Mathias Énard, Kompass (München: Hanser, 2016)

Buch der Woche vom 27.08.2017

Aus Énards Dankesrede, die er zur Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung hält, stammt die abgründige Metapher: »Es scheint so, als hätten die politischen Kommentatoren dieser Tage vergessen, wer Europa war. Und was Europa bedeutet. Europa war eine libanesische Prinzessin, die an einem Strand bei Sidon von einem Gott des Nordens entführt wurde, der sie begehrte: Zeus. […] Europa ist eine illegale Einwanderin, eine Ausländerin, eine Kriegsbeute.«
Mit diesem nuancierenden, zeitkritischen Blick schreibt Énard auch seinen Kompass. Er will nicht zeigen, was der Orient und was der Okzident »sind«, sondern wo die Schnittmengen liegen, wie sich der Orient in der europäischen Kultur vermittelt hat und noch immer vermittelt (»Ganz Europa ist im Orient. Alles ist kosmopolitisch«). Er will also Nähe herstellen zwischen den beiden Welten, die so viel miteinander gemein haben. Deshalb schreibt er von Liszt in Istanbul, von Goethes Divan, von der klanglichen Schönheit der schlichten Wüste in Le Désert von Félicien David. Der Roman ist dadurch, man spürt es schon, ein intellektuelles Schwergewicht, das den Leser leicht erschöpft. Genauso wie der Protagonist, der Musikwissenschaftler Franz Ritter, so erschöpft ist von seinem Leben und der Tatsache, dass er nicht schlafen kann. Das Buch ereignet sich dann in dieser ermattenden, immer länger werdenden Nacht, in der Franz Ritter, neben seiner sentimentalen Liebe für den Orient, von einer Liebesgeschichte erzählt. So ist, wer bis an das Ende dieses Buches gelangt ist, erhellt und ergriffen. Die Liebesgeschichte von Franz und Sara erinnert an die von Paul (Celan) und Ingeborg (Bachmann), die vor allem schriftlich ist. Verbrieft. Beide sehen sich nacheinander und stoßen sich voneinander ab; wollen zusammengehören und trennen sich voneinander; inspirieren einander und sind doch die großen Teile ihres Lebens nur im Schweigen verbunden. Und wäre das nicht auch eine Allegorie für das Verhältnis von Orient und Okzident? (Konstantin Schönfelder)

 

