veröffentlicht am 26. September 2016 von prpstn
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Effek­ti­ver Altru­is­mus

Zwi­schen Unfrei­heit und dem wahr­lich Guten

von MATTHIAS SCHERR

GASTBEITRAGWie sol­len jene hel­fen, die sich vor­ge­nom­men haben, selbst­los die Welt zu ver­bes­sern? Mit die­ser Frage wol­len Effek­tive Altru­is­ten das mora­li­sch Rich­tige, glaubt unser Autor. Doch dabei ver­nach­läs­si­gen sie Qua­li­tä­ten jen­seits des Codier­ba­ren. Junge Bewe­gun­gen bewei­sen sich im Gegen­wind. Unser Autor bezwei­felt, dass er mit den Effek­ti­ven Altru­is­ten im glei­chen Boot sitzt. Eine Annä­he­rung.


MODELL

Einen Arti­kel über die Lehre des Effek­ti­ven Altru­is­mus zu ver­fas­sen wider­spricht ihm bereits. Das resul­tiert nicht etwa aus einer dem Effek­ti­ven Altru­is­mus eigen­tüm­li­chen Aver­sion gegen­über Selbst­kri­tik, son­dern ergibt sich viel­mehr aus dem kon­se­quen­tem Befol­gen sei­ner Leit­li­nien. Das Ver­fas­sen von Tex­ten ist mit Zeit ver­bun­den. Eine Zeit, die effek­ti­ver ein­ge­setzt wer­den könnte – zum Bei­spiel mit dem Ret­ten von Men­schen­le­ben.
Der Effek­tive Altru­is­mus beschreibt eine von Peter Sin­ger, einem zeit­ge­nös­si­schen Uti­li­ta­ris­ten, ange­sto­ßene Phi­lo­so­phie, die dazu anregt eigene Hand­lun­gen und Lebens­ent­würfe so zu ver­än­dern, dass durch diese die größt­mög­li­che Anzahl an Men­schen­le­ben geret­tet wer­den kön­nen. Ein Vor­ha­ben von höchs­tem Edel­mut, das nach der Logik des Effek­ti­ven Altru­is­mus jedoch nicht bedeu­tet, medi­zi­ni­sche Berufe erstre­ben oder in Ent­wick­lungs­län­dern Reis ver­tei­len zu müs­sen. Es ist eine weit­aus wirk­mäch­ti­gere Spiel­art des soge­nann­ten klas­si­schen Uti­li­ta­ris­mus: Eine Ethik, die mora­li­schen Men­schen nahe legt, ihre Zeit und ihr Han­deln so effek­tiv wie mög­lich ein­zu­set­zen. Effek­tiv meint, nach Maß­gabe von Wahr­schein­lich­keits­rech­nung und Kau­sa­li­tät zu han­deln. Kon­kret bedeu­tet das bei­spiels­weise, eine Kar­riere in der Finanz­bran­che gegen­über allen ande­ren beruf­li­chen Wegen vor­zu­zie­hen und das ungleich mehr erwor­bene Geld an Orga­ni­sa­tio­nen zu spen­den, die sehr wahr­schein­lich viele Men­schen­le­ben ret­ten und die­sem Ansatz fol­gend zum Bei­spiel Moskito-Netze groß­flä­chig ver­tei­len. Sollte der Leser jetzt eine ver­fei­nerte, ja im Lichte eines glo­ba­len Bewusst­seins aktua­li­sierte Methode Robin Hoods asso­zi­ie­ren, so ist dies grund­sätz­lich rich­tig. Es ver­nach­läs­sigt aber gleich­sam meh­rere dem Effek­ti­ven Altru­is­mus anhaf­tende Pro­bleme. 

