veröffentlicht am 10. Mai 2016 von prpstn
in : kommentiert

Ich denke, also geh ich

Anmer­kung: Bei­träge der »Kommentiert«-Reihe spie­geln das tiefe Unbe­ha­gen des Autors wie­der. Sie sind pole­mi­sch, sel­ten aus­ge­wo­gen, immer streit­bar und wol­len doch Genau­ig­keit her­stel­len. Jeg­li­ches Unver­ständ­nis, das den Leser über­kommt, darf als Kom­men­tar zu Pro­to­koll gege­ben wer­den. Das ver­langt die Betrof­fen­heit des Lesers und freut den Ver­fas­ser.

Ein Kom­men­tar zu »Ich denke also fahr ich« von Phil­ipp Hübl, Gast­bei­trag in DIE ZEIT Nr. 1/2016 vom 30. Dezem­ber 2015.



Die Enge und die Frei­heit, die das uni­ver­si­täre Leben ver­spricht, schei­nen ein­an­der dia­me­tral gegen­über­zu­ste­hen. Ein weit­rei­chen­der Irr­glaube wie Phil­ipp Hübl kürz­lich offen­barte. Denn gerade der Ort, den wir am ehes­ten mit der Pro­duk­tion von Wis­sen asso­zie­ren, ist in sich begrenzt. Das ist bei wei­tem keine Frage räum­li­cher Archi­tek­tur. Es ist eine Frage geis­ti­ger Struk­tur und dann eine Frage uni­ver­si­tä­ren Selbst­be­wusst­seins.

Die öko­no­mi­sierte Ver­wal­tung moder­ner Uni­ver­si­tä­ten ver­steht den Ein­zel­nen und die Ein­zelne wie die mas­sen­ori­en­tierte Tier­hal­tung das Huhn. Wie sich das Sub­jekt fühlt, ist ver­nach­läs­sig­bar, ent­schei­dend ist sein Ertrag. Die einen lie­fern Flei­sch, die ande­ren Erkennt­nis. Es ist ein offe­nes Geheim­nis, dass Hüh­ner aus art­ge­rech­ter Hal­tung – sol­che, die vor der Schlacht­bank ein eini­ger­ma­ßen erträg­li­ches Leben im Ange­sicht ihres bevor­ste­hen­den, gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Todes geführt haben – bes­ser schme­cken als ihre in Käfi­gen zusam­men­ge­press­ten Art­ge­nos­sen. Glück­li­cher­weise ver­schwin­det die offen­sicht­li­che Tat­sa­che, dass Flei­sch letzt­lich auf dem Tel­ler liegt, zuneh­mend hin­ter der exis­ten­zi­el­len Frage wie es dort hin­kam. Müs­sen wir dann nicht auch fra­gen, wiedas Wis­sen aus den Uni­ver­si­tä­ten gewor­den ist, was es ist?

Intel­lek­tu­elle Käfig­hal­tung

Der Aka­de­mi­ker ist weit von einer sol­chen art­ge­rech­ten Hal­tung ent­fernt. Viel­mehr sitzt er dicht gedrängt in immer glei­chen Büros. Schlichte Räume, die sich nicht durch Indi­vi­dua­li­tät, son­dern vor allem durch ihre fort­lau­fende Num­me­rie­rung von­ein­an­der unter- schei­den. Schwer vor­zu­stel­len, dass zwi­schen Kak­tus und Kaf­fee­ma­schine die geschei­terte Kan­ti­sche Auf­klä­rung wie­der­be­le­ben lässt. Ein mathe­ma­ti­sches Pro­blem mag in sei­ner Lösung von sei­ner unmit­tel­ba­ren Umge­bung weit­ge­hend unab­hän­gig sein, ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem ist das nicht. Freies Den­ken lässt sich nicht in Räume pres­sen, denn wer gesell­schaft­li­chen Wan­del ver­ste­hen möchte, muss nicht nur das Pro­blem ken­nen, er oder sie muss sich mit ihm iden­ti­fi­zie­ren, um schließ­lich ver­ste­hen zu kön­nen. Genau­ig­keit her­stel­len kann nur der, der betrof­fen ist, die Dis­kus­sion des Objekts als exis­ten­ti­el­les Erfor­der­nis zu inter­pre­tie­ren fähig ist. Doch wer ist heut­zu­tage schon bereit unter der Last unmit­tel­ba­rer Anschau­ung zu schrei­ben?

Heu­tige Sozi­al­wis­sen­schaft­ler begnü­gen sich nicht sel­ten mit der mit­tel­ba­ren Anschau­ung; Kon­takt zum Pro­blem “ja”, aber bitte mit Abstand, sei es aus Kom­fort oder aus Man­gel an Alter­na­ti­ven. Was dann als Ergeb­nis prä­sen­tiert wird, ist in den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten eine Menge an Zah­len, Daten, inter­pre­tiert durch For­meln und bestehende Kon­ven­tio­nen. Das hat natür­lich eini­ges für sich, doch wel­cher Wis­sen­schaft­ler würde leug­nen, dass gerade das uni­ver­si­täre Sys­tem weit­ge­hend selbst­re­fe­ren­ti­ell ist.

