch anders als in Notzen zueinander zu sprechen.

Glaube niemals einem Hinkenden.

Ich misstraue den Kennern. Sie können sich keine Ungewissheit leisten, ohne ihre Existenz zu gefährden.

Kommentar

PREMPER Ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht, was das heißen soll: »Glaube niemals einem Hinkenden.« Es kann alles bedeuten. Vielleicht kam damals gerade ein hinkender Mann vorbei und hat gelogen oder einen Unsinn erzählt. So wird’s gewesen sein. Die Verallgemeinerung ist natürlich Quatsch. Dazu fällt mir noch etwas anderes ein. Wieder zurück nach NYC. Da ist es mir ganz oft passiert, als ich nach dem Weg gefragt habe, dass mich das erste Menschendings immer in die falsche Richtung geschickt hat, und als ich dann ein zweites gefragt habe, es mir immer den richtigen Weg gezeigt hat. Also, da hab ich das Gefühl, dass eine Verallgemeinerung stimmte, weil es öfter vorgekommen ist als andersherum. Ist aber wahrscheinlich auch Quatsch. Ist mir klar.

Zu deinem Kenner. Mir fällt das manchmal beim Zeitungslesen auf, wenn ich mich mit irgendwas richtig gut auskenne und dann ist da ein Schreiber und der hat von hinten bis vorne keine Ahnung, worüber er da schreibt, tut aber so, als wäre er Topexperte. Das lässt mich dann erst an der Zeitung zweifeln und dann an der ganzen Welt. Und es ist, ausgehend von deiner Notiz, ja noch schlimmer geworden, es geht nicht nur um Kenner und Expertentum, sondern um universelle Richtigkeit des Gesagten, um die richtige Seite, um die richtige Art, etwas moralisch zu betrachten, um die einzig gültige Wahrheit – und immer auch um den Gegenpart, um die Menschen, die diesen richtigen, einzig gültigen Wahrheiten nicht folgen wollen: die Leugner, die Lügner, die Teufel, die auf der falschen Seite stehen, die sich fügen müssen usw. Freund und Todfeind. Bist du nicht auf meiner Seite, bist du mein Feind. Either you're with us or you're with the terrorists. Und dann noch die ganzen Trittbrettfahrer, die alles politisch Korrekte einfach nur nachlabern und auf den scheinbar moralisch korrekten Zug aufspringen, obwohl es ihnen eigentlich scheißegal ist, worum es geht, Hauptsache, sie sind in einer Gruppe, in der sie endlich Recht haben können. Wenn es um die Sache als solche geht, kann das natürlich superungerecht sein, was ich eben geschrieben habe, und mir geht es nicht darum, mich z. B. übers Gendern lustig zu machen (siehe oben »das Menschendings, es«), Veränderungsprozesse in Sprache und Gesellschaft sind vollkommen normal und inspirieren mich eher, als dass sie mich abstoßen. Mir geht es um das unreflektierte Nachplappern von Menschendingern, die aufgehört haben, sich eigene Gedanken zu machen. Das könnte natürlich gerade mit diesen anti-demokratischen Tendenzen und unterwanderten Demonstrationen im Land, wo sich rechte Arschlöcher den Deckmantel von Andersdenkenden überziehen, ein bisschen problematisch klingen, und wenn ich die Gefühle von jemandem verletzt habe, ach, fuck it. Lass uns nie wieder über Politik sprechen und auch hier bald zu einem Ende kommen. Ich habe gerade wieder angefangen, mit Martin Lechner an gemeinsamen Miniaturen zu arbeiten (Stand: 18. Dezember 2020) und merke dabei, dass mir das unendlich viel mehr Spaß macht als »über« Literatur zu sprechen. Aber wir haben noch ein bisschen Zeit, also, machen wir weiter!

BÖHM Als ich in Berlin gewohnt hab, hat mich mal an der Friedrichstraße, wo ich grad auf meinen Bus, die Linie 147, gewartet hab, jemand nach dem Weg gefragt. Ich hab dann geantwortet, jedoch in so überdeutlich bairischer Klangfarbe, dass ich von der völlig verdutzten Fragenden prompt zur Antwort bekam: »Na, Sie sind ja genauso wenig von hier!«, worauf sie, desillusioniert den Kopf wippend, Luft durch die Nase schnaubend, abzog, um sich anderweitig zu behelfen. Ich hinkte sozusagen der klanglichen Zugehörigkeit zu dieser Stadt so weit hinterher, dass ich das Vertrauen schon verspielt hatte, ehe meine Antwort überhaupt einer Prüfung hätte unterzogen werden können. Später im Bus, als ich dazukam, nochmal über den eigentlichen Inhalt meiner Wegbeschreibung nachzudenken, fiel mir dann zu allem Überfluss noch auf, dass ich sie tatsächlich in die falsche Richtung gelotst hätte.

Nachtrag

PREMPER Mich hat mal auf der Oranienstraße in Kreuzberg so ein Austauschstudent gefragt, wie er zur Oranienstraße komme. Ich hätte ihn dann am liebsten zum Flughafen gelotst. Aber ich hab einfach nur gesagt, er sei schon da, habe mich umgedreht und bin gegangen.

