veröffentlicht am 31. Mai 2016 von prpstn
in : kommentiert

Gedanken über neurotische Entschiedenheit

Anmerkung: Beiträge der »Kommentiert«-Reihe spiegeln das tiefe Unbehagen des Autors wieder. Sie sind polemisch, selten ausgewogen, immer streitbar und wollen doch Genauigkeit herstellen. Jegliches Unverständnis, das den Leser überkommt, darf als Kommentar zu Protokoll gegeben werden. Das verlangt die Betroffenheit des Lesers und freut den Verfasser. 

„Auschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthaus steht und denkt: Es sind ja nur Tiere.“ – Theodor W. Adorno

Hass ist ein Ausschlussgefühl, denn dort wo er ist, wird er soziale Bindungen kappen und schließlich durch einen emotionalen Maschendrahtzaun ersetzen, der das andere von dem, der da hasst, abgrenzen wird. So ist Hass ein Mittel künstlicher Distanzierung. Künstlich, weil der Hass nichts ist, was sein muss; immer ist er kontingent, denn nie ist er notwendig für uns – bis er gewollt wird.
Wo wir zu Anbeginn dieses Jahrtausends in ein Zeitalter des Sich-infrage-stellens taumeln, weil jene die uns fremd sind in ungeahntem Ausmaß in unser „Wir“ eindringen werden, wird der Hass als Fremdenhass zum alltäglichsten Verdacht. Wir sprechen von ihm in einem Sinne, den wir leicht verstehen können: Wir hassen den anderen, weil dieser uns fremd ist; was oft nicht mehr meint, als das er anders lebt als wir es tun. Das Fremde ist immer unbekannt. Das ist tautologisch, aber wichtig.
Im Angesicht des Fremden wird unsere Unkenntnis zum Kriterium einer Verweigerung. Individualgeschichtlich geben wir uns damit seit jeher einem unserer urzeitlichen Triebe hin: Die Angst vor dem, was wir nicht verstehen. Wir kennen die Erzählungen vom Kind, das sich – aufgewachsen fernab von der Vielfalt der Städte – hinter der Mutter verbirgt, als es den schwarzen Mann zum ersten Mal erblickt; und erst sein Versteck aufgibt, als die Mutter beschwört, dass er auch nicht anders als wir ist. Doch glaubt es das? Der Eindruck vom Fremden gräbt sich tief in das kindliche Weltbild und der, der uns nicht gleicht, bleibt meist auch dann noch fremd, wenn wir im Zuge unserer Entwicklung längst jene gesellschaftliche Toleranz erlernt haben, die einen weltoffenen Menschen beschreibt.
Wir hassen erst, was wir in seiner Existenz mit uns und unserer Existenz, mit dem, was wir sind, glauben oder sein wollen als in einem scheinbar unauflösbaren Widerspruch stehend begreifen: „Du bist mir fremd,“ sagen wir zu dem anderen und entmachten ihn zugleich. Er kann sich nicht wehren, muss unser Urteil über sich ergehen lassen. Das können wir, weil Hass persönlich ist – gebunden an Einzelne. Er ist, was man einen Omnibusbegriff nennt, denn immer kommt es darauf an, wer mitfährt und wohin, wer hasst und warum. Hass ist eine Interpretationsleistung, denn nicht wir, sondern die, die sich zu ihm entschließen, bestimmen, wer unter ihm leidet. Wenn auch die Ursache des Hasses tatsächlich im Anderen liegen mag; seine Gründe kennt allein der Hassende.
Der Hass ist nicht mehr als der Ausschlag, der sich auf der Oberfläche einer Gesellschaft bildet und auf einen tiefergehenden, weiterreichenden menschlichen Makel verweist: Das Unbekannte überfordert, denn es bricht mit dem Weltbild seines Betrachters bis auch er zu zerbrechen droht. Es verlangt nach Veränderung, Anpassung, Aufgabe – und damit eine Entscheidung für das Ungewisse. Der, der sich aber dem Hass verspricht, verneint das Mögliche. Er wählt das Dogma, möchte Vertrautheit mit Stillstand erkaufen. Der Hassende sieht immer nur eine Miniatur der Situation, die verdreht und verzerrt nie zeigt, was ist und doch gut genug ist – zumindest für ihn.

Wenn Adorno nun schreibt, dass in eben jenem Moment, in welchem der teilnahmslose Blick des Betrachters, der nicht mehr versteht, was er sieht, ins Schlachthaus fällt und er das, was er zu sehen glaubt, als wahrhaftig unausweichlich verkennt – etwas als „nur das“ bezeichnet, denn wie könnte es auch Anderes sein – beginnt Ausschwitz. Der Betrachter dann würde sich, könnte er nur dem Blick auf sich selbst standhalten, von sich selbst distanzieren. Niemals möchte er mit jener Unmenschlichkeit in Verbindung gebracht werden, durch welche mit den Ausgeschlossenes Europas auch die Hoffnung in die Menschheit verbrannt ist. Aber er kann es nicht, er ist träge geworden. Was Adorno meint, ist, was ich neurotische Entschiedenheit nenne. Ein menschlicher Verfallszustand, in dem unserer unverständlichen Welt eine unmissverständliche Bedeutung gegeben werden soll. Der neurotisch Entschiedene ist einer, der sich im Irrgarten wiederkehrender Unentscheidbarkeit verlaufen hat. Es ist das Unbekannte, dem er sich ausgeliefert sieht; das er fürchtet, weil es ihm jegliche Grundlage für eine unverfängliche Entscheidung entzieht.

Horkheimer und Adorno schreiben in ihrer Dialektik der Aufklärung, dass der Mensch nur erträgt, was er versteht. Wo er scheitert, wählt er den Mythos, die vermeintliche Erklärung und es ist die Neurose, die seine Entschiedenheit zementiert. Nur sie lässt ihn weiterleben. Sie ist eine Krankheit – aber keine eklatante, keine offensichtliche psychische Störung. Sie ist die Krümmung innerhalb von Gesellschaften, die doch eigentlich aufgeklärt sein wollen. Eine Falte, die die Lebenswelt des Erkrankten verformt, ihn kennzeichnet als einen der glaubt, dass ein Leben ohne Gewissheit, ein Leben ohne Zukunft meint. Und dann steht er, der nur einer unter vielen ist, im Schlachthaus und blickt auf die Tiere, die leiden. Er ist mit ihnen auf Augenhöhe und doch blickt er auf sie herab. Die Neurose hat ihn gezeichnet. Das, was man ihm als Vernunft zuschreiben möchte, ist lange verdorrt. Wie eine Blume, die aufgegeben hat, sich der Sonne entgegenzustrecken, weil sie der Trockenheit der Wüste nicht standhalten wird.
Er ist ein Mensch, wie wir welche sind und doch ist er anders. Die Fragen, die er stellt, sind pro forma, sie sind nur Hülle,  ein Objekt das nur noch Form und nicht mehr Inhalt ist. Er ist bereits entschieden und er ist es gern. Seine Wahrheit liegt in der Gangbarkeit der Situation. Er ist Voluntarist: Wahr ist, was er will.

 


Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (Frankfurt am Main: Fischer, [1947] 2003). Hier.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

.Ein literarischer Raum