veröffentlicht am 13. August 2016 von prpstn
in : kommentiert

Die Grenze in uns

Spu­ren räum­li­cher Ver­hin­de­rung

»Ein Men­sch ver­är­gert durch eine Ratte, die er nicht
errei­chen kann, brennt sein gan­zes Haus nie­der.«

– Paul Valéry –

›Was Gren­zen machen‹ ist die Frage, die die­sem Essay vor­aus­geht. ›Was Gren­zen macht‹ ist ihr Anhäng­sel, durch das wir sie beant­wor­ten wer­den. Stellt man bei­des neben­ein­an­der, zeigt sich, dass sie sich in mehr unter­schei­den, als einem ver­än­der­ten Prä­di­kat. Berührt ers­tere die Funk­tion der Grenze, will letz­tere sie ursäch­lich begrün­den. Zwei­fels­ohne ist die Grenze ver­steh­bar, hat einen Grund; doch wis­sen wir wenig über ihre wahre Her­kunft. Unser Grenz­bild ist lücken­haft, ver­deckt von Ver­lust­ängs­ten und über­blen­det von der ver­meint­li­chen Not­wen­dig­keit des Gegen­wär­ti­gen. »Die Würde der Grenze ist unan­tast­bar« heißt es dort, wo Eigen­sucht die Errun­gen­schaf­ten eines ergrau­ten Euro­pas unter Bei­fall über­tönt. Sie ist das letzte Hei­lig­tum einer ero­dier­ten Moderne, deren Exis­tenz­recht auf ihren eins­ti­gen Markt­plät­zen von den einen ummau­ert und ande­ren ein­ge­ris­sen wird. Über Nacht wurde ihr Bestehen zur con­di­tio sine qua non all jener, die sich im Ande­ren und dem, was es für uns bedeu­ten könnte, per­sön­lich bedroht füh­len. In den flüch­tig flim­mern­den Kin­der­au­gen auf unse­ren Bild­schir­men und ihrem Schick­sal in unse­ren Time­li­nes spie­gelt sich, was wir über­wun­den geglaubt haben: Wir sind Men­schen, die in ihrem Wunsch nach einer abso­lu­ten, gren­zen­lo­sen Frei­heit auf Gren­zen nicht ver­zich­ten wer­den.
Die­ses Essay wird beschrei­ben, wie wir – von Gren­zen umschlos­sen – die Fähig­keit ver­lo­ren haben, an unse­ren Gren­zen zu zwei­feln. Die Grenze ist funk­tio­nal, denn sie stillt unser tief ver­wur­zel­tes und zutiefst mensch­li­ches Ver­lan­gen nach Dis­tanz; offen­bart einen kaum ver­stan­de­nen Bedarf nach Abstand, Exklu­si­vi­tät und Unan­tast­bar­keit. Wir ver­ste­hen sie als unbe­dingt rich­tig, weil wir uns erst zwi­schen Gren­zen unver­hin­dert, frei füh­len. Unsere Abhän­gig­keit von ihnen und ihr Schei­tern durch uns, zeich­net unsere Zeit. Kor­rek­tu­ren sind fäl­lig.

I.