W. G. Sebald, Austerlitz (München: Hanser, 2001).

Buch der Woche vom 12.08.2017

Ein Blick auf dieses Buch müsste, wollte man ihm gerecht werden, mit einer Auslassung all dessen beginnen, was nach den ersten Seiten steht, denn sein »belgischer« Anfang birgt ein schweres Geheimnis, das zu lüften schnell einer unschicklichen Replik gleichkommt. So bleibt man, möchte man über Austerlitz’ Geschichte sprechen, dem Zwischenzeiligen verhaftet. Umliest, so wie Sebald gerne schrieb, ›elliptisch‹ die Frage, was es bedeutet, aus dem Rucksack zu leben. Denn Austerlitz ist die Geschichte eines Heimatlosen. Es ist die Geschichte der nicht mehr und nie wieder Heimischen in einer Welt nach dem »großen Unglück«, der Shoah. Auch wenn unsere Begegnung mit Austerlitz im Antwerpen der 60er Jahre beginnt, reicht Sebalds Erzählung weiter zurück. Durch die Augen eines mehr und mehr Freundes, der der Protagonist ist, breitet er behutsam die brüchigen Sedimente eines Mannes aus, der in den Kriegswirren als jüdisches Kind aus der Tschechoslowakei nach England kam, Englishman wurde und seinen Lebensausblick scheinbar gemeinsam mit seiner Erinnerung verlor.
Unter dem Eindruck der BBC-Produktion »Whatever Happened to Susi« (1991), die sich der Suche der Kinder aus den Kindertransporten nach ihrer Herkunft widmet, hat Sebald ein Buch geschrieben, dessen Geschichte sich liest wie ein nicht enden wollender Herbst. Austerlitz ist nicht nur ein historischer Roman, weil seine Substanz die Geschichte selbst ist, sondern weil sich alles in ihm retrospektiv ereignet. Erst langsam erinnert sich Austerlitz gemeinsam mit uns, was bis dahin nur eine einsame Vorvergangenheit war. Je mehr wir mit ihm zu den Orten seines Anfangs vordringen, desto weiter gehen wir in seinen Erinnerungen zurück. Wir lesen vom Schicksal seiner Mutter, die in der Maschinerie der totalen Vernichtung zerrieben wurde und trotzdem bis zuletzt hoffen konnte (nur noch einmal im Park gehen wie zu besseren Zeiten). Wir lesen von Austerlitz’ Reise nach Deutschland, in dieses unverstandene Land, das zu kennen nur Schmerz bereitet. Und spät beginnen wir zu begreifen, dass die Struktur dieses Buches der Abdruck unzähliger haltloser Lebens ist. Die Absätze sind verlorengegangen wie die der Schuhe, die zu viel ertragen mussten, die Sätze strecken sich über ermüdend viele Zeilen, die wie zufällig dazwischenstehenden, zu oft betrachteten Fotografien sind längst vergilbt. Wie Austerlitz musste auch mein Großvater gehen, der Faden zur Heimat riss ab und die kommenden Jahre wurden blass. Lange lebte er aus seinem ledernen Koffer, der anfangs noch bis oben hin mit erhärteten Lebkuchen gefüllt war. Es waren die Jahre »danach« und jeder Ankömmling schürte, wohin er auch ging, den Hunger der Anderen. Die Heimat Austerlitz’ und die meines Großvaters gingen verloren, ein Rucksack und ein lederner Koffer blieben. (Holm-Uwe Burgemann​)

 

Christopher Hitchens, Letters to a Young Contrarian (New York: Basic Books, 2001).

Buch der Woche vom 29.07.2017

Rilke antwortet in »Briefe an einen jungen Dichter« an den angehenden Poeten Franz Xaver Kappus nur, um zuzugestehen, dass er nicht entscheiden kann, ob der junge Franz das Zeug zum Dichter hat oder nicht. In diesem Tenor wendet sich auch Christopher Hitchens in seinem Brief an die jungen »Contrarians«, angelehnt an Rilkes Briefe. Eine Anleitung zum Widerstand gibt es nicht. Hitchens will eine Denkhaltung etablieren, keine Meinungen. Der britisch-US-amerikanische Intellektuelle schreibt eigentlich keinen Brief. Es ist ein Essay. Es ist ein virtouser und quellenreicher Versuch, jungen Menschen in ihrer Leidenschaftlichkeit zu helfen, aus der sich ein Denken entfalten kann. Dafür installiert Hitchens verschiedene Denkfiguren: Licht entsteht nie ohne ihren Abfall ›Wärme‹, ein interessanter Gedanke kommt also nie ohne Reibungsverluste aus; es ist unerheblich, womit man sich beschäftigt, es zählt, »wie« man es tut. Oder Hitchens bemüht Vaclar Havels »as if-principle«: Wir müssen so leben, im Beispiel von Rosa Parks, als dürfte eine hart arbeitende dunkelhäutige Frau sich am Ende ihres Arbeitstages in den Bus setzen. Wir müssen so leben, als ob Gerechtigkeit möglich wäre, um sinnvoll Widerstand zu leisten.
Hitchens zu lesen, heißt immer auch seine Lektüren mitzulesen – er zitiert und verweist stets auf seine Autoren und Heldinnen (»to lighten my text and make use of those who can express my thoughts better than I am able to«). Vielleicht ist das Großartige dabei vor allem, dass er immer wieder aus den geistigen Rändern schöpft. Etwa vom ungarischen Schriftsteller George Konrad übernimmt er den klugen Satz, der sich dann wirklich als eine Lebensmaxime eignet: »Have a lived life instead of a career. Put yourself in the safekeeping of good taste. Lived freedom will compensate you for a few losses. . . . If you don’t like the style of others, cultivate your own. Get to know the tricks of reproduction, be a self-publisher even in conversation, and then the joy of working can fill your days.« Ein unerreichter »self-publisher in conversation« war auch Hitchens. Ausgerechnet er, das rhetorische Genie, verstummte zehn Jahre später an Kehlkopfkrebs. (Konstantin Schönfelder​)

 

Gloria Anzaldúa, Borderlands/La Frontera: The New Mestiza (San Fransisco: Aunt Lute Books, 1987).

