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PRÄ|POSITION
Episode IV

Milchtränen mit Karen Köhler

Literatur, das kann die Geschichte von den Körpern sein. Nein, Literatur, das muss die Geschichte von den Körpern sein. Die ein­ge­schnitten und abge­stoßen, über­sehen und versenkt werden. Das weiß Karen Köhler, die an ihrem Roman »Miroloi« eigens er­fahren musste, was es heißt, wenn diese Körper weiblich sind. Das sagte auch Hélène Cixous, die lange vor ihr versuchte, diese Körper zu schreiben:

Mit einer Hand schreibe ich gelb, mit einer Hand schreibe ich grün, eine kleine Hand schlüpft unter meine Hand, meine Finger auf ihren Fingern, meine Doppelhand folgt hastig dem Ruf der Welt, meine Hand ritzt sich an den Dornen des Lebens, und ich schrei­be blutig, schreibe kalt­blütig ohne Angst, ohne Unschuld, spüre das Geblüt der Juden in der Tiefe meiner Schrift vorüber­ziehen, wie sie hinter meinem Gedächtnis still­schweigend alte Psalmen singen, spüre wie Frauen in meiner Schrift schreiben, wie sie nieder­kommen, Milch geben, sich allein und traurig niederlegen, fröhlich aufstehen, meine Hände gehen bald mit dem Schritt des Feuers voran, bald mit dem Schritt einer weißen Wölfin, meine Hände verkrallen sich, ihr In­neres vergießt Milch­tränen.

Gespräch: Clara Neubert
Tonale Inszenierung: Florian Liewald


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Karen Köhler hat Schauspiel stu­diert und zwölf Jahre am Theater gear­beitet. Heute lebt sie auf St. Pauli, schreibt Theater­stücke, Dreh­bücher und Prosa. Ihre Theater­stücke stehen bei zahl­reichen Büh­nen auf dem Spiel­plan. 2014 er­schien ihr viel beachteter Er­zäh­lungs­band Wir haben Raketen geangelt. Für ihr Roman­debüt Miroloi, das im August 2019 im Carl Hanser Verlag erschien und auf der Long­list des Deutschen Buch­preises 2019 stand, erhielt sie ver­schiedene Stipendien, u. a. das Jahres­stipendium des Deutschen Literatur­fonds.


Wir sprachen mit Karen Köhler am 11. Januar 2020 in Hamburg.


Redaktion: Konstantin Schönfelder, Holm-Uwe Burgemann
Produktion: Florian Liewald
Cover: Daniel Zenker
Stimme: Elisa Schlott, Konstantin Schönfelder