BÖHM Neulich haben mich zwei Leute nach einer Straße gefragt, von der ich wusste, dass sie in der Nähe liegt. Ich war aber nicht sicher, wo genau, nur grob eingrenzen konnte ich es. Und wegen einer Sprachbarriere zwischen uns dreien schien es mir am sinnvollsten zu sein, die beiden zu begleiten. Also gingen wir dann gemeinsam eine Runde spazieren, fünf Minuten oder so, nicht länger. Und haben uns dann auf Nimmerwiedersehen mit einem langsamen Kopfnicken, nur einem einzigen Nicken, verabschiedet.

Drei Sätze noch

PREMPER Glaube niemals einem Hinkendem und was die Zeitungen so schreiben. Am liebsten verlaufe ich mich in NYC. Und noch ein Werbesatz: Entweder du, ja, du, der Leser, kaufst und liest jetzt endlich mein Buch oder du gehörst zu den Terroristen.

BÖHM Einander nach dem Weg fragen ist das eine, das es zu kultivieren gilt. Viel wichtiger dagegen dies: sich zu verlaufen. Das geht natürlich nur, wenn ich zugeben kann, dass ich manche Wege noch nicht kenne, dass ich kein Kenner bin.

Übungsareal zum Verlaufen (© Lisa Böhm)

Spring in den Dreck, schlag rein und mach dich schmutzig, bis du alles verstehst über den Dreck, bis er eine zweite, dritte, vierte Haut geworden ist, bis du selbst Dreck geworden bist.

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal vom Wasser wollte, dass es mir zu einer zweiten Haut wird. Den Blick nach oben gerichtet, war ich im Pool. In Kalifornien. Alles grau. Es nieselte. Dann eine Idee. Dreistufenplan: Erst mich von der einen Poolseite abstoßen, auf dem Rücken treiben lassen, Ohren über Wasser. Dann die Ohren unter Wasser sinken lassen. Zuletzt die Augen schließen. Sich vom Wasser tragen lassen – das klingt so heimatlich-betulich. Wenn doch das Beruhigende nicht das Wasser an der Oberfläche ist, mit dem ich in Kontakt komme, sondern all das darunter sich Befindliche, das Wasser, welches seinesgleichen trägt und damit auch mich. Mich von unten her begräbt. Weil ich ja nach unten, weil ich Wasser werden will.

Kommentar

PREMPER Als würdest du wieder ein ungeborener Mensch sein. Im Bauch der Mutter schwimmen. Zurückkehren dorthin, wo du beschützt bist. Deshalb gehen auch so viele Menschen ins Wasser, um sich umzubringen, nein, um zurückzukehren in eine Welt, in der sie umfassend sicher, behütet und geliebt sind. Die Dreckspassage erinnert mich an das Ankommen in Italien bei Freunden auf dem Land in Umbrien. Da dauert es immer ein paar Tage, bis ich angekommen, bis ich schmutzig geworden bin, bis es mich nicht mehr stört, dass ich schmutzig bin. Es ist wie eine Vermählung mit dem Ort und der Landschaft. Wenn ich allerdings ins Buch und die Zeit damals schaue, habe ich die Notiz in einem anderen Zusammenhang geschrieben. Und ein:e Leser:in wird die Notiz wieder in einen anderen Zusammenhang, seinen oder ihren bringen.

BÖHM Den Dreck nicht zu wollen, heißt ja auch irgendwo, die Verwandlung zu scheuen. Vielleicht, weil mir nicht geheuer bei dem Gedanken an den Aufbruch ins Ungewisse ist. Ich scheue den Dreck, weil er mir meine Reinheit, meine Gegenstandslosigkeit, Risslosigkeit raubt. Ich gewinne Konturen, die sichtbar auch für die Anderen sind, wie bei einem originalen Ölgemälde, im Unterschied zu seinem Kunstdruck. Insofern triffst du mit dem Bild der Rückkehr in den Mutterleib den richtigen Ton. So wie wir uns das vielleicht gemeinhin vorstellen – denn wissen tun wir ja nicht, wie es darin ist –, ist es da friedlich und warm und ungefährlich. Obwohl wir gerade in dieser Lage ja maximal gefährdet sind, so viele höchst kritische Entwicklungsstadien durchschreiten, wo so vieles fürchterlich schief gehen kann. Wir sind völlig unfähig, auf uns allein gestellt zu überleben.