ZU HAUSEUnsere ver­trau­teste Grenze erken­nen wir in der Weite unse­res Blick­fel­des, wenn wir durch die Stra­ßen der Groß­stadt gehen. Die Fas­sa­den, Rekla­men, Bäume, Plätze und vor­rü­ber­ge­hen­den Gerüste begren­zen unse­ren Blick und geben ihn frei, for­men unse­ren Hori­zont. Alles, was zwi­schen uns ›hier‹ und dem ›dort‹ liegt, wo unser Blick unver­mit­telt abbricht, wirkt berühr­bar; alles jen­seits davon im Augen­blick uner­reich­bar. In den sich über­schnei­den­den authen­ti­schen Per­spek­ti­ven wird eine Stadt zum Ort der Begeg­nung. Unsere Städte ver­dich­ten Bezie­hun­gen, was meint, sie zwin­gen uns Nähe her­zu­stel­len, wo wir Abstand hal­ten möch­ten. Nir­gends sonst ist die Rei­bung zwi­schen Öffent­li­chem und Pri­va­ten so sicht­bar, nir­gends erscheint die Grenze so banal wie not­wen­dig. In ihr ver­bild­licht sich die soziale Struk­tur einer Gesell­schaft. In ihr sind wir Grenz­gän­ger, die sich mor­gens in den Strom der Vor­über­ge­hen­den stür­zen und abends in eine Ver­bor­gen­heit flüch­ten, die wir »zu Hause« nen­nen. Die Pri­vat­heit unse­rer Woh­nun­gen ist hei­lig. Wir ver­tei­di­gen sie. Sie ist der Raum über den wir unge­teilte Ver­fü­gungs­macht behaup­ten. In ihm kön­nen wir sein, was drau­ßen undenk­bar ist: für uns.
Sieg­fried Kra­kauer schreibt, die Archi­tek­tur des urba­nen Rau­mes sei ent­we­der »absichts­voll« oder »Pro­dukt des Zufalls.«[1] Dahin­ter steht die Ein­sicht, das jen­seits der weni­gen bewusst ver­fass­ten Blau­pau­sen Unzäh­lige war­ten, von denen wir nichts wis­sen und die doch raum­bil­dend wir­ken. Jene intui­ti­ven, nicht hin­ter­frag­ten, unter­be­wuss­ten Absich­ten, die ein Dis­tanz­be­dürf­nis offen­ba­ren, das sich in urba­nen Gren­zen – Mau­ern, Wän­den, Türen, Fens­tern, Zäu­nen – mani­fes­tiert.
Ein Wille zur Dis­tanz, der erklärt, warum in den Nie­der­lan­den oft große Fens­ter zur Straße zei­gen, den Blick nach drin­nen auf die Fami­lien gewäh­ren und andern­orts Vor­hänge Fens­ter zeit­wei­lig undurch­sich­tig machen.

Anders als die Mauer, die weder von den Bli­cken noch ihren Men­schen ohne wei­te­res durch­dring­bar ist, ermög­licht uns das Fens­ter unser Ver­hält­nis zur Außen­welt selbst fest­zu­le­gen, unsere Sicht­bar­keit öffent­lich sicht­bar zu regu­lie­ren. Denn jen­seits gewoll­ter Trans­pa­renz schwingt mit jedem Blick, den wir von der Straße drau­ßen in eines der vie­len, noch unver­han­ge­nen Fens­ter wagen, der Ver­dacht des Voy­eu­ris­mus mit. Nicht allein, weil wir uns an der Nackt­heit zweier sich begeh­ren­der Men­schen ergöt­zen könn­ten, son­dern weil wir ihnen bli­ckend das Pri­vate genom­men haben. Unge­se­hen, sehen wir sie. Unser Blick trifft, doch ist flüch­tig, kaum wahr­nehm­bar, kaum beweis­bar.
In dem Maße, in wel­chem wir bestrebt sind, uns von der Unmenge an poten­zi­el­len Betrach­tern abzu­gren­zen, zeigt sich wie ver­wund­bar wir sind und wel­che Dis­tanz für uns erst Schutz bedeu­tet. Nur wenige Paare brau­chen den frem­den Blick. Für die Mehr­zahl steht hin­ter dem Erwischt wer­den die Scham und nicht die Lust.
Der Foto­graf Arne Sven­son hat in Lower Man­hat­tan fest­ge­hal­ten, was wir alle ken­nen: Men­schen hin­ter ihren Fens­tern, in ihren pri­va­ten Rück­zugs­räu­men, abge­grenzt durch die kubis­ti­schen For­men zeit­ge­nös­si­scher Archi­tek­tur – rät­sel­haft und welt­ver­ges­sen, fern und nah, zart und thea­tra­li­sch zugleich.[2] In sei­nen Bil­dern sehen wir die, die nicht die Augen des Betrach­ters spü­ren, sich anders – unsicht­bar – ver­hal­ten.
Im urba­nen Raum zeigt sich unser Dis­tanz­be­dürf­nis in der bau­li­chen Grenze. Sie lässt uns ent­schei­den, wann wir sicht­bar und wann berühr­bar sein möch­ten. Ihr Gegen­stück ist die pan­op­ti­sche Welt, in der wir zu abso­lu­ter visu­el­ler Ver­füg­bar­keit ver­ur­teilt sind. Ein Zustand, der uns zum Objekt ver­kehrt und die unfrei­weil­lige Betrach­tung nor­ma­li­siert. Unsere Gren­zen bewah­ren uns vor einem Schick­sal als ver­öf­fent­lichte Men­schen.[3]

II.

