veröffentlicht am 20. Juni 2016 von prpstn
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Zauber:Wort

GASTBEITRAG: PATRICK BREUER. Seine Stimme zu finden, sich hörbar – was heißt, »wahrgenommen« – zu machen, ist ein Menschheitstraum; sie dann zu besitzen, sich ihrer sicher zu sein, ein seltenes Privileg. In einem sprachlichen Staccato beschreibt Patrick Breuer wie wir uns hörbar machen können, indem wir lesbar werden. Ein Text der zuerst eine Anleitung für die »erste kleine Geschichte« ist und sich dann, Zeile für Zeile, als Anleitung zum unbefangenen (Anders)denken entblößt. Ein Beitrag in fünf Akten.


 

Einleitung

Ich möchte damit beginnen, Ihnen ein Zitat ans Herz zu legen, welches nicht besser die Eigenschaft beschreiben könnte, die einen Schriftsteller ausmacht. Von welcher Eigenschaft spreche ich? Antoine de Saint-Exupéry beschreibt sie so:

»Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!«

Die Sehnsucht. Das ist das Bindemittel, der Klebstoff zwischen dem Schriftsteller und seinem Papier. Wie gelangt man zu diesem Meer, zu dieser Sehnsucht? Vor allem durch Übung. Üben Sie! Üben Sie täglich, um Ihre Fähigkeiten zu verbessern. Schreiben Sie, wann immer sie inspiriert sind oder Sie Zeit haben. Morgens, mittags, abends, nachts. Schreiben Sie! Es ist die Inspiration, die den Schriftsteller bewegt, etwas zu Papier zu bringen. Dinge die inspirieren, das sind z.B. – das innere Gefühl äußerer Eindrücke, Gedanken über den Alltag und die Welt, die endlose Suche nach einem Sinn oder der Liebe usw. Oder der Traum?! Stellen Sie sich einmal diese Frage: Was sind Ihre Inspirationen? Was treibt Sie an, zu schreiben? Als zweites stellt sich die Frage nach dem Wie schreibe ich?

1. Stilfindung

Jeder Mensch hat seinen eigenen Stil. Es ist Ihre Aufgabe, diesen Stil ausfindig zu machen. Die einen halten es mit den Klassikern, den Romantikern, den Modernen – oder: den Symbolisten, den Surrealisten, den Dadaisten. Letztlich kann dabei eine ganz neue Ausdrucksform, eine neue Sprache entstehen. Die Gedichte der Dada-Bewegung z.B. haben sich, neben einigen verständlicheren Texten, mit Laut und Klang eine eigene Sprache geformt.

Wolken
Hugo Ball

Elomen elomen lefitalominai
Wolminuscaio
Baumbala bunga
Acycam glastula feirofim flinsi

Elominuscula pluplubasch
Rallalalaio

Endremin saxassa flumen flobollala
Fellobasch falljada follidi
Flumabasch

Cerobadadrada
Gragluda gligloda glodasch
Gluglamen gloglada gleroda glandridi

Elomen elomen lefitalominai
Wolminuscaio
Baumbala bunga
Acycam glastula feirofim blisti
Elominuscula pluplubasch
Rallalataio

Finden Sie Ihre eigene Sprache! Diese muss nicht exotisch sein und Sie müssen keine neuen Worte erfinden, wenn Ihnen das zu abstrakt ist oder Sie damit nichts anfangen können. Die eigene Sprache liegt vor allem in der Kraft der Bilder, der Revolution der Sprache verborgen. Sie ist der Wiedererkennungswert des Autors; und, ob Sie es heute schon wissen oder nicht: sie ist bereits in Ihnen. Wie können Sie diese eigene Sprache zutage fördern? Wenn Sie schreiben, vermeiden Sie Klischees! Ganz wichtig! »Der stumme Schrei« oder »Die laute Stille« sind ebenso abgetragen wie die »schmutzige Wäsche«, und es hilft nichts, sie nochmals »zu waschen«. Das »Tränenmeer«, so »spiegelklar« und »bitter-süß« oder »salzig« es auch sein mag: es ist längst ausgetrocknet. Machen Sie aus dem Meer die Höhle, aus den Tränen den Schmerz, aus bitter-süß grün-rot.
Natürlich: Klischees können durchaus auch ihren Platz haben, dann, wenn sie zum Beispiel in Dialogen auftreten. Beschreiben Sie ein bürgerliches Leben, Ihren Alltag als Kind usw. würde es gekünstelt und unecht wirken, wenn Ihr Vater oder Ihre Mutter Sie in einer anderen als der gewöhnlichen Sprache anredeten. Unser Leben und unsere Umgangssprache sind voller Klischees! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Der große Wurf.

Beim Schreiben außerhalb von Dialogen gilt: Erfinden Sie die Sprache neu! Lassen Sie neue Welten aus der Schale einer überalterten Literatur platzen, wie einen Schmetterling aus dem Kokon einer Spinne. Seien Sie nicht weniger kreativ als ihre namhaften Vorgänger!
Die Sprachen der Schriftsteller gleichen einem großen Farbtopf. Und es kommt darauf an, mit dem Pinsel – Ihrer eigenen Empfindung – in diese Welt hineinzutauchen. Lassen Sie das folgende Sonett einen Augenblick auf sich wirken; wie der Autor den Vokalen eine Farbe, eine Bestimmung gibt. Wie der Aufbau des Sonetts verschwindet. 

