veröffentlicht am 23. Mai 2016 von prpstn
in : kommentiert

Vergessen

Normalerweise steht hier: »Beiträge der Kommentiert-Reihe spiegeln das tiefe Unbehagen des Autors wieder. Sie sind polemisch, selten ausgewogen, immer streitbar und wollen doch Genauigkeit herstellen. Jegliches Unverständnis, das den Leser überkommt, darf als Kommentar zu Protokoll gegeben werden. Das verlangt die Betroffenheit des Lesers und freut den Verfasser.« Den folgenden Beitrag jedoch zeichnet ein ganz persönliches Gefühl. Er gilt einem ganz besonderen Menschen und damit dann auch – irgendwie – dem, der da schreibt.


 

Ich vergesse vieles von dem, was mir unbedeutend erscheint. Ich nehme alles (vermutlich überdurchschnittlich) selektiv wahr: Namen, Wege, Ereignisse, Städte, Prozesse, Gedanken. Dabei geht einiges verloren. Allerdings erscheint mir vieles von Bedeutung und was mir bedeutend erscheint, vergesse ich (vermutlich überdurchschnittlich) wenig. Das verringert dann die Menge des Vergessenen. Insgesamt vergesse ich wahrscheinlich durchschnittlich viel, normal sozusagen.
Vor ein paar Tagen habe ich allerdings etwas vergessen, was mir von Bedeutung erscheint. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie das passieren konnte, weil ich es noch nie vergessen habe. Ich war enttäuscht von mir. Auf der Suche nach einer Antwort darauf habe ich mein »digitales Gedächtnis« durchsucht. Es heißt »Evernote«. Es ist mein persönliches Wikipedia. Dort speichere ich Vorlesungs-Mitschriften und Tagebucheinträge, überdauernswerte Artikel, Zitate, Rezensionen, Buchlisten, Rechnungen, Dokumente. Ich habe also in das Suchfeld den Begriff vergessen eingegeben – und das ist eine Auswahl der Ergebnisse, versehen mit ein paar Kommentaren, geordnet nach dem Erscheinungsdatum (dem Original, nicht nach meinem Speicherdatum).
 
1. »Sagen sie ihm, dass er die Träume seiner Jugend nicht vergessen soll, wenn er ein Mann geworden.«
 
– Friedrich Schiller, Don Karlos, durch Marquis de Posa
 
Das autobiografische Gedächtnis: Wer ich war, der werde ich auch künftig sein und werde es gewesen worden sein. Ich kann mich nicht verleugnen und sollte es auch nicht. Ich bin ein Ganzes und nicht die Summe der Fragmente meiner Lebensstufen; alles Licht und jede Lektion eingeschlossen.
 
2. »Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mit angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf mich nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal in der Mitte, und der Babylonische Turm bleibt stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen es war kühn entworfen.«
 
– Johann Wolfgang von Goethe, Brief an Lavater
 
Das Vergessen meint hier die Angst vorm Vergessenwerden. Es ist die Angst des Genies Goethe, keinen Abdruck zu hinterlassen, das Leben verlebt, ohne die große Tat, das große Werk vollbracht zu haben. Der entscheidende Unterschied zwischen einem Genie und einem Verrückten liegt im Ergebnis. Das Genie treibt diese Angst bis zum Äußersten und darüber hinaus. Es macht den Sterblichen unsterblich.
 