GRENZCHARAKTERUnsere urei­gens­ten Lebens­räume las­sen uns ver­ste­hen, dass eine Grenze nicht natür­lich ist. Das Gebirge, dass die Ebe­nen zer­teilt und die Bäche, die das Tal adrig durch­zie­hen, sind mora­li­sch unbe­fleckt.
Die Gren­zen, die wir hin­ge­gen set­zen sind nor­ma­tiv. Das heißt: Sie exe­ku­tie­ren eine Norm, ein ord­nen­des Prin­zip – trans­por­tie­ren eine bestimmte Vor­stel­lung von Ord­nung und Zuge­hö­rig­keit. Immer ver­läuft sie ent­lang der Men­schen, deren Leben sie spal­ten soll; ver­kör­pert Bruch­stel­len und bricht aufs Neue. Die Absich­ten hin­ter einer Grenze mögen mora­li­sch inte­ger sein oder auch nicht. Ihre wirk­li­che Qua­li­tät liegt stets in ihrer Gestalt. Oft wird sie in Schutz­be­grif­fen vor­ge­stellt. Dient der Secu­ri­tiza­t­ion, der Ver­si­cher­heit­li­chung, einer Gemein­schaft. Ent­hüllt latente Abnei­gun­gen. Und doch fällt es uns augen­schein­lich schwer sie nicht auf weni­ges redu­ziert, son­dern in ihrer Gänze zu den­ken.
Ihre Länge gilt am Fuße der Chi­ne­si­schen oder ent­lang der ehe­ma­li­gen Ber­li­ner Mauer als Merk­mal von beson­de­rem, meis­tens vor allem tou­ris­ti­schem, Wert; doch ver­rät sie uns nicht mehr als die Flä­che des durch sie ein­ge­schlos­se­nen Rau­mes. Das mag wich­tig sein, ist aber nicht aus­rei­chend. Weit bedeu­ten­der ist, wem sie Über­tritt gewährt. Wer hat Zugang zu den Räu­men, die sie ein­schließt? Wirkt sie exklu­die­rend, erlaubt sie nur denen, die ihrer Norm genü­gen, Zutritt? Oder ist sie von sym­bo­li­scher Natur und büro­kra­ti­siert ledig­lich die Ana­to­mie ihrer Räume, zeigt an wo das eine auf­hört und das nächste anfängt? In wel­chem Maße und mit wel­chen Mit­teln leis­tet sie Abschre­ckung und ver­tei­digt gewalt­sam, was sie umschließt? Wel­chen Weg muss ein Men­sch zurück­le­gen, um von der Spitze Marok­kos die 14.400 Meter der Straße von Gibral­tar nach Europa zu über­que­ren? Wel­che recht­li­chen Bedin­gun­gen stellt die Grenze dort wo sie zum unmit­tel­ba­ren Hin­der­nis wird an ihre Grenz­gän­ger? Wen müs­sen wir bezah­len, wie weit gehen, was auf­ge­ben, um sie zu pas­sie­ren?
Das Wesen einer Grenze, der Moment in dem sie fühl­bar wird, ruht in der Dis­tanz, die sie her­stellt. Zunächst vor­stell­bar als ihre Tiefe (Dicke), den Grenz­raum oder Grenz­strei­fen, den sie in in sich ein­schließt. Dis­tanz, die für den Grenz­gän­ger dann nur sel­ten linear ist. Dis­tanz im fol­gen­den Sinne ist weit mehr als eine phy­si­sche Größe. Sie ist der Auf­wand, den die Grenze uns abver­langt und der uns nah erschei­nen lässt, was schließ­lich uner­reich­bar ist.