Zwei nach­drück­li­chere Bei­spiele las­sen diese vor­aus­ah­nen: Die im ZEIT-Artikel »Die Bes­ser­hel­fer« vor­ge­stellte Effek­tive Altru­is­tin Sara wech­selte etwa von dem von ihr lei­den­schaft­lich ver­folg­ten Stu­dium der Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten zur Mathe­ma­tik. Einem Fach, wel­ches im Erwar­tungs­wert weit­aus höhere Ein­nah­men ver­spricht. Ein­nah­men, die für Spen­den und damit letzt­lich für den Erhalt von Men­schen­le­ben ver­wen­det wer­den kön­nen.
Ein radi­ka­le­rer Hand­lungs­um­schwung, aber eine nach dem Effek­ti­ven Altru­is­mus in sich kon­sis­tente Hal­tung, ist der Ver­zicht auf eigene Kin­der. Durch die durch Kin­der­lo­sig­keit ein­ge­spar­ten Gelder kann vie­len Kin­dern an ande­ren Orten der Welt ein bes­se­res Leben ermög­licht wer­den. Diese Logik erst ein­mal ver­in­ner­licht, befin­det sich der über­zeugte Anhän­ger stets in einem Oppor­tu­ni­täts­le­ben, dem ethi­schen Äqui­va­lent zu öko­no­mi­schen Oppor­tu­ni­täts­kos­ten: Wie­viel Heil könnte ent­ste­hen, sollte ich anders han­deln als ich handle?
Selbst­evi­dent ist dabei, dass die gewich­tigs­ten Lebens­ent­schei­dun­gen über Fami­lie und Kar­riere auch den gewich­tigs­ten Oppor­tu­nit­äs­as­pekt bedeu­ten. So erklimmt der­je­nige auf der mora­li­schen Hier­ar­chie die höchste Stufe, der die meis­ten Men­schen ret­tet und damit womög­lich ver­bun­dene Ent­beh­run­gen in Kauf nimmt. 
Im Den­ken mora­li­scher Hier­ar­chien ist der Effek­tive Altru­is­mus bereits sei­ner Exis­tenz wegen ver­haf­tet. Er for­dert ja gerade von einem Effek­ti­ven Altru­is­ten der Ebene 0 mit einem effi­zi­en­te­ren Lebens­ent­wurf die Ebene 1 zu errei­chen. Ein Novum besteht dabei in der Mess­bar­keit die­ses eige­nen mora­li­schen Werts. In Abgren­zung zur qua­li­ta­ti­ven Beschrei­bung des Mora­li­schen durch andere geis­ti­gen Strö­mun­gen, wie etwa dem Chris­ten­tum, ver­sucht der Effek­tive Altru­is­mus Moral zu quan­ti­fi­zie­ren und in mess­bare Grö­ßen ein­zu­zwän­gen. Ein Umstand, der zu Aus­gren­zung und Brand­mar­kung füh­ren kann, da erklär­ter Moral-Messwert im Ver­dacht steht,mit dem Wert des betrach­te­ten Men­schen an sich ein­her­zu­ge­hen. Wer die effektiv-altruistischen Lebens­weise negiert, läuft Gefahr mora­li­sch abge­wer­tet zu wer­den. Impli­zite Annahme dabei ist aber, dass das mora­li­sche Level des han­deln­den Men­schen Rück­schlüsse auf sei­nen Wert zulässt. Vor dem Hin­ter­grund, dass Effek­tive Altru­is­ten den Wert eines Men­schen ja gerade los­ge­löst von sons­ti­gen Ein­fluss­fak­to­ren, wie zum Bei­spiel Ver­wandt­schafts­be­zie­hung, geo­gra­fi­scher Lage, Natio­na­li­tät oder welt­an­schau­li­cher Über­zeu­gung betrach­ten, ist das eine trü­ge­ri­sche Annahme. Rich­tig hin­ge­gen ist die These, dass durch die­sen mora­li­schen Wert den Hand­lun­gen einer Per­son(!) ein Wert bei­ge­mes­sen wird, nicht aber dem jewei­li­gen Men­schen. Des­sen Wert ist unver­äu­ßer­lich. Im Lichte höchs­ter Güter wie dem Leben sind Hand­lun­gen, die direkt oder indi­rekt diese Güter schüt­zen, erstre­bens­wert und daher wert­voll. Je effek­ti­ver diese Hand­lun­gen sind, umso wert­vol­ler sind sie; sofern sie nicht gegen die Frei­heit ande­rer oder die eigene Frei­heit ver­sto­ßen. Letz­te­res wird ins­be­son­dere beim beschrie­be­nen Stu­di­en­gang­wech­sel deut­lich: Die bei­den Güter ›per­sön­li­che Frei­heit‹ und ›Lebens­ret­tung Ande­rer‹ wer­den gegen­ein­an­der abge­wo­gen.