Das mit der Vermählung mit einem Ort kenne ich auch. So geht es mir, wenn ich nach Hause in mein Heimatdorf komme, an einem Ausläufer vom Bayerischen Wald in der Oberpfalz. Hinter unserem Haus ist nur noch Wiese und Wald. Die Zeit verbringe ich dann immer mit unserem Hund, bei ausladenden Spaziergängen am Schwarzenberg, so heißt dieser hügelige Bayerwaldausläufer, an dessen Fuß unser Dorf gebaut ist. Und ich dusche selten, weil es sich oft nicht rentiert. Ein Spaziergang schaut nämlich so aus, dass ich mich nach einiger Zeit selber wie ein Hund fühle, wir gemeinsam Wettrennen veranstalten, uns aufeinanderstürzen und ich mich plötzlich dabei erlebe, wie ich es bin – und es kommt mir in solchen Momenten so natürlich vor –, der die Zähne fletscht. Zum Glück ist unser Hund einigermaßen groß, sodass es nicht allzu unfair wird bei meinen 190 Zentimetern Körperhöhe. Zumal ich dann ja auch auf allen Vieren unterwegs bin. Ich bin nicht sicher, wie verrückt sich das anhört, wenn man es nicht selber macht, also wenn man nicht selber so ins Animalische kippt in manchen Momenten. Aber irgendwie glaube ich ja, dass wir das schon alle in uns tragen, diese tierische Verspieltheit, die sich nicht darum schert, ob da ein schlammiger Untergrund ist oder eine Wasserlache. Reinstes Vergnügen. Ob ich den Dreck dadurch aber besser verstehe, sozusagen mit hündischem Blick?

Und noch was: Ist nicht auch eine oberflächliche Kritik, eine Buchkritik oder Filmkritik oder was auch immer, so etwas wie eine Sonntagshose, die nicht dreckig werden darf? Die vor allem behütet ist, was irgendwie interessant sein könnte? Das, was ich nicht kenne – und dem begegnen wir ja gerade in der Kunst häufiger als anderswo –, soll mir vom Leib gehalten werden. Und manche Kritiken bewerkstelligen gerade dies, sind die Text gewordene Abwehrhaltung vor dem Unvertrauten, das die gemütlich eingerichtete Behaglichkeit der eigenen Überzeugungen erschüttern könnte.

Nachtrag

PREMPER Diese Abwehrhaltung, von der du sprichst, kann durch alles mögliche motiviert sein. Durch Angst, Feigheit, Dummheit, Ignoranz – alles ganz unterschiedliche Zustände. Als Kind bin ich mal auf einen Bolzplatz gegangen und hab gefragt, ob ich mitspielen darf. Da sagte der Anführer der Bande, ich könne mitspielen, wenn ich keine Angst hätte, mir meine schicke Hose schmutzig zu machen. Wenn ich an so eine inspirationslose Buchkritik denke, die jemand einfach so runterdudelt und so allerlei Unbegründetes und bloß Behauptetes vor sich hinfaselt, dann denke ich immer, dass der sich selber entlarvt. Der erzählt dann jedem, er hätte mitgespielt, dabei hat er einfach nur als Trottel auf der Bank gesessen und vor sich hin gelallt. Aber es gibt in der Kritik auch positive Beispiele. Diejenigen, die sich angesprochen fühlen, werden schon gemeint sein. Oder gerade nicht. Um es mit Johnny Rotten zu sagen: I don't give a fuck!

BÖHM So ein Fußballplatzerlebnis hatte ich auch. Die Jungs waren alle ein paar Jahre älter als ich; ich war wohl sieben oder acht. Mitspielen durfte ich schon, ich musste nur ins Tor gehen, was ich gern gemacht hab. Dann feuerten sie einen Schuss nach dem andern mit voller Wucht auf das von mir gehütete Tor ab, ich schmiss mich jedem Ball entgegen, hätte ich eine Sonntagshose getragen, sie wäre längst in Fetzen gerissen gewesen. In meiner Erinnerung ist es ein brutal heißer Tag gewesen; mir rann der Schweiß übers Gesicht. Ich hatte wirklich das Gefühl, dazuzugehören. Ohne es wirklich zu tun, denn ich stand ja nur im Tor. Und sie riefen mich »Milky Way«, aus irgendeinem Grund, den ich nicht kannte. Und lachten immerzu und schossen mit voller Gewalt. Aber was soll ich sagen: I didn’t give a fuck either! Bis heute nicht. Sähen wir uns morgen wieder, bei uns im Dorf, auf dem Fußballplatz neben der Pferdekoppel – ich stünde im Tor. Mein Trotz wie eine Wand zwischen den Schützen und mir.

Drei Sätze noch

PREMPER Ich bin Autor. Dann verwandle ich mich in ein Tier. Schließlich werde ich zu Dreck.

BÖHM Ich springe. Schwimme nach Italien. Häute mich.

Zu allem, was er sonst hasste, hatte er heute Ich liebe dich gesagt: zur verbrauchten Luft und der U-Bahn, die nach Essen, Schweiß und diesem dicken, deutschen Muff riecht, zum Mann mit der Quetschkommode und zur Wespe, die versuchte, unter seine Jacke zu krabbeln. Er ging durch die Welt, als wäre es sein letzter Tag, als wäre es auch der letzte Tag aller Menschen.

Der Liebe nicht die Treue versagen, so lautete einmal mein Credo. Gelebt habe ich nur bedingt danach, denn allem voran habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das an Liebe zu erhalten, was ich gerade schon verspürte. Was ich einschloss in meine Träume und Phantasien war dagegen meine Sehnsucht nach Leidenschaft, nach Übertritt und Risiko. Verstümmelt bis hin zur Unkenntlichkeit: der Rausch von Sommernächten.