Im Jahr 26 unse­res geein­ten Deutsch­lands haben auch wir ver­stan­den, dass sich Ent­fer­nun­gen nicht für alle Men­schen mit dem Kauf eines Flug­ti­ckets über­brü­cken las­sen und nicht nur Geld, son­dern zu oft auch Lebens­mut for­dern.
Mit der Grenze als Dis­tanz ver­än­dert sich Frei­heit. Liegt Frei­heit gemein­hin in der Menge an poten­ti­ell rea­li­sier­ba­ren Mög­lich­kei­ten und der Qua­li­tät ihrer Rea­li­sie­rung, erwei­tert unsere Anschau­ung als raum­ge­bun­dene Men­schen unser Ver­ständ­nis von ihr. Fol­gen wir einem räum­li­chen Frei­heits­be­griff, so zeigt sich Frei­heit nicht nur in (I) der Menge an begeh­ba­ren Räu­men und (II) der Qua­li­tät unse­res Zugangs zu die­sen, der zu über­brü­cken­den Dis­tanz[4], son­dern maß­geb­lich in (III) unse­rer Macht zum Aus­schluss ande­rer. I und II las­sen uns Gren­zen über­schrei­ten. III ermög­licht es uns, andere am Über­schrei­ten von Gren­zen zu hin­dern. Was auf den ers­ten Blick unver­ständ­lich erschei­nen mag, ist nur fol­ge­rich­tig: Eine Reduk­tion von Frei­heit auf die Merk­male I und II würde den Men­schen auf eine Weise ver­öf­fent­li­chen, wie wir es im All­tag nicht wol­len. Unsere Pri­vat­heit im urba­nen Raum ist eine Meta­pher für eine beson­dere Sou­ve­rä­ni­tät, die wir nur in exklu­si­ven Räume behaup­ten kön­nen. Dort kön­nen wir für uns sein, uns unge­stört Bedürf­nis­sen – auch unpo­pu­lä­ren – hin­ge­ben, die wir anderswo nicht leben könn­ten. Diese beson­de­ren Räume erwei­tern wie die von uns begeh­ba­ren all­ge­mei­ne­ren Räume das Feld unse­rer Mög­lich­kei­ten – und dem­nach auch unsere Frei­heit.
Doch jeder Raum­ge­winn kann dann auch bedeu­ten, dass andere ihre Räume in unse­rem Frei­heits­drang auf­ge­ben müs­sen. Wir sagen: »Unsere Frei­heit ist die Frei­heit der Ande­ren.« Und mei­nen: Exklu­sive Räume ver­lie­ren ihren Wert, sobald andere sie unge­fragt betre­ten kön­nen. Frei­heit unter­liegt sodann einer Dia­lek­tik aus Raum­nahme und -auf­gabe, die im Erle­ben von Migra­tion und Sied­lungs­bau, Segre­ga­tion und Gen­tri­fi­zie­rung, All­tags­ras­sis­mus und nach­bar­schaft­li­chen Zaun­strei­tig­kei­ten für uns leicht vor­stell­bar und am Ende lebens­wirk­lich ist.
Auf diese Weise wer­den neue Gren­zen eta­bliert, alte aktua­li­siert oder ver­wor­fen. Unsere Gesell­schaf­ten haben Grenz­cha­rak­ter. Unsere Fähig­keit, Räume zu gestal­ten, ver­weist auf eine zer­teilte Welt, in der die Gren­zen, die wir set­zen, Frei­heit erhö­hen und begren­zen; je nach­dem, auf wel­cher Seite des Zau­nes wir ste­hen und über wel­che Räume wir spre­chen. So glau­ben wir.

III.

