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PRÄ|POSITION

PRÄ|POSITIONEN ANDERER GEGENWART


Scheitern ist das Gefühl dieser sich als unauf­halt­sam wähnenden Gegen­wart. Da­gegen steht die Sprach­suche allein. Das Sehnen nach einer Anderen, die versteht. Denn das Sprechen ver­gemein­schaftet. Doch gibt es keine Residenz­pflicht in der Sprache und niemals gewährt sie Aufent­halt. Deshalb ist die erste Geste des Gegen­warts­texts die Aphasie; die Sprach­losigkeit als die eigenste Störung scheiternder Gegen­wart.

Diese Sprach­losigkeit ist kein Projekt, sondern eine planetare An­ordnung licht­loser Lücken. Sie ist das Dunkel­stern­bild, das die jetzige Gegen­wart implodiert. Sie ist die Sprache, die dem Schweigen folgt. Ein Schweigen, das niemals weit genug ge­gangen sein wird. Also gehen wir.

Geschichte ist immer nur aus der Sicht der Sess­haften geschrieben worden. Der erste Schritt in eine andere Welt ist, die Welt so zu schreiben, als ob sie schon die unsere ist. Der Gegen­warts­text stellt seinen Eigen­sinn gegen das Unbild totaler Industrie, die alles von vorn­herein schluckt, und ist da­durch präfigurativ. Entwirft ohne auszu­arbei­ten. Geht in seine »aller­eigenste Enge« und redet dann von dort.

PRÄ|POSITION schafft Gegen­warts­texte als Basis­geschich­ten einer anderen Gegen­wart, indem zu­sam­men­gestellt und inszeniert wird, was gegen­wärts strebt und eine andere Ordnung programmiert. Ein »gegen«, das Grenzen er­schüttert und ein­schneidet, das invasiv und nomadisch wird. Also.


Steht dieses Programm gegen die spät­iro­ni­schen und pseudo-plebis­zitären Aus­ferti­gungen einer Gegen­wart des Einfachen und Seichten und gleich­sam gegen jene, die sich unter den Augen selbst­konfektion­ierter Publika damit verbünden. Steht gegen die klassischen Genres und die konven­tionellen Räume von Texten so, wie es für das Anti-Genre und den außer-analogen Raum ein­steht.

PRÄ|POSITION arbeitet in der Auf­fas­sung, dass geschriebener Text Lebens­läufe unterspült. Doch Schrift allein ist kein »Text« in einem kapi­talen Sinn. TEXT ist erst, wo die Schrift mit allen anderen schreib­baren Be­gehren unter­schieds­los als der­selbe Körper zusammen­stehen kann.

Die Protagonist:innen, die unsere Räume schaffen, arbeiten dieser Auf­fassung nach an einem solchen TEXT. TEXT vorstellbar als der »Graph der Spuren einer Praxis« — als die Gabe ohne Gegen­gabe — vorstell­bar auch als Kritik und Wider­stand — vorstellbar als perforierendes, diese Zeit löcherndes Schrei­ben und auch als projizierendes Schrei­ben. Als Schrei­ben einer anderen Ordnung. Eine Ordnung anderer Prä­posi­tionen.

MAN WIRD DARAUS EINMAL ALLE KONSEQUENZEN ZIEHEN.


PRÄ|POSITION ist ein Kollektiv, das sich 2016 im Andenken an Roger Willemsen gegründet und seine Gestalt noch nicht angenommen hat.

† 7. Februar 2016

Das Bedürfnis nach einer Sprache, die niemand lesen kann, nimmt zu.
Wer ist niemand. Eine Sprache ohne Wörter.
Oder das Verschwinden der Welt in den Wörtern.
Stattdessen der lebenslange Sehzwang, das Bombardement der Bilder, die Augenlider weggesprengt.
Die Schutthalde der Literatur im Rücken.

Heiner Müller

Alle Präpositionen sind am ehesten unsichtbar.
Sie erhalten die Sprache auf dieselbe Weise, wie der Raum die Planeten trägt.

Inger Christensen