Buch der Woche vom 22. Juli 2017

Eine Grenze ist keine Linie, die wir einfach übertreten. Manche bleiben an ihr hängen und andere müssen in ihr leben. Was das bedeutet, beschreibt Gloria Anzaldúa, deren eigene Geschichte bis heute die Geschichte der Menschen im US-mexikanischen Grenzland ist. Borderlands/La Frontera ist Chicana-Literatur, gewidmet »a todos mexicanos on both sides of the border«.
In Mexiko, so sagt man, entsteht aus Armut Poesie und aus Leid entstehen Lieder. Anzaldúas Buch handelt von ihrer Heimat, ihrer Kindheit im Süden Texas’ und den verwackelten Identitäten, die von der Allmacht eines kolonialistischen Amerikas für immer gezeichnet sind. Lyrisch, autobiografisch und bisweilen auf Spanisch bereitet Anzaldúa den Weg zu einer neuen Mestiza, einer mexikanisch-amerikanischen Kultur, die sich letztlich aus der historischen Unterdrückung befreien wird. Ihre sieben Essays und die über das ganze Buch verstreuten Gedichte beschreiben, wie sich Grenzen in die Psyche der Menschen ausdehnen, die sie bewohnen. Sie handeln vom Widerstand der Unterdrückten an einem Ort, »an dem sich die Dritte Welt an der Ersten reibt und blutet«, wie Anzaldúa schildert. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass so eindringlich und eindrücklich ist wie dieses und vielleicht ist eine solche existenzielle Wucht überhaupt nur möglich, wenn wahres Leid zugrunde liegt.
Borderlands/La Frontera ist längst auch eine Ikone der postkolonialen Theorie geworden. Im Mai 2004 stirbt Anzaldúa an ihrer Diabetes-Erkrankung. Im Jahr 2012, ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten Erscheinen, wurde ihr Buch vorsorglich aus den öffentlichen Schulen Arizonas verbannt – zum Schutz von Minderheiten, heißt es. This was her home / this thin edge of / barbwire. (Holm-Uwe Burgemann)

Wolfgang Herrndorf, Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman (Berlin: Rowohlt, 2014).

Buch der Woche vom 15. Juli 2017

Isa läuft weg. Wovor? Wohin? Die Jugendliche wandert nachts durch Wälder, kommt durch Dörfer, fährt auf einem Containerschiff und in einem LKW mit. Wir erleben mit ihr Momente, Vorher und Nachher spielen dabei keine Rolle. Deshalb könnte man die 33 Szenen im Grunde in beliebiger Reihenfolge lesen. Einige sind landschaftsmalerisch, so poetisch blickt Isa auf die Schönheit der Natur. Andere enthalten Dialoge in salopper Jugendsprache.
Oft sind Isas Schilderungen bizarr, vieles bleibt verschleiert. Hat der Kapitän des Containerschiffs wirklich eine Bank ausgeraubt? Was macht die Frau ohne Gesichtszüge mit ihrer Hand zwischen Isas Schenkeln? Dieses Mädchen, das da barfuss durch Wälder und Wiesen läuft, ist in der Literaturwelt keine Unbekannte. Sie taucht in Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman »Tschick« auf, als sie den zwei jugendlichen Hauptfiguren auf einer Müllhalde begegnet. Etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung von Tschick erwähnte Herrndorf in seinem Blog »Arbeit und Struktur« erstmals die Idee, eine Fortsetzung aus der Perspektive von Isa zu schreiben. Was aus dieser Idee entstanden ist, sind Szenen einer Wanderschaft. Sie sind keine Fortsetzung, sondern bilden etwas geschlossenes Eigenes, das voller Lücken ist. In seinem Testament vom 1. Juli 2013 schreibt Herrndorf: »Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen.« Wenig später zeigte er sich doch bereit, Isas Geschichte zu veröffentlichen. »Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman« ist im Herbst 2014 ein Jahr nach dem Tod des Autors erschienen. (Eva Morlang)

Claudio Magris, Ein Nilpferd in Lund: Reisebilder (München: Hanser, 2009).

