veröffentlicht am 6. Juli 2016 von prpstn
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Tag 6, Mexiko Stadt

In unse­ren Leben geben wir weni­gem eine zweite Chance. Wir sind Vor­über­ge­hende. Wir kom­men, betrach­ten, gehen – sind ver­gan­gen. Dem Autor, unse­rem Freund, gelingt die Rück­kehr. Und wie­der ist vie­les wie zuvor und doch ist das meiste anders. Der zweite Blick hin­ter sei­nen Zei­len gilt zuerst der Kunst, der prak­ti­schen, bil­den­den und schließ­lich jenen, von denen wir nur wis­sen, weil wir hinab und sie hin­auf schauen.

Sollte es stim­men, dass Liebe auf den zwei­ten Blick tie­fer ist als auf den ers­ten, haben Mexico City und ich eine gemein­same Zukunft. Es ist mein zwei­tes Mal hier, aber zum ers­ten Mal ergreift mich die Stadt. Viel­leicht war ich blind für die Stadt, oder nicht reif, oder zu fas­zi­niert von ihrer Ober­flä­che – und habe dabei ver­passt, ihre Untie­fen aus­zu­mes­sen.

Das Herz­stück moder­ner mexi­ka­ni­scher Kul­tur­ge­schichte ist die Bezie­hung von Diego Rivera und Frida Kahlo. Der renom­mierte Maler Diego ver­liebt sich in Frida, die von Kin­der­läh­mung und einem Bus­un­fall ver­krüp­pelt wurde. Aus einer Reihe von – mit­un­ter phy­si­schen – Wider­sprü­chen, ent­wi­ckeln sich ein gemein­sa­mes Leben für die Kunst. Seine 1,80 Meter wie­gen 130 Kilo­gramm, sie wiegt 40 Kilo­gramm bei einer Kör­per­größe von weni­ger als 1,60 Meter; er ist kör­per­lich gesund, aber lebens­un­fä­hig, Frida ihr Leben lang von Schmer­zen domi­niert und in Metall­kor­set­ten gefan­gen (was sich so wun­der­bar in ihrer Kunst wie­der­fin­det), aber der lebens­fä­hige, lebens­be­ja­hende, lebens­prak­ti­sche Teil. Diese Wider­sprü­che lösen sich wäh­rend der Fort­dauer ihrer Bezie­hung nicht auf. Sie ver­schwin­den gele­gent­lich in ihrer Liebe und ihrer Kunst, aber tre­ten unbe­schä­digt wie­der her­vor, sobald Diego Frida erneut betrügt, oder Frida in ihrer Lieb­schaft mit dem Exi­lan­ten Leon Trotzky kon­tert. Das Haus von Frida in Coyoacan, ihre Wir­kungs­stätte – worin sich heute das Museum befin­det – macht ver­steh­bar, dass diese Wider­sprü­che in der Bezie­hung, aber auch in Frida selbst ange­legt sind. In einem ihrer zen­tra­len Werke (Die zwei Fri­das), erfasst sie expli­zit ihr Leben zwi­schen Schmerz und Boheme.

Es erin­nert mich an den Aus­druck von Tho­mas Hob­bes, mit dem er seine Geburt beschreibt: »My mother gave birth to twins: myself and fear.« (Meine Mut­ter hat Zwil­linge gebo­ren: mich und die Angst.) Angst wäre in Fri­das Fall mit Schmerz sub­sti­tu­ier­bar, aber bei­des, Angst und Schmerz – Angst vor dem Schmerz, Angst durch den Schmerz – schöpft sich aus der­sel­ben Gefühls­quelle. In der Über­win­dung ihrer Angst ist Frida Kahlo revo­lu­tio­när, weil sie als Künst­le­rin »yo«, also »ich« sagt, und in die­ser Selbst­er­fah­rung zu einer frü­hen Femi­nis­tin wird, die das Ver­spre­chen ein­löst, dass künst­le­ri­sche Größe auch für Frauen, sogar kör­per­lich ein­ge­schränkte, erreich­bar ist. Gleich­zei­tig ent­wi­ckelt sie in ihrem unver­wech­sel­ba­ren Stil einen Umgang mit Sub­jek­ti­vi­tät, der diese nicht als Makel wahr­nimmt, son­dern zur Tugend erhebt. Darin steckt die Erkennt­nis, dass das Objek­tive nur soweit exis­tiert, wie sich das Sub­jek­tive darin erhält.

Das Mexico, von dem ich spre­chen kann, bleibt immer eine Gegen­wirk­lich­keit zur euro­päi­schen Gewohn­heit: Die Küche, so fet­tig wie mai­sig; das Wet­ter, ideale 25 Grad (eigent­lich das ganze Jahr über; zwi­schen Mai und Sep­tem­ber von der Regen­zeit jede Nacht erfrischt) und die sys­te­mi­schen Ungleich­hei­ten, die sich wie­der und wie­der dem Beob­ach­ter als Abgründe auf­tun. Wie muss es dem Men­schen inner­halb des Sys­tems erge­hen? Die Ant­wort auf diese Frage hängt davon ab, ob es in den Abgrund hin­ein oder vom Abgrund hin­auf schaut.

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