3. »Man spreche doch gewöhnlich im befreienden Bewusstsein, dass das meiste vergessen werde.«
 
– Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, durch Amadeu de Prado
 
Das erste Mal, dass mein digitales Gedächntnis einen Treffer ausgibt, der Vergessen mit etwas Positivem verbindet. So wie es ein Zeit-Artikel vor ein paar Wochen versucht hat. Im Schlusssatz heißt es: »Aber ohne das Vergessen stünden wir vor einem chaotischen Scherbenhaufen voller Erinnerungen. So gesehen, ist ein Sieb ein lebenswichtiges Werkzeug.«
 
4. »Beklage dich nicht, wenn etwas genommen wird, das dir gegeben war, das du aber nicht notwendigerweise besaßest. Und vergiss nicht, um genommen zu werden, musste es erst gegeben werden. Wenn du zu besitzen glaubtest, wenn du vergessen hast, dass es gegeben war, dann ist es eben schlimm für dich.«
 
– Hannah Arendt, Die Liebe zur Welt (Biografie von Alois Prinz)

Das sagt Hannah Arendt auf der Beerdigung ihres zweiten Ehemannes, Heinrich Blücher. Nicht zu vergessen meint hier erinnern; daran, dass jede Beziehung, wenn sie wodurch auch immer auseinanderbicht, durch diesen Bruch nicht an Bedeutung verliert. Die Liebe, in diesem Fall, wurde Arendt geschenkt und wieder genommen, war aber kein Nullsummenspiel: Sie hat sie einen Teil ihres Weges begleitet, verzückt, beglückt.

5. »Die Verse sprudelten nur so aus ihm heraus. Eine (und zwischenzeitlich seine) Freundin, D. A. Pennebaker, verschwand mit einem seiner Lieder und spielte es im Radio. Als er es hörte, sagte er zu ihr: toller Song. Dann sagte sie, der ist von dir, du Dussel. Er hatte ganz vergessen, ihn geschrieben zu haben.«

– [über Bob Dylan], Martin Scorsese, No Direction Home

Bob Dylan schrieb angeblich so viele Lieder, dass er sie häufig am nächsten Tag wieder vergessen hatte. Als seine Freundin ihm die Aufzeichnungen zu einem seiner Songs entwendete und das Lied wenige Tage später als ihr eigenes Stück verkaufte, war das seine Reaktion – »toller Song«. Toller Typ.

Der stumme Geburtstagsgruß 

Nun habe ich am Anfang geschildert, dass ich etwas vergessen hatte. Daraufhin hatte ich mir Klarheit über den Begriff des Vergessens verschafft. Die habe ich, was fehlt ist die Erklärung für meine Situation. Ich habe vergessen, meinem Papa zum Geburtstag zu gratulieren.
Es mag vielleicht harmlos erscheinen, aber das ist es nicht. Das Datum hatte ich mir nie in den Kalender geschrieben, nie eine Erinnerung dafür eingerichtet. Die habe ich auch nie gebraucht. Dazu braucht es keine Erinnerung von Außen – sie ist innerlich eingerichtet. Aber warum hat sie dieses Mal ausgesetzt? Warum habe ich dieses Mal vergessen, ihm zu gratulieren? Man vergisst Dinge. Ja, man vergisst Dinge – aber nicht den Geburtstag seines Vaters. Den vergisst man nicht einfach so. Oder doch?

Der Tag lag im Zeitraum meiner New York-Reise. Ich bin von früh bis spät auf den Beinen gewesen, hatte viel gearbeitet und wenig geschlafen. Ich war überwältigt von der Stadt. Von New York, aber auch von den USA überhaupt. Mein Leben vergeht in einem anderen Takt, funktioniert nach neuen Regeln, mit veränderten Prioritäten. Ich gehe manche Bindungen ein, löse andere Bindungen auf, einige erhärten sich: Aus der Distanz entsteht eine Nähe, die ohne Distanz gar nicht denkbar gewesen ist. Und doch habe ich den Geburtstag vergessen.
Die Erklärung für mein Vergessen ist die: Meine neue Welt ist für einen Augenblick so groß geworden, dass ich meine vorherige darüber vergessen habe. Das ist genau, was Schillers Marquis' zu sagen versuchte: Bringe das zusammen, verinnerliche die neue Welt, ohne die alte zu vergessen. Vergiss beim Erwachsenwerden nicht das Kind in dir. Das gelingt, manchmal. Dieses Mal nicht. Für einen Moment habe ich es – vergessen.

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