Wolfgang Herrndorf, Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman (Berlin: Rowohlt, 2014).

Buch der Woche vom 15. Juli 2017

Isa läuft weg. Wovor? Wohin? Die Jugendliche wandert nachts durch Wälder, kommt durch Dörfer, fährt auf einem Containerschiff und in einem LKW mit. Wir erleben mit ihr Momente, Vorher und Nachher spielen dabei keine Rolle. Deshalb könnte man die 33 Szenen im Grunde in beliebiger Reihenfolge lesen. Einige sind landschaftsmalerisch, so poetisch blickt Isa auf die Schönheit der Natur. Andere enthalten Dialoge in salopper Jugendsprache.
Oft sind Isas Schilderungen bizarr, vieles bleibt verschleiert. Hat der Kapitän des Containerschiffs wirklich eine Bank ausgeraubt? Was macht die Frau ohne Gesichtszüge mit ihrer Hand zwischen Isas Schenkeln? Dieses Mädchen, das da barfuss durch Wälder und Wiesen läuft, ist in der Literaturwelt keine Unbekannte. Sie taucht in Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman »Tschick« auf, als sie den zwei jugendlichen Hauptfiguren auf einer Müllhalde begegnet. Etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung von Tschick erwähnte Herrndorf in seinem Blog »Arbeit und Struktur« erstmals die Idee, eine Fortsetzung aus der Perspektive von Isa zu schreiben. Was aus dieser Idee entstanden ist, sind Szenen einer Wanderschaft. Sie sind keine Fortsetzung, sondern bilden etwas geschlossenes Eigenes, das voller Lücken ist. In seinem Testament vom 1. Juli 2013 schreibt Herrndorf: »Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen.« Wenig später zeigte er sich doch bereit, Isas Geschichte zu veröffentlichen. »Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman« ist im Herbst 2014 ein Jahr nach dem Tod des Autors erschienen. (Eva Morlang)

Claudio Magris, Ein Nilpferd in Lund: Reisebilder (München: Hanser, 2009).

Buch der Woche vom 08. Juli 2017

Claudio Magris ist ein Nomade und er ist es nicht. Er ist als renommierter Literaturwissenschaftler in Italien etabliert und zugleich als Triester Kaffeehausliterat ein wahrhaft italienischer Denker. Zugleich ist der Nomade Magris in der Literatur und durch die Literatur immer unterwegs – stets entlang von Gattungsgrenzen, immer entlang sozialer oder natürlicher Grenzen. Für Letztere etwa in seiner berühmt gewordenen Biografie der Donau.
Dass daher seinem Werk die Reiseliteratur wesentlich ist, scheint deshalb nur folgerichtig. In Nilpferd in Lund erinnert er zuweilen an Roger Willemsens Enden der Welt, so wirkungsvoll erhellt sein Intellekt alles, worauf er sich richtet. In dem bei weitem vielseitigsten Essay, seinem Vorwort, schreibt Magris gleich zu Beginn: »Vorworte sind immer verdächtig. Als Schnickschnack, wenn das Buch, das sie einleiten, sie nicht nötig hat, oder als Indiz für seine Unzulänglichkeit«. Gegen beides schreibt Magris an.
Besonders eindrücklich gelingt es ihm auf den zwei Seiten, die mit dem Titel »Der Bücherwurm« überschrieben sind. Dort schildert er, wie sich während des spanischen Bürgerkriegs in den einsturzgefährdeten Sälen der Madrider Nationalbibliothek ein Geflüchteter zwischen den Bücherwänden versteckte. Nur selten tat er sich hervor, »um sich Nahrung zu verschaffen«, und kehrte anschließend wieder in die Bibliothek zurück. Was mag der Mann für ein Verhältnis zu den Büchern entwickelt haben? Waren sie bloß funktional für ihn, weil sie ihn verbargen? Oder wurden sie schließlich essenziell, weil er in der Literatur zu leben verstand?
Diese Fragen stellt Magris, aber er verspricht keine Antwort. Wer Magris liest, ist, wie der Reisende selbst, unterwegs zu einem Geheimnis. (Konstantin Schönfelder)

Michael Fehr​, Glanz und Schatten: Erzählungen (Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2017).

Buch der Woche vom 01. Juli 2017

In Fehrs neuem Buch sind 18 Erzählungen versammelt und jede davon hat es in sich. Schon der erste Blick auf die Form verrät: dies ist keine gewöhnliche Prosa. Durch ständige Zeilenbrüche brechen Zeilen wortwörtlich weg, werden zu Versen. Satzzeichen sind Mangelware. Dafür werden die Texte von einer faszinierenden Rhythmik getragen, die bei jedem Mitlesen zum Mitsprechen verleitet. Ganz zufällig kommt diese Besonderheit nicht zustande. Der Schweizer Michael Fehr, Jahrgang 1982, ist seit seiner Geburt sehbehindert, weshalb er seine Schriftstücke nicht niederschreibt – sondern diktiert. Manchmal inszeniert er Texte singend auf der Bühne.
Die Längen der einzelnen Miniatur-Erzählungen variieren, manche nehmen nur eine Seite, andere dagegen knapp 20 ein. Bei allen Miniaturen aber entsteht der Eindruck, es handelt sich um Gedichte. Gedichte, in denen es nur so wimmelt von skurrilen, unheimlichen, märchenhaften Gestalten und nicht zuletzt von morbidem Witz. So etwa, wenn in einem der bekanntesten Stücke erklärt wird, wie man ein Rebhuhn sachgemäß auseinanderzunehmen hat. (Simon Böhm)

.Ein literarischer Raum