Kommentar

PREMPER Ach, die Liebe. Die Liebe ist wie ein Hund: Sie legt sich hin, wo sie will. Und dann erblüht wirklich die ganze Welt, so, wie sie mir manchmal einfach nur dumm, amateurhaft und scheußlich vorkommt. Wenn jeder in ihr falsch und bedeutungslos ist, wenn selbst die heruntersegelnden Blätter blöd geworden sind. Diese Stimmungen, mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen, wechseln sich ab wie die Jahreszeiten.

 

BÖHM Und die Jahreszeiten geben einem Halt, geben allem seinen Platz, flüstern dem Kind in uns zu, dass vorübergeht, was schmerzt, und wiederkehrt, was erfreut. Ich mache gerade die Erfahrung, dass ich mich bei jemandem fehl am Platz fühle mit meiner Liebe. Dass ich diese Liebe zwar verspüre, dieses warme Ziehen zwischen Bauch und Brust. Aber sie eigentlich nicht haben will. Sie fürchte. Ihr misstraue. Ich verheimliche sie, sogar vor mir. Darum behalte ich sie lieber für mich.

Nachtrag

PREMPER Kennst du »Lass uns nicht von Sex reden« von Blumfeld? Zuerst mit der Betonung auf »Sex« und dann am Ende auf »reden«.

BÖHM Habs nicht gekannt, vorhin das erste Mal angehört. Also gut, nicht davon reden. Nicht reden. Dass ich was zerrede, fällt mir immer erst hinterher auf. Immer zu spät und dann versuch ich’s dadurch zu retten, dass ich drüber rede. Als ob du einen randvoll gefüllten Eimer Wasser vorsichtig eine hügelige Landschaft entlangbalancierst, blöderweise ins Stolpern kommst, sodass ein wenig Wasser überschwappt. Und du es dann dadurch retten, wieder auffangen willst, dass du, wie beim Fangen einer Maus, den Eimer reflexartig umdrehst, um ihn über die herunterfallenden Wassertropfen zu stülpen, sie zwischen Boden und Eimer einklemmend. Dabei verschüttest du natürlich statt der paar Tropfen gleich den ganzen Eimer. Siehste, schon wieder. Vielleicht wollen die von Blumfeld ja vor diesem Zerreden warnen. Aber gut.

Drei Sätze noch

PREMPER Es gibt verschiedene Arten von Tagen, u. a. diese: »Ich hasse alles und jeden« oder »Ich könnte die ganze Welt umarmen«. Wie gelingt es mir, mit beiden gut umzugehen? Und wie ist der Soundtrack dazu?

BÖHM Meine Typologie von Tagen: Lieber nicht. Liebe nicht. Liebe.

Jean Paul hat Anfang des 19. Jahrhunderts ein Buch namens »Flegeljahre« geschrieben über einen, der ein Buch namens »Flegeljahre« schreibt. Ungefähr zur selben Zeit beginnen die Studenten Karl August Varnhagen und Wilhelm Neumann damit, einen Partnerroman zu verfassen, in dem auch Jean Paul als Autor auftreten wird. Sie wechseln sich ab. Jeder schreibt immer nur ein Kapitel und reicht es dann weiter zur Fortführung. Kollaboratives Schreiben.

Salat aufessen, Liebe machen!

Dann die Augen schließen und erst wieder aufmachen, wenn die Morgensonne auf der Haut brennt. Im Notfall auch blind die Zähne putzen, blind das Wasserglas befüllen.

Kommentar

PREMPER An dieser Stelle muss ich sagen, dass der Text von mir schon in verschiedenen Büchern aufgetaucht ist. Mal als Miniatur, mal als Notiz. Und wahrscheinlich werde ich ihn noch x-mal verwenden. Ist einfach ein guter Satz. Stammt aber nicht von mir, sondern von meiner Freundin. Was da ins Schreiben nicht alles einfließt. Und dann nehme ich mir das und schreibe meinen Namen drunter oder drüber. Diese Passage hier als Credit für alle, die nie ihren Credit bekommen haben oder bekommen werden. Ich danke euch für eure Inspiration.

BÖHM Du bist wie der Kurator einer Ausstellung. Die Begleittexte hast du geschrieben. Die Gemälde nur arrangiert. Als Schreibende stolpern wir über das Kunstvolle des Alltags, während andere daran vorüberziehen – und verhelfen diesem Kunstfertigen zur Sichtbarkeit. Nichts von alledem, worüber ich schreibe, habe ich gemacht, kreiert. Ich habe nur genommen, was ich vorfand, wie ich die einzelnen Blumen vom Feld pflücke, um sie als Strauß zu verschenken.

Nachtrag

PREMPER Wenn ich eine (oder die) Blume schön finde oder interessant, wenn sie mich überrascht, dann nehme ich sie. Aber was, würde ich sie ganz einfach stehenlassen am Feldrand? The Man Who Wrote Books in His Head von Patricia Highsmith. Oder an Kurt Wittmann denken, den von mir erfundenen Schriftsteller, und an seine 73 Notizbücher, in die er kein einziges Wort geschrieben hat, aber die er alle Monate und Jahre bei sich getragen hat, und in die die Welt eingezogen ist und ihre Spuren hinterlassen hat. Auch denke ich an einen Satz, der auf meinem ersten Buch bei Steidl auf dem Cover stand: »Heute schreibe ich nichts auf. Ich behalte alles für mich.« Und die Frage, ob man etwas nur aus sich selbst heraus entstehen lassen kann.