Hat sich die aka­de­mi­sche Lebens­welt mit dem Ock­ham­schen Rasier­mes­ser von der Wirk­lich­keit, dem da drau­ßen, abge­trennt? Und ist das, was die uni­ver­si­täre Arbeit dann abbil­det, die Wirk­lich­keit oder nicht viel­mehr etwas ganz ande­res? Wie eine Kopie eines Kunst­werks, dass sei­nem Ori­gi­nal zwar in Farbe und Dar­ge­stell­tem gleicht, dem des­sen ursprüng­li­che Aus­sage jedoch ver­lo­ren gegan­gen ist (und das darum ja spä­tes­tens seit dem Fall Bel­trac­chi auch keine Kunst mehr ist)? Muss man Her­bert Mar­cu­ses opus magnum viel­leicht neu auf­le­gen und mit »Die ein­di­men­sio­nale Aca­de­mia« beti­teln? Eine Aca­de­mia, die ihr Sub­jekt in dem Moment ver­liert, in wel­chem es zum Dienste uni­ver­si­tä­rer Erkennt­nis sei­nem ange­stamm­ten Habi­tat ent­ris­sen wird? Eines scheint gewiss, schreibt der Lite­rat Rüdi­ger Safranski: Für »die Anfänge aus Frei­heit sind die Pro­jekte, wel­che die Welt von einem Punkt aus kurie­ren wol­len, das Ende.« So sehr sich die eta­blier­ten Wis­sen­schaf­ten um metho­do­lo­gi­sch man­nig­fal­tige Blick­win­kel bemü­hen, um dem Bias zu ent­kom­men, sie ver­blei­ben meis­tens in ihrer Welt.

Die unbe­stimmte Gruppe der ICE-fahrenden Dozen­tin­nen und Dozen­ten, von denen Phil­ipp Hübl (als einer unter glei­chen) schreibt, ent­zieht sich die­sem unfrei­wil­li­gem Selbst­be­wusst­sein nicht unbe­dingt aus tie­fer Ent­schlos­sen­heit dem Erkennt­nis­in­ter­esse aus intel­lek­tu­el­ler Käfig­hal­tung etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, son­dern wohl eher aus Not­wen­dig­keit. Die wenigs­ten fah­ren mit dem Zug um des Zug­fah­ren wil­lens, son­dern weil sie von A nach B müs­sen und es, der chro­ni­schen Unpünkt­lich­keit zum Trotz, Unan­ge­neh­me­res gibt als das Pen­deln in Zügen. In den Wagons der Deut­schen Bahn lässt sich so mit etwas Glück Eigen­tüm­li­ches beob­ach­ten: Dis­zi­pli­nen, Welt­an­schau­un­gen und Lebens­wei­sen tref­fen auf­ein­an­der, kol­li­die­ren – und dann?

Den­ken in Zügen

Was die Aka­de­mi­ker in den Wagons der Deut­schen Bahn durch­le­ben, schreibt Hübl, ist der Kaf­fee­haus­ef­fekt, das unbe­ab­sich­tigte und des­halb umso ertrag­rei­chere Auf­ein­an­der­tref­fen ver­schie­de­ner Per­so­nen, die sich in Pro­fes­sion und Bedürf­nis von­ein­an­der unter­schei­den. Der Zwang zum Den­ken in Zügen schafft den Zwang sich vor allem mit­ein­an­der und weni­ger  mit­sich­selbst aus­ein­an­der­zu­set­zen. Für wenige Stun­den ent­kom­men Wis­sen­schaft­ler der Rou­tine, in die sie sich schon früh hin­ein­stu­diert haben: Große Theo­rien müs­sen plötz­lich klein erklärt wer­den, um ver­steh­bar zu wer­den und die sonst als so prä­zise emp­fun­dene Spra­che ist eine Bar­riere, die lang­sam abge­baut wer­den muss, um Wir­kung zu erzie­len.

Das ist noch lange kein Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit wie Hübl hofft und Haber­mas schreibt. Es ist aber ein Grund zur Hoff­nung. Denn umso mehr sich das uni­ver­si­täre Leben, ganz gleich wie bewusst, in die Öffent­lich­keit ver­la­gert, desto eher kommt es zu sich selbst. Der Kon­takt mit dem da drau­ßen, dem rea­len, wirk­li­chem Leben tut gut und lässt viel­leicht kon­sta­tie­ren, dass erst jen­seits der Insti­tuts­ge­bäude die Uni­ver­si­tät mit ihrer eigent­li­chen Bestim­mung in Deckung kommt: Wis­sen­schaft von und für ihre Gesell­schaft. Für all jene aber, die die ICEs der Repu­blik zu mei­den ver­su­chen oder mei­den müs­sen, stellt sich zunächst eine andere Frage: Ich denke, das weiß ich; also geh ich, denn das muss ich: Doch wohin?

Was bleibt

Ehr­li­cher­weise wird wohl auch Hübl fest­stel­len, dass ein Den­ken auf Schie­nen keine Zukunft hat, fehlt doch allein der Platz, die deut­sche For­schungs­szene dau­er­haft zu beher­ber­gen. Was sei­nen Kom­men­tar so wert­voll und dis­kus­si­ons­wür­dig macht, ist der Bruch zwi­schen Gesell­schaft und Uni­ver­si­tät, den er offen­bart. Ein Bruch der gerade dort, wo Wis­sen­schaft­ler und Bür­ger zur oft beid­sei­ti­gen Freude auf­ein­an­der­tref­fen, so offen­sicht­lich wird.

Die Uni­ver­si­tät hin­ge­gen hat sich von ihrem Ursprung und ers­tem Gegen­stand ihrer Unter­su­chung ent­frem­det. Eine Wis­sen­schaft, die wah­res Wis­sen schaf­fen möchte, bedarf es eines neuen Huma­nis­mus. Sie muss genau dor­th­hin zurück­keh­ren, wor­aus sie erwach­sen ist: in die Öffent­lich­keit. Der Aka­de­mi­ker muss bereit sein, zu gehen. Er allein trägt die Ver­ant­wor­tung, die Frage des wie und wohin für sich zu beant­wor­ten und sei­nen Platz nicht nur im Inhalts­ver­zeich­nis wis­sen­schaft­li­cher Publi­ka­tio­nen, son­dern auch in der Mitte der Gesell­schaft zu behaup­ten.


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