KRITIK

Die erste Pro­ble­ma­tik besteht dabei darin, dass der Effek­tive Altru­is­mus sug­ge­riert, dass es die­ses Gegen­ein­an­der geben muss. Das ist aber nicht der Fall. Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven wie Freier Han­del, Ent­wick­lungs­hilfe, tech­ni­scher Fort­schritt, ver­nünf­tige poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen oder Sys­tem­wech­sel kön­nen min­des­tens ebenso zum Ret­ten von Leben bei­tra­gen. Ins­be­son­dere die bei­den letzt­ge­nann­ten beein­flus­sen auch die Effek­ti­vi­tät des Effek­ti­ven Altru­is­mus. Selbst­re­dend emp­fiehlt der Effek­tive Altru­is­mus auch Hand­lun­gen oder Berufe zu erstre­ben, die einen etwai­gen Politik- oder Sys­tem­wech­sel bewir­ken kön­nen. Von einem objek­ti­ven Stand­punkt aus – dem metho­di­schen Ideal des Effek­ti­ven Altru­is­mus – betrach­tet, ist es jedoch äußerst unwahr­schein­lich zu einer poli­ti­schen Figur mit Macht zur Ver­än­de­rung auf­zu­stei­gen. Es folgt, dass die Wahl klas­si­scher Berufe effek­ti­ver ist als ein Leben als Poli­ti­ker. Um der Effek­ti­vi­tät Wil­len ent­reißt sich der revo­lu­tio­när anmu­tende Effek­tive Altru­is­mus sein revo­lu­tio­nä­res Poten­zial. Er kann im Sys­tem funk­tio­nie­ren, es jedoch nicht funk­tio­nal ver­än­dern.

Die zweite und wohl größte Kon­tro­verse liegt in der poten­zi­ell frei­heits­be­schrän­ken­den Natur des Effek­ti­ven Altru­is­mus. Im Hin­blick auf das Ent­sa­gen vom Kin­der­wun­sch, vor dem Zweck, das ein­ge­sparte Geld für das Über­le­ben ande­rer Kin­der ein­zu­set­zen, wird die­ser Hang zur Unfrei­heit offen­bar.
Wenn­gleich auch auf­grund lobens­wer­ter Gesin­nung: der Effek­tive Altru­ist bewegt sich in der Sphäre des Zwecks, des Out­puts, des Ergeb­nis’ und exklu­diert das Mit­tel. Für ihn ist das Wesen des Mit­tels haupt­säch­lich das Mittel-Sein an sich. Befür­wor­ter des Effek­ti­ven Altru­is­mus mit dem Anspruch, ihn als ganz­heit­li­che Geis­tes­strö­mung zu begrei­fen, mögen an die­ser Stelle ein­wen­den, dass es doch nicht als unfrei gel­ten könne, im Wil­len ande­ren zu Hel­fen sich auch selbst maß­zu­re­geln. Als bekannte Ent­spre­chung dient etwa der Ein­tritt in ein Klos­ter, ein bewuss­ter Ver­zicht auf Frei­hei­ten, um sein Leben Gott und den Armen wie Schwa­chen zu wid­men. Beide ver­die­nen grund­sätz­lich hohen Respekt und bedür­fen doch einer kon­kre­te­ren Unter­su­chung im Lichte der Kan­ti­schen For­mel des »Zwe­ckes an sich selbst«. Diese hilft uns dabei, ein im Effek­ti­ven Altru­is­mus ein­ge­wo­be­nes Mittel-Zweck-Problem zu unter­su­chen: »Handle so, daß du die Mensch­heit sowohl in dei­ner Per­son, als in der Per­son eines jeden andern jeder­zeit zugleich als Zweck, nie­mals bloß als Mit­tel brauchest.«[1]
So ver­stößt es gegen die Kan­ti­sche Moral, einen ande­ren, aber auch sich selbst(!) aus­schließ­lich als Mit­tel für die Erlan­gung eines – wie auch immer beschaf­fe­nen Zwecks – zu ver­wen­den, ihn zu instru­men­ta­li­sie­ren. So muss die Wah­rung des eige­nen Mensch­seins oder das Mensch­sein des Ande­ren immer einen wei­te­ren Zweck, ein beglei­ten­des Hand­lungs­mo­tiv dar­stel­len. Frag­los ist der effektiv-altruistische Hand­lun­gen begrün­dende Hand­lungs­zweck erstre­bens­wert. Doch wie legi­tim die­ser Zweck auch sein mag, die han­delnde Per­son darf nicht in einen Zustand einer Selbst­ver­ges­sen­heit über das eigene Mensch­sein gelan­gen. Kon­sti­tu­tiv dafür ist der mensch­li­che Geist, zu wel­chem der aus Gefühl und Ver­nunft zusam­men­ge­setzte Wille zählt. Kon­kur­rie­ren Gefühl und Ver­nunft wie im Bei­spiel des Kin­der­wun­sches, obliegt es im Sinne einer inne­ren Frei­heit jedem selbst nach sub­jek­ti­ven Schwer­punk­ten eine Abwä­gung zwi­schen Gefühl und Ver­nunft zu fin­den. Diese Abwä­gung selbst ist dann wie­derum ver­nünf­tig, ent­springt sie doch dem ratio­na­len Akt des Abwä­gens. Den Auf­trag, wel­chen Kant an uns mit die­ser For­mel hin­ter­lässt, ist dem so beschaf­fe­nen Wil­len Rech­nung zu tra­gen, das eigene, Gefühl und Ver­nunft impli­zie­rende Mensch­sein als Zweck auf­zu­fas­sen. Für den Effek­ti­ven Altru­is­mus bedeu­tet dies, dass nur die­je­ni­gen, die nach inten­si­ver Abwä­gung und Erfor­schung des eige­nen Wil­lens zu der authen­ti­schen Ansicht gelangt sind, effek­tiv altru­is­ti­sch han­deln zu wol­len, eben dies tun sol­len. Weit­aus bemer­kens­wer­ter als diese Erkennt­nis ist jedoch die Tat­sa­che, dass nach Kant die mora­li­sche Stel­lung einer Per­son eben nicht dadurch defi­niert ist wie effek­tiv sie ret­tet, son­dern ob sie der Selbst­zweck­for­mel folgt. Die Kan­ti­sche Ethik ist daher von weit­aus grund­le­gen­de­rer Form als der Effek­tive Altru­is­mus. Der Effek­tive Altru­is­mus möchte Leid bekämp­fen; Kant möchte mensch­lich ver­ur­sach­tes Leid ex ante, das heißt prä­emp­tiv, aus­schlie­ßen.