BÖHM Oder Mascha Kaléko: »Mein schönstes Gedicht? Ich schrieb es nicht. Aus tiefsten Tiefen stieg es. Ich schwieg es.« Da fühl ich mich wie in Wien um die Jahrhundertwende, wo eine Stimmung zutreffender sein konnte als ein treffender Begriff. Im Bild der Blumen: Wenn ich sie von der Wiese pflücke, hören sie eben auch einfach auf, Wiesenblumen zu sein. Sie kommen von dort, aber jetzt werden sie bald eng in eine Vase gedrängt stehen. Stell es dir vor: Unsere Hände strecken sich schon dem bunten Feld entgegen, wir spreizen die Finger. Aber wir halten inne und sehen eine andere Erzählung aufscheinen, eine andere Stimmung, beinahe tragisch. Ich denke an den Moment, als Gustav von Aschenbach im Tod in Venedig seine Hand nach Tadzio ausstreckt, ihn aber nicht berührt. Dieses Hängenbleiben in der Bewegung – was für eine Spannung. Und ich denke auch an eine Miniatur, die ich gerade schreibe, über einen Menschen, der in einem Haus an der Pazifikküste eine Vase mit Blumen entdeckt. Sie berührt sie nicht, obwohl es sie reizt. Sie möchte die Echtheit der Blumen bestimmen, ohne sie anzufassen. Und bald schon erscheinen ihr die Blumen überall, wachsen aus den Steinwänden, dem Holzboden und schließlich aus ihrer eigenen Handfläche heraus. Sie werden ihr wirklich, gerade weil sie der tastenden Überprüfung widersteht. Pointe: Manches zerstören wir, wenn wir es uns aneignen. Wie die Wiesenblumen.

Drei Sätze noch

PREMPER Strike one. Strike two. Strike three. You‘re out.

 

BÖHM Hinaus zum Feld. Anschauen. Erinnern.

Man denkt sich immer: Später wird es so weit sein. Später mache ich es. Später kommt jemand auf dich zu und spricht dich an, mit einem ehrlichen, freundlich-zahnlosen Lächeln. Deine Zeit ist jetzt. Du darfst beginnen. Nie ist es aber wirklich so gewesen. Und auch diesmal wird es dazu nicht kommen. Du musst aufhören, ein Wartender ohne Beschäftigung zu sein. Denn ein Wartender willst du ja bleiben. Das Wunder eilt nicht herbei, darauf wartest du vergebens. Aber während du wartest, wie wäre es mit ein wenig freiem Tun? Ein wenig Schreiberei, harmlose Geschichtlein, ein klein bisschen verwandelte Welt. Jeden Tag ein paar Zeilen, wie schön wäre das …

Morgens auf der Fahrt mit dem Zug zur Arbeit noch aufnahmefähig und frisch, fähig, nach links und rechts zu sehen, neugierig und frohen Mutes. Abends, auf der Rückfahrt von der Arbeit dann über den Tag nachdenken, ihm nachspüren, aber da war nichts.

Die sehr frühe Morgenstunde hat, ähnlich den späten Nachtstunden, ihren Reiz; einer, der mir bis heute nicht ganz bewusst gewesen war. Aber jetzt gerade, wenn ich zunehmend frischer im Kopf werde anstatt dumpfer, es aber noch dunkel ist, da merke ich, wie schön das sein kann: wach werden. Ein einzelnes Auto schleicht auf der Straße unter meinem Fenster vorbei. Irgendwo in der Ferne klackt ein Türschloss. Der Leerlauf eines einsamen Fahrrads surrt. Dann tickt nur noch mein Wecker auf dem Beistelltisch. Ich ziehe die Vorhänge auf.

Münchner Müdigkeit (© Linda-Schiwa Klinkhammer)

Kommentar

PREMPER Ich habe das Gefühl, darüber schon oft gesprochen und geschrieben zu haben. Und ich frage mich manchmal, wie oft ich es noch kann. Wie machen das eigentlich Musiker, die 200 Konzerte pro Jahr spielen, jedes Jahr? Allein nach dem fünften Auftritt muss das doch einfach nur noch abgespult sein, oder? Also wie auswendig aufgesagt und vorgespielt. Kann man das Gesagte oder Gesungene dann noch ernst meinen? Die gleiche Reihenfolge der Songs. Die gleichen Ansagen. Die gleichen Witze. Klar, es gibt auch Gegenbeispiele. Ich würde gerne mal 200 Lesungen in einem Jahr machen. Sie müssten allerdings gut bezahlt sein. Aber zu unseren Notizen: Wenn es mir gelingt, ruhig in den Tag zu starten, mit Lesen und Schreiben, wenn ich mich reinspüren kann, wenn ich mich nicht hetze, dann ist das wie ein Schutzschild gegen alles, was kommen mag, dann hab ich eine ganz andere Ruhe und Ausgeglichenheit. Dann bin ich mir meiner sicher und werde nicht von Gedanken Anderer terrorisiert, aus dem Radio etwa oder aus der Zeitung. Oder von mir aus auch Instagram.