VERHINDERTE FREIEEs scheint, mit der Rede von unse­rem Ver­lan­gen nach Abstand sei beant­wor­tet, was Gren­zen macht. Doch haben wir nicht nur den Fokus ver­scho­ben? Unser Augen­merk auf etwas All­ge­mei­ne­res gelegt; haben urbane Gefühls­wel­ten umge­gra­ben, um der Gren­zen Wur­zeln zu sehen? Ohne dann zu wis­sen, ob denn dies allein es ist, was sie wach­sen lässt? In Pla­tons Nomoi geht Sicher­heit dem Glück und den höhe­ren Tugen­den des Men­schen vor­aus. Ande­res glaubt der flo­ren­ti­ni­sche Staats­phi­lo­soph Nic­colò Machia­velli, der mahnt, dass Fes­tun­gen letzt­end­lich »viel eher schäd­lich als nütz­lich« für uns seien.[5] Wem gilt es zu fol­gen? Bei­den müs­sen wir fol­gen, denn neben dem ratio­na­len Stre­ben das Andere aus­zu­schlie­ßen sitzt eine andere Sorge tief im Unter­be­wusst­sein des Men­schen.
In den Über­res­ten der Moderne zei­gen sich unge­kannte Anspruchs­hal­tun­gen. Mit­men­schen zwi­schen wach­sen­den Städ­ten und der Idylle des Ver­gan­ge­nen fürch­ten sich vor dem, was das noch junge Jahr­hun­dert mit sich brin­gen könnte. Sie erle­ben die Inter­na­tio­na­li­sie­rung ihres Lebens­raums, fürch­ten, einem glo­ba­len E plu­ri­bus unum zum Opfer zu fal­len, in dem die Vie­len bedeut­sa­mer wer­den und die Weni­gen – die sie sind – den Halt ver­lie­ren. Über­all auf der Welt wäh­nen sie ihr ganz per­sön­li­ches Dimi­nu­endo, das ihre ver­zwei­fel­ten Stim­men erst dämpft und schließ­lich ver­klin­gen lässt.
Sie sehen sich in eine see­li­sche Dia­spora gedrängt (und drän­gen andere nicht min­der); ver­kör­pern den Homo Muni­tus, den sich ver­schan­zen­den Men­schen, der an die Grenze als sei­nen wesent­li­chen Flucht­punkt glaubt.[6] »Don’t build fen­ces around your set­t­le­ment«, warnte der ehe­ma­lige israe­li­sche Pre­mier Ariel Sharon seine Lands­leute, »place the fen­ces around the Palesti­ni­ans«, rief er ihnen zu. Im Satz sei­nes Nach­fol­gers Ehud Barak – »Israel is a villa in the jun­gle.« – zeigt sich warum: Der Erobe­rer des Dschun­gels glaubt, den Dschun­gel aus­zu­gren­zen. In Wahr­heit erobert der Dschun­gel ihn. Die Grenze, die er in sei­ner Ver­wund­bar­keit setzt, ist seine eigene.
Und gerade dort, wo Ord­nun­gen wan­ken und Iden­ti­tä­ten bedroht sind, weni­ges noch ein­deu­tig ist, möchte man in sei­nen Gren­zen über­deut­lich sein – hört die fun­da­men­ta­lis­ti­sche Ver­lo­ckung, hört sie gern und folgt ihr bei­zei­ten.[7] Sie bie­ten uns, wonach wir uns am meis­ten seh­nen: eine gute Erklä­rung. Die trös­tende Fik­tion, sicher zu sein.[8]

Doch für den, der an der Spitze Marok­kos steht und seine Frei­heit schon zu spü­ren glaubt, ist die Grenze eine Bar­riere, die er über­win­den wird. Sie ändert sei­nen Weg, aber nicht den Wunsch ihn zu gehen. Mit denen, die gute Gründe haben, unsere Gren­zen zu über­schrei­ten, fürch­ten wir uns vor dem, was sie für uns bedeu­ten könn­ten: ein Risiko. Gerade das Fremde erscheint unfass­bar. In sei­nem Ange­sicht sind unsere Gren­zen nicht mehr als mate­ria­li­sierte Spe­ku­la­tion. Wir kön­nen die Gefahr, die sie in sich zu uns tra­gen, nicht kal­ku­lie­ren, wis­sen nicht womit wir rech­nen sol­len. Da ist es nicht ent­schei­dend, ob wir unsere Gren­zen brau­chen. Wir könn­ten.
Gerade weil wir begon­nen haben, die mora­li­sche Gleich­heit der Ande­ren zu ver­in­ner­li­chen, wis­sen wir, zu was sie fähig sein könn­ten, weil auch wir es frü­her mal waren. Die Gren­zen, die wir vor die­sen sor­gen­vol­len Hin­ter­grund set­zen, sind Pal­lia­tiv und Prä­ven­tion zugleich. Durch sie neh­men wir ande­ren, was andere uns neh­men könn­ten: eine Zukunft. Wir wol­len das Denk­bare fixie­ren, indem wir ihm seine Mög­lich­kei­ten neh­men. Vom Unge­wis­sen getrie­ben erken­nen wir in der Grenze den ver­lo­ren geglaub­ten Hori­zont, der unsere bedroh­li­che Welt in ein beru­hi­gen­des Welt­bild ver­kehrt, schreibt Hei­deg­ger.[9] »[J]edes leben­dige kann nur inner­halb eines Hori­zon­tes gesund, stark und frucht­bar wer­den; ist es unver­mö­gend, einen Hori­zont um sich zu zie­hen…, inner­halb eines frem­den den eige­nen Blick ein­zu­schlie­ßen; so siecht es matt oder über­has­tig zu zei­ti­gem Unter­gang dahin«, schreibt Nietz­sche.[10] Dass Hori­zonte täu­schen kön­nen, ver­schweigt er wis­sent­lich.
Wir leben in stän­di­ger Gefahr, die Grenze zu feti­schie­ren. Ver­tei­di­gen sie unbe­rech­tigt als Garan­tie. Umgrenzt glau­ben wir uns frei, sou­ve­rän, unan­tast­bar und sind doch ver­hin­dert. Mecha­nis­men der Abwehr rich­ten sich gegen Impulse und affek­tive Angst; nie gegen bloße Ideen, bemerkt Anna Freud.[11] In der Angst per­ver­tiert Frei­heit und ist nicht län­ger ein posi­ti­ver Begriff.

