veröffentlicht am 6. Juni 2016 von prpstn
in : kommentiert

Die Ent­de­ckung mei­ner Sterb­lich­keit

Nor­ma­ler­weise steht hier: »Bei­träge der Kommentiert-Reihe spie­geln das tiefe Unbe­ha­gen des Autors wie­der. Sie sind pole­mi­sch, sel­ten aus­ge­wo­gen, immer streit­bar und wol­len doch Genau­ig­keit her­stel­len. Jeg­li­ches Unver­ständ­nis, das den Leser über­kommt, darf als Kom­men­tar zu Pro­to­koll gege­ben wer­den. Das ver­langt die Betrof­fen­heit des Lesers und freut den Ver­fas­ser.« Die­ser Bei­trag schließt an »Ver­ges­sen« an. Der Autor sucht Halt am Ende eines Lebens­ab­schnitts. Er fin­det ihn, wäh­rend er mit sei­ner Sterb­lich­keit umzu­ge­hen ver­sucht, in einer Frage. Müs­sen wir mehr über den Tod nach­den­ken, um leben­dig zu sein?


Unsere Mor­ta­li­tät ist natur­ge­setz­lich ver­an­kert. Wir erfah­ren den Tod – den Her­ren­dorf, Hit­chens oder Rad­datz lite­ra­ri­sch ver­ar­bei­ten, als er sich ihnen “phy­si­sch“ annä­hert – ebenso wie die Auto­ren selbst. Wir wis­sen nicht, wie sich Ster­ben anfühlt und glau­ben doch zu wis­sen, sobald wir von ihren bewe­gen­den Beob­ach­tun­gen lesen, ler­nen, gerührt sind, wie es sich anfühlt oder anfüh­len muss, wenn es für uns soweit ist. Das liegt zum einen daran, dass die Auto­ren so fähig sind, ihre Situa­tion erfahr­bar zu machen. Sie gehen über das bloße Schil­dern hin­aus. Sie reflek­tie­ren und wei­nen – und wir wei­nen mit ihnen. Aber auch daran, dass wir als Men­schen, alle Men­schen, in die­sem Schick­sal ver­eint sind und diese Angst so uni­ver­sal exis­tent wie par­ti­ku­lar prä­sent ist. 

Geweint habe ich das letzte Mal vor ein paar Tagen, als ich Paul Kal­a­thi­nis Buch When Bre­ath Beco­mes Air zu Ende brachte. Ich möchte ihn gern in diese Reihe brin­gen, die ich zuvor mit Her­ren­dorf, Hit­chens und Rad­datz auf­ge­baut habe, weil er so ein begna­de­ter und ambi­tio­nier­ter Schrei­ber ist. Er ist ursprüng­lich kein Autor, son­dern ein Neu­ro­chir­urg und Neu­ro­wis­sen­schaft­ler. Auf sei­nem beruf­li­chen und geis­ti­gen Höhe­punkt bricht mit 35 Jah­ren eine Krebs­dia­gnose über ihn her­ein.

»And with that, the future I had ima­gi­ned, the one just about to be rea­li­zed, the cul­mi­na­tion of deca­des of stri­ving, eva­po­ra­ted.« (Und damit erlo­sch, ver­flüch­tigte sich die Zukunft, die ich mir aus­ge­malt hatte und um deren Größe ich jahr­zehn­te­lang kämpfte.)
Zwei Jahre spä­ter – so viel kann ich vor­weg neh­men, weil es ja meine Trä­nen und der Titel bereits ver­ra­ten, wenn nicht schon die ein­lei­ten­den Worte – stirbt er. Aber es lie­gen zwei Jahre zwi­schen Dia­gnose und Tod. Das ist ent­schei­dend, auch für Kal­a­thini, der sich des­halb dazu ent­schließt, ein Buch zu schrei­ben und seine prak­ti­schen Erfah­run­gen in eine sprach­li­che Form zu über­tra­gen. When Bre­ath Beco­mes Air doku­men­tiert sei­nen Ver­such, der – wie jedes Leben auch – ein­ma­lig und end­gül­tig ist.

»If the weight of mor­ta­lity does not grow ligh­ter, does it at least get more fami­liar?« (Wenn der Bal­last der Sterb­lich­keit nicht gerin­ger wird, gewöh­nen wir uns wenigs­tens daran?)

Wann begin­nen wir zu ler­nen, dass wir end­lich sind? Ich kann mich nicht daran erin­nern, dass mir das als Klein­kind bewusst gewe­sen war. Ich mus­ste gedacht haben, dass sich das Leben unbe­fris­tet ereig­net. Ich weiß nicht mehr, wann sich die­ser Glaube als Illu­sion ver­flüch­tigte, aber ich kann mich gut daran erin­nern, dass mich die neue Ent­de­ckung furcht­bar trau­rig gemacht hat. Im Schlaf­zim­mer mei­ner Groß­el­tern, in dem ich mich eigent­lich zum Mit­tags­schlaf befand, konnte ich kein Auge zuma­chen. Ich starrte für eine Stunde an die Decke. Ich hatte große Angst davor, nicht wie­der auf­zu­wa­chen. Mit offe­nen Augen war ich im Leben, das Dun­kel bedeu­tete den Tod. Schauen wir uns Kin­der­fo­tos an, schreibt Roger Wil­lem­sen, betrach­ten wir uns immer als Ster­bende. Ich erkenne mich darin wie­der, finde ich mich wie­der im Schwär­me­ri­schen, Träu­me­ri­schen, auch Ängst­li­chen. Das Kind in mir aber ist bio­gra­fi­sch gewor­den. Es ist nicht mehr gegen­wär­tig. Ich denke, mit mei­nem Jahr in Washing­ton, DC ist etwas zu Ende gegan­gen. Sollte es eine magi­sche Grenze, oder einen Grenz­ver­lauf, geben – in der ein Selbst­be­wusst­sein im Erwach­se­nen erwacht – dann habe ich sie in den letz­ten Mona­ten über­quert. Es geschah schlei­chend, nicht trau­ma­ti­sch. Ein Knacks, kein Bruch. 

Ich bin Anfang 20. Ich hoffe, meine Gesund­heit bricht mich nicht in der Mitte mei­nes Schaf­fens aus­ein­an­der. Ich bin hung­rig, sehn­süch­tig, demü­tig – aber vor allem eines: dank­bar. Das ist das domi­nie­rende Gefühl, dass mich bei jeder Lek­türe über­kommt, die dem Tod ent­ge­gen schreibt. Und so sollte es sein. 

Müs­sen wir mehr über den Tod nach­den­ken, um leben­dig zu sein? 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

.Ein lite­ra­ri­scher Raum