Vokale
Arthur Rimbaud 

A schwarz E weiß I rot U grün O blau - Vokale
Einst werd ich euren dunklen Ursprung offenbaren:
A: schwarzer samt‘ger Panzer dichter Mückenscharen
Die über grausem Stanke schwirren · Schattentale.

E: Helligkeit von Dämpfen und gespannten Leinen ·
Speer stolzer Gletscher · blanker Fürsten · Weh‘n von Dolden.
I: purpurn ausgespienes Blut Gelach der Holden
Im Zorn und in der Trunkenheit der Peinen.

U: Räder · grünlicher Gewässer göttlich Kreisen
Ruh herdenübersäter Weiden · Ruh der Weisen
Auf deren Stirne Schwarzkunst drückt das Mal.

O: seltsames Gezisch erhabener Posaunen ·
Einöden durch die Erd- und Himmelsgeister raunen.
Omega – ihr‘ Augen veilchenblauer Strahl.

Rimbaud gilt für die großen Erneuerer der Literatur aller Formen als Revolutionär. Er schrieb seine Texte im Alter zwischen 14 und 19 Jahren! Er streifte die Maske der elitären biederen Literatur ab und schrieb in einer neuen Sprache, einer Sprache, die allen zugänglich und dennoch voller Symbolik war. Was war sein Antrieb? In seinen »Seherbriefen« liest man:

[...] Denn ich ist ein anderer. Wenn das Blech als Trompete erwacht, so ist es nicht seine Schuld: das ist für mich erwiesen. ich bin bei der Entfaltung meines Gedankens nur zugegen: ich betrachte ihn, ich höre ihn; ich tue einen Bogenstrich: die Symphonie wogt in den Tiefen, oder sie springt mit einem Satz auf die Bühne [...] Das erste Bestreben des Menschen, der Dichter werden will, ist die - uneingeschränkte - Kenntnis seiner selbst; er sucht seine Seele, erforscht, versucht und erfährt sie. Sobald er sie kennt, muss er sie bilden. Das klingt so einfach: in jedem Hirn vollendet sich eine natürliche Entwicklung; wie viele Egoisten erklären sich zu Autoren; wie viele andere schreiben sich den eigenen Geistesfortschritt zu Gute! - Doch es geht darum, die Seele ungeheuerlich zu machen […]
Ich sage man muss Seher sein, muss sich sehend machen. Sehend macht sich der Dichter durch eine lange, unermessliche und planmäßige Ausschweifung aller Sinne. alle Formen der Liebe, der Qual, des Wahnsinns; er sucht eigens, er erschöpft an sich alle Gifte, um nur ihre Quintessenz zu bewahren. Unsägliche Tortur, für die er allen Glauben braucht, alle übermenschliche Kraft, bei der er unter allen der große Kranke wird, der große Verbrecher, der große Verdammte, - und der höchst Wissende! - denn er kommt an im Unbekannten! Denn er hat seine Seele, die ohnehin reiche, mehr ausgebildet als jeder andere! Er kommt an im Unbekannten, und sollte ihm in seiner Bestürzung am Ende der Sinn seiner Visionen entgleiten, er hat sie gesehen! Mag er wenn es ihn hochreißt, an all dem Unerhörten, Unnennbaren krepieren: Es werden neue Arbeiter des Grauens kommen; und sie werden von den Horizonten aufbrechen, an denen der andere zusammengebrochen ist!

Ein unglaublicher Anspruch an sich selbst liegt in diesem Brief, aus denen ich Ihnen einen kleinen Auszug präsentiert habe. Sie müssen es nicht so weit treiben; aber vielleicht steckt darin auch schon etwas, das Sie persönlich inspirieren konnte.
Wie also findet man Ideen? Was tun Sie, um eine Idee für ihren nächsten Text, ihr Gedicht, Ihren Roman oder Erzählung zu erhaschen, bevor sie ihnen wieder vor den Augen entwischt? Lesen Sie viel! Hören Sie Musik! Machen Sie verschiedene Übungen!

weiterdenken: »2. Formsache«

Über Patrick Breuer

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Patrick Breuer ist gelernter Verlagskaufmann. Ein Titel wie ein Missverständnis für einen, der mit jedem Wort das Andere, das anti-kapitalistische, das noch nicht Materialisierte in unsere Wahrnehmung drängt. »Der Autor muss glauben, dass das, was er gerade tut, das Wichtigste auf der ganzen Welt sei. Und er muss an dieser Illusion festhalten, sogar dann, wenn er weiß, dass es nicht wahr ist«, schreibt John Steinbeck.
Patrick Breuer ist ein solcher Autor – ein Sehender, ein Sehnender, ein Süchtiger, ein Irrealist. Doch auch letzteres ist: nur unser Missverständnis eines Reisenden irgendwo zwischen Symbolismus und Surrealismus. Einer, der liest, was wir  aufgehört haben zu lesen. Einer, der die Leerstellen unserer überreizten, postkolonialen Gesellschaft mit ästhetischer Gesellschaftskritik zu füllen versucht. Kritik, die überblendet, zurücksetzt und dann: trifft. Sein Erstlingswerk Patrice Lumumba – Herz Afrikas: Eine Geschichte über den Kngo und seine Unabhängigkeit spiegelt diesen Anspruch.

Von 2014 bis 2015 studierte Patrick Breuer erfolgreich »Literarisches Schreiben« an der Cornelia Goethe Akademie in Frankfurt am Main.

Weitere Zauberworte hier.


Für alle Bilder dieses Beitrags gilt:
© Patrick Breuer.

 

 

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