Buch der Woche vom 08. Juli 2017

Claudio Magris ist ein Nomade und er ist es nicht. Er ist als renommierter Literaturwissenschaftler in Italien etabliert und zugleich als Triester Kaffeehausliterat ein wahrhaft italienischer Denker. Zugleich ist der Nomade Magris in der Literatur und durch die Literatur immer unterwegs – stets entlang von Gattungsgrenzen, immer entlang sozialer oder natürlicher Grenzen. Für Letztere etwa in seiner berühmt gewordenen Biografie der Donau.
Dass daher seinem Werk die Reiseliteratur wesentlich ist, scheint deshalb nur folgerichtig. In Nilpferd in Lund erinnert er zuweilen an Roger Willemsens Enden der Welt, so wirkungsvoll erhellt sein Intellekt alles, worauf er sich richtet. In dem bei weitem vielseitigsten Essay, seinem Vorwort, schreibt Magris gleich zu Beginn: »Vorworte sind immer verdächtig. Als Schnickschnack, wenn das Buch, das sie einleiten, sie nicht nötig hat, oder als Indiz für seine Unzulänglichkeit«. Gegen beides schreibt Magris an.
Besonders eindrücklich gelingt es ihm auf den zwei Seiten, die mit dem Titel »Der Bücherwurm« überschrieben sind. Dort schildert er, wie sich während des spanischen Bürgerkriegs in den einsturzgefährdeten Sälen der Madrider Nationalbibliothek ein Geflüchteter zwischen den Bücherwänden versteckte. Nur selten tat er sich hervor, »um sich Nahrung zu verschaffen«, und kehrte anschließend wieder in die Bibliothek zurück. Was mag der Mann für ein Verhältnis zu den Büchern entwickelt haben? Waren sie bloß funktional für ihn, weil sie ihn verbargen? Oder wurden sie schließlich essenziell, weil er in der Literatur zu leben verstand?
Diese Fragen stellt Magris, aber er verspricht keine Antwort. Wer Magris liest, ist, wie der Reisende selbst, unterwegs zu einem Geheimnis. (Konstantin Schönfelder)

Michael Fehr​, Glanz und Schatten: Erzählungen (Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2017).

Buch der Woche vom 01. Juli 2017

In Fehrs neuem Buch sind 18 Erzählungen versammelt und jede davon hat es in sich. Schon der erste Blick auf die Form verrät: dies ist keine gewöhnliche Prosa. Durch ständige Zeilenbrüche brechen Zeilen wortwörtlich weg, werden zu Versen. Satzzeichen sind Mangelware. Dafür werden die Texte von einer faszinierenden Rhythmik getragen, die bei jedem Mitlesen zum Mitsprechen verleitet. Ganz zufällig kommt diese Besonderheit nicht zustande. Der Schweizer Michael Fehr, Jahrgang 1982, ist seit seiner Geburt sehbehindert, weshalb er seine Schriftstücke nicht niederschreibt – sondern diktiert. Manchmal inszeniert er Texte singend auf der Bühne.
Die Längen der einzelnen Miniatur-Erzählungen variieren, manche nehmen nur eine Seite, andere dagegen knapp 20 ein. Bei allen Miniaturen aber entsteht der Eindruck, es handelt sich um Gedichte. Gedichte, in denen es nur so wimmelt von skurrilen, unheimlichen, märchenhaften Gestalten und nicht zuletzt von morbidem Witz. So etwa, wenn in einem der bekanntesten Stücke erklärt wird, wie man ein Rebhuhn sachgemäß auseinanderzunehmen hat. (Simon Böhm)

.Ein literarischer Raum