BÖHM Habe mir die Wiederholung immer als Variation vorgestellt. Immer wieder dieselben Noten zu spielen, bedeutet ja nicht zwingend, immer wieder dasselbe zu hören. Routine in manchen Melodien, in der Begleitung, lässt den konzentrierten, den aufmerksamen Blick an eine andere Stelle der Partitur wandern. Die Frage, die ich mir stelle, wäre diese: Gibt es den Punkt, an dem ich ein Musikstück wirklich zu Ende gehört habe? Nicht einfach, weil ich gerade im Moment nichts mehr darin entdecke. Sondern, weil nichts mehr darin zu entdecken ist, ganz gleich, wie viel Zeit mir zur Verfügung stünde. Ich habe diese dumpfe Ahnung – vergleichbar dem Gefühl am Abend, dass man am nächsten Morgen, nach dem Aufwachen, Lust auf Kaffee haben wird –, wonach Samples und Remixe eine Lanze für die Unendlichkeit des musikalischen Entdeckens brechen. Dieselbe Melodie, anders begleitet, anders instrumentalisiert, an der ein oder anderen Stelle variiert – hört sich anders an. Und ich ändere mich ja auch im Lauf der Zeit. Ich kann Vertrautes neu entdecken. Kann mich auch nach Jahren noch neu verlaufen in einer altbekannten Stadt. Erst kürzlich hab ich hier in meinem Münchner Viertel, wo ich schon einige Jahre verbracht habe, eine neue Seitenstraße entdeckt. Wunderschöne Fassaden, mit Efeu überwuchert, alte Holzbänke vor den Haustüren, ein kleines Café an der Ecke. Ich war zuvor einfach nicht auf der Suche gewesen nach neuen Wegen, also beschritt ich weiter die altbekannten. Die Seitenstraße war ja immer schon da gewesen. Jetzt, wo ich weiß, dass es sie gibt, wo ich sie gesehen und durchschritten habe, hat München als meine Wahlheimat eine neue Nuance hinzugewonnen. Es ist immer noch München, keine neue Stadt. Aber ich habe etwas an ihr entdeckt, für das ich davor blind gewesen war. Wie mit einem Sample oder einem Remix – im besten Falle.

Nachtrag

PREMPER Noch mal etwas zurück, zum Thema Müdigkeit. Also das kann ja eine ganz schöne Müdigkeit sein abends auf dem Rückweg nach Hause von sonstwo her. Ein Zustand, in dem ich müde, aber trotzdem total aufmerksam und wach bin für Empfindungen. Nicht diese abgestumpfte Müdigkeit, in der ich selbst nach getaner Arbeit, die mich vielleicht frustriert hat, nur noch zum Wegwerfen bin. Ich glaub, das war so ein Moment, als ich die Notiz geschrieben habe. Wofür hatte ich den Tag genutzt? Was hatte ich gelernt, was gefunden, was entdeckt? Nichts. Ich hatte ihn vergeudet. Zu viele Arbeitstage wie dieser.

 

BÖHM Ich weiß genau, was du meinst. Trotzdem sperrt sich was in mir gegen diese Vorstellung. Dieser Druck, den Tag nutzen zu müssen. Als ob er uns gehörte, als ob die Zeit eine Ressource wäre, mit der wir etwas anfangen müssten. Das ist auch etwas, das uns auferlegt ist durch unsere Zeit, durch die Art, wie wir arbeiten, arbeiten sollen, arbeiten wollen. Produzieren, abliefern. Thank you, next. Was treibt uns so zur Eile, was macht den ungenutzten Tag gleich zu einem verlorenen Tag? Der Tag gehört ja nicht nur mir – wenn er mir überhaupt in irgendeinem Sinne gehört. Vielleicht kommt dir das jetzt wie eine Spitzfindigkeit vor, ich meine, du sprichst ja schon von etwas Wichtigem und Realem: der Möglichkeit, zu scheitern, fehlzugehen, oder – ganz ultimativ gesprochen – nicht gelebt zu haben. Viel zu oft viel zu faul gewesen zu sein, obwohl mich gar nichts Äußeres am Arbeiten gehindert hat. Aber was ist schon außen und was ist innen? Was weiß ich schon, was es war, das mich daran gehindert hat, den Tag erfüllter und wacher zu leben? In allzu produktiven Phasen verlerne ich immer das Hinhören. Ich bin zu laut, zu einnehmend, ziehe alles an mich. Die Untätigkeit fällt schwer, aber sie muss nicht immer quälend bleiben. Sie kann auch eine Geschichte erzählen. Eine andere eben. Und womöglich eine traurige.

Drei Sätze noch

PREMPER Angebot: Ich mache die 200 Lesungen in einem Jahr und erhalte dafür neben Reise- und Verpflegungskosten ein Honorar von 250.000 Euro plus Steuer. Wer Interesse hat, bitte melden. Danke!

BÖHM Vorschlag: Du fährst morgens mit dem Zug nach München, frisch und frohen Mutes. Dann treffen wir uns bei mir, trinken jeder drei Tassen Kaffee, schlendern durch die Stadt. Und machen auf einer Wiese eine Lesung.

Ein neuer Tag im Paradies. Draußen gewesen. Klavier gespielt. Versucht, einen Schubkarrenreifen aufzupumpen. Kartoffelsuppe. Spazieren auf dem Feld, nachgedacht.

Mal zeigt es die Rückseite, mal die Vorderseite, ein Ahornblatt im Fallen. (Ryokans Todes-Haiku, 1831)

Wenn wir alle verlorene Seelen sind, wie sähe das dann aus, wenn uns jemand finden würde? – So ist das nicht gemeint, glaube ich, das mit der Verlorenheit. Wir sind nicht im selben Sinne verloren, wie uns ein Geldbeutel oder ein Armreif oder eine Fotographie abhandenkommen kann. – Gerade darum fällt es mir ja auch so schwer, mir das vorzustellen: wie es wäre, wenn ich gefunden würde.

Kommentar

PREMPER Ich hatte dir mein Buch Mississippi Orangeneis Blues geschickt, in dem ich mich in der Geschichte »Schöne Seele, schöne Seele« auf dieses Todes-Haiku beziehe. Am liebsten würde ich zu dieser Szene, in der das Blatt fällt und man beide Seiten sehen kann, gar nichts sagen, weil ich es so offen wie möglich halten möchte, also überhaupt nichts anbieten möchte. Ich glaube, der Verweis auf das Zitat ist schon genug.

BÖHM Wie es in deinem Prolog zu Mississippi Orangeneis Blues eine Art träumerisches Finden gibt. Als Victor zu dem Taxifahrer ins Taxi steigt, zunächst als Fremder, und plötzlich diese Vertrautheit aufscheint zwischen den beiden: »Unter deiner Mütze habe ich dich nicht sofort erkannt«. Worauf Charlie, der Fahrer, entgegnet, er habe nicht versucht, sich zu verstecken. Diese Vertrautheit zwischen Charlie und Victor ist ein Fund. Umso größer der Schock, am Ende, keine drei Seiten später, mit einer verfluchenden Wendung entlassen zu werden. Das ist jetzt eher ein unvollständiger Eindruck. Ich habe ganz wild in den Seiten, zwischen den Zeilen, rumgekritzelt. Zeig ich dir mal. Mir fällt gerade aus heiterem Himmel noch eine Zeile aus dem Film Mulholland Drive ein: »It’ll be just like in the movies. We’ll pretend to be someone else.« Vorderseite und Rückseite zeigen sich auch hier in diesem Film, im übertragenen Sinne, im Fallen, im Verfall einer zuvor noch aufrechterhaltenen Täuschung über die eigene Identität der Protagonistin. Je klarer der Verfall, desto offensichtlicher die Zweiseitigkeit.

Nachtrag

PREMPER Ja, Mullholland Drive passt gut zu der Stimmung aus der Geschichte. Ist wahrscheinlich noch schockierender und brutaler. Das kann aber auch daran liegen, dass Lynch die Bilder schon umgesetzt hat in die Realität. In geschriebenen Geschichten sind das immer Bilder, die ich mir nur vorstelle, wohl auch eher Standbilder, eins nach dem anderen, und kein zusammenhängender Film, den ich wiederholt ansehen kann, sodass sich die Bilder so richtig einbrennen. Auch ist es bei Lynch und mir oft so, dass mir schwindelig wird, je tiefer ich reingehe in seine Filme. Keine Höhenangst, sondern Tiefenangst.

BÖHM Für ein fallendes Ahornblatt ist die Tiefe des Raums ja der Boden. Angst vor dem Fall ist Angst vor dem Aufprall. Bei Lynch, wenn es, wie gerade auch in Lost Highway, so richtig gruselig wird, albtraumhaft, krieg ich das klamme Gefühl, als würde da was in mir mitschwingen, auf das ich keinen Zugriff habe. Bei dem »Mystery Man«, wenn der mit seiner teufelsgleich listig-überlegenen Grimasse in der Nahaufnahme aufscheint, hat es mich immer besonders gepackt und geschüttelt. Vielleicht, so denke ich grad mit deinem Nachtrag, hatte ich Angst bekommen, weil ich spürte, dass etwas tief in mir, das ich nicht kennen will, ein Gefühl, eine Gewissheit, an die Oberfläche meines Bewusstseins gezogen wird. Tiefenangst wäre dann also weniger die Angst davor, dass ich falle, wie das Ahornblatt gen Boden trudelt. Ich hätte Angst vor dem, was aus der Tiefe steigt. Angst davor, dass ich es in der Wirklichkeit anerkennen müsste. Es nicht länger verdrängen könnte.

Drei Sätze noch

PREMPER Ich schäme mich ein bisschen wegen des Hinweises auf das Todes-Haiku, weil ich es nicht ausstehen kann, wenn ein Schriftsteller selber Fußnoten macht und damit zeigt, dass seine intellektuelle Nachbarschaft stimmt. Jetzt zähle ich auch dazu, vielleicht, weil ich mich selber gerade nicht ausstehen kann. Ich bin eben auch nur ein Monstrum.

BÖHM Ein gefallenes Ahornblatt vorsichtig vom Waldboden aufheben. Die Augen schließen und dann Vorder- und Rückseite mit den Fingerspitzen streicheln. Prüfen, ob sie sich glatt oder rau anfühlen.

Es gibt Tage, an denen ich zu müde bin, um mich auf die Suche zu begeben. Nach der angemessenen Erwiderung, nach dem richtigen Bild. Ich lese Prempers Kommentare, seine Nachträge, immer und immer wieder. Dann vergehen einige Tage ohne einen Gedanken an das Geschriebene. Ich vergesse alles: meine spontanen Assoziationen, die inhaltlichen Anknüpfungspunkte und auch die wohlbedacht-weiterführenden Gegenfragen. Geselle mich dann eines Tages, frühmorgens, noch im Schutze der Dämmerung, zu unserem wachsenden Textkörper und formuliere eine Antwort, die weder Überlegung ist noch Argument, sondern nur dies: Notiz.

Ein Geräusch sein im unendlichen Himmel.

Der Himmel über mir gibt mir ein Rätsel auf. Aber es geht nicht darum, es zu lösen. Die Lösung bringt kein tieferes Verstehen mit sich. Zu glauben, es gäbe eine Lösung, zeigt gerade das Unverständnis auf. Denn eine Lösung verlangt nach einem Problem, dessen Lösung es ist. Und die unendlichen Weiten des Weltalls sind kein Problem. Gehen wir einfach mal, aus einer Laune heraus, davon aus, diese Weiten wären selbst die Lösung. Fragen wir uns, welchem Problem diese Lösung korrespondiert. Worauf ist der unendliche Himmel die Antwort?

Kommentar

PREMPER Ich empfinde mich oft als Geräusch, das nicht vergehen mag. Als etwas Schweres, Lästiges. Ich möchte leicht und leichter sein.

BÖHM Neulich saß ich allein in der KücheGlückwunsch! Du hast dich von der Monumentalität des Textkörpers offenbar nicht abschrecken lassen. Und bist uns bis hierhin, in die leere Küche hinein, gefolgt. Tobias Premper und ich wollen das honorieren. Schreib bitte eine kurze Nachricht an sb@praeposition.com. Die ersten fünfzig Leute, die das gesamte Gespräch gelesen haben, kriegen ein Eis spendiert. Kein Witz!. Ich hörte den Boiler gedämpft aus dem Küchenschrank unter der Spüle hervorbrummen. Als ich das Fenster dann aufmachte, war es draußen zwar still, im Sinne von: menschenleer. Aber der lauwarme Lufthauch und das Knistern vom Wind bewegter Zweiglein aus dem Innenhof übertönten mit einem Mal alles Boilerbrummen. Eine Stille lauter als die andere.

Nachtrag

PREMPER Du, natürliche Stille und die künstliche Stille. Das kenne ich auch, ja. Das ist wie ein Übergossenwerden mit Leben in so einem Moment. Aber gar nicht, dass ich denke, dass es draußen auch laut ist, sondern dass da eine Natürlichkeit zurückkommt ins Leben. Und die ist immer gut. Wenn’s natürliche Geräusche wie Blätterrauschen oder Wasserplätschern sind, regen die mich ja nicht auf. Nur wenn eben einer unten auf der Straße stundenlang schreit oder nebenan jemand Videospiele macht oder ganz stumpfe Musik hört. Ich möchte leicht und leichter sein, habe ich geschrieben. Und dann vergehen. Mich auflösen. Nicht schwer wie ein Klumpen daliegen und dann sterben. Auch Teil der Welt sein. In ihr aufgehen. Kurz zu hören sein und dann aber in die Stille eingehen oder den Weltsound.

BÖHM Wie am Ende von »Tristan und Isolde«: »[E]rtrinken, versinken – unbewusst – höchste Lust!« Die Regieanweisung direkt danach, die das Libretto beschließt, lese ich wie eine Aufforderung zur Erfüllung deines Wunsches: »Isolde sinkt, wie verklärt, in Brangänes Armen sanft auf Tristans Leiche. Rührung und Entrücktheit unter den Umstehenden. Marke segnet die Leichen. Der Vorhang fällt langsam.«

Drei Sätze noch

PREMPER Der unendliche Himmel soll auch weiterhin unendlich und leer sein, ohne Gott, ohne Yogurette, ohne Hoffnung. Und genau dort möchte ich einen Moment lang erklingen. Mehr nicht.

(© Markus Herwig)


Tobias Premper
(*1974) ist noch da. Schreibt. Zahlreiche Publikationen, darunter Miniaturen, Kurzprosa, Gedichte, Boxenbücher, Notizen und ein Roman. Zuletzt erschienen Mississippi Orangeneis Blues (2016), Ich war klein, dann wuchs ich und war größer (2018) und, gemeinsam mit Martin Murch, Der Riss, durch den das Licht fällt (2019).


Text: Tobias Premper, »Aber nur dieses eine Mal« (Göttingen: Steidl 2020). Eingesprochen vom Autor.

Produktion: Simon Böhm, Leonie Hoh, Holm Burgemann, Konstantin Schönfelder

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