Die Grenze ist eine not­wen­dige Bedin­gung freier Men­schen, doch sie ist auch Reso­nanz­raum für die Ängste all derer, die mit jeder Unwäg­bar­keit in ihren Leben eine wei­tere Grenze in ihren Köp­fen zie­hen. »Unsere Frei­heit ist die Frei­heit des Ande­ren«, sagen wir und glau­ben daran. Doch Frei­heit wächst nur, wo wir Dis­tan­zen ver­kür­zen, nach­her mehr als vor­her haben, wei­ter bli­cken, mehr leben dür­fen, als wir einst konn­ten. Sie schwin­det, wo Gren­zen fal­schen Grün­den gehor­chen, Gemein­schaf­ten, Men­schen, aus­ein­an­der­drif­ten las­sen.


Refe­ren­zen

[1] Sieg­fried Kra­kauer. »Aus dem Fens­ter gese­hen«. Stra­ßen in Ber­lin und anderswo. Frank­furt am Main: Suhr­kamp, [1964] 2009. S. 53.

[2] Arne Sven­son. The Neigh­bours. New York: Julie Saul Gallery/D.A.P. Exclu­sive, 2014.

[3] Michél Fou­cault. Über­wa­chen und Strafe. Die Geburt des Gefäng­nis­ses. Frank­furt am Main: Suhr­kamp, [1976] 2008; Jeremy Bent­ham. The Pan­op­ti­con Wri­tings. Miran Bozo­vic (Hg.). Lon­don: Verso, 2010.

[4] Je gerin­ger die totale Dis­tanz, das heißt, je gerin­ger der Auf­wand, der nötig wäre, um alle begeh­ba­ren Räume Yn von einem belie­bi­gen Punkt X aus zu bege­hen, desto grö­ßer die Frei­heit.

[5] Pla­ton. »Nomoi«. Sämt­li­che Werke 4: Timaios, Kri­tas, Minas, Nomoi. Ursula Wolf (Hg.). Rein­bek: Rowolth, 1994; Nic­colò Machia­velli. Dis­corsi. Staat und Poli­tik. Frank­furt am Main: Insel-Verlag, 2000.

[6] Lat. »mūniō«: mau­ern, befes­ti­gen, ver­schan­zen, schüt­zen; ein Begriff nach Greg Eghi­gian. »Homo muni­tus«. In Paul Betts und Kathe­rine Pence (Hg.). Socia­list Modern. East Ger­man Ever­y­day Cul­ture and Poltics. Ann Arbor: Uni­ver­sity of Michi­gan Press, 2008. S. 10.

[7] Navid Ker­mani. Wer ist Wir? Deutsch­land und seine Mus­lime. Mün­chen: C. H. Beck, 2009. S. 15.

[8] Wendy Brown. Wal­led Sta­tes, Waning Sover­eig­nity. New York: Zone Books, 2010.

[9] Mar­tin Hei­deg­ger. »Bauen, Woh­nen, Den­ken«. Vor­träge und Auf­sätze. Stutt­gart: Klett-Cotta, 2004.

[10] Fried­rich Nietz­sche. »Vom Nut­zen und Nach­teil der His­to­rie für das Leben«. Unzeit­ge­mäße Betrach­tun­gen in Sämt­li­che Werke: Kri­ti­sche Stu­di­en­aus­gabe in 15 Bän­den. Gior­gio Colli und Maz­zino, Mon­ti­nari (Hg.). Band 1.

[11] Anna Freud. Das Ich und die Abwehr­me­cha­nis­men. Ber­lin: Fischer, 1984.


Titel­bild: Die israelisch-ägyptische Grenze im Nor­den von Eliat. Photo: Indobi [mini­mal begra­digt] | CC BY-SA 3.0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

.Ein lite­ra­ri­scher Raum