An die­ser Stelle wird die Rolle des Effek­ti­ven Altru­is­mus offen­bar. Er kann eine mäch­tige Metho­dik sein, um Leid effek­tiv zu bekämp­fen, darf aber nicht zu einer umfas­sen­den, unfreien Ideo­lo­gie ver­kom­men. Diese Gefahr ist durch das quan­ti­ta­tive Moment des Effek­ti­ven Altru­is­mus gege­ben und über­schat­tet so sei­nen Ver­dienst: Ihm gelingt, sei­nen Mit­glie­dern ein ech­tes Bewusst­sein von ›exis­ten­tem Lei­den‹ zu ver­mit­teln und ver­langt von uns allen nicht nur Gutes, son­dern Gutes mög­lichst gut zu tun.

[1] »Mensch­heit« ist hier als Mensch­sein, die Men­schheit­lich­keit der Per­son auf­zu­fas­sen. Imma­nuel Kant. Grund­le­gung zur Meta­phy­sik der Sit­ten (Frank­furt am Main: Suhr­kamp, [1785] 2007). S. 79.


MATTHIAS SCHERR hat Weg­mar­ken gesetzt, die für sein Alter außer­ge­wöhn­lich breit und divers ange­ord­net sind. Mat­thias stu­diert Volks­wirt­schaft und Mathe­ma­tik in Regens­burg. Als Schü­ler gewann er den Bun­des­wett­be­werb ›Jugend Grün­det‹ und folgt seit dem einer schöp­fe­ri­sche Linie, die ihn zu Pro­ject Toge­ther brachte, bevor sie sich im Lon­do­ner East End, in den Flu­ren von Gold­man Sachs ver­läuft. Jüngst gewann Pro­ject Toge­ther die ›Goo­gle Impact Chal­lenge 2016‹. Mit sei­ner unter­neh­me­ri­schen Erfah­rung möchte er auf den Schul­tern der Jun­gen Union die deut­sche Poli­tik­land­schaft prak­ti­sch gestal­ten, um dann – wie sollte es auch anders sein – gesell­schaft­lich zu wir­ken.

In sei­nem Pod­cast ›Waking Up‹ zeigt Sam Har­ris im Gespräch mit Wil­liam MacAs­kill, eine der bedeu­tends­ten Stim­men des Effek­ti­ven Altru­is­mus, wie diese Strö­mung noch ver­stan­den wer­den kann – ein Kon­trast­pro­gramm zur obi­gen Argu­men­ta­tion. Wer per­sön­lich ins Gespräch kom­men will, kann am 8. Okto­ber 2016 zur ers­ten deut­schen Kon­fe­renz zum Effek­ti­ven Altru­is­mus nach Ber­